Literaturnobelpreis an Mo Yan Ein aufrechter Angepasster

Ein Meister der Sprache und ein Opportunist. Der chinesische Literaturnobelpreisträger Mo Yan erzählt so fulminant wie opulent. Doch seine Werke sparen mit Kritik am aktuellen Regime in Peking. Der Autor hat sich mit dem System arrangiert - und steht ganz offen dazu.

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Als der chinesische Schriftsteller Mo Yan 2009 die Frankfurter Buchmesse besuchte, erzählte er eine Anekdote, die in China angeblich jedes Kind kennt: Beethoven und Goethe gehen gemeinsam spazieren. Da kommt ihnen die Kutsche des Königs entgegen. Beethoven bleibt trotzig und erhobenen Hauptes stehen. Goethe dagegen macht Platz, verbeugt sich und zieht den Hut. Als junger Mann habe er Beethovens Reaktion bewundert, so Mo Yan. Doch seit er selbst über fünfzig Jahre alt sei, gelte sein ganzer Respekt dem Verhalten Goethes.

So spricht kein Dissident. Und wenn Mo Yan nun mit dem Literaturnobelpreis des Jahres 2012 ausgezeichnet wird, wirkt dies nicht wie eine politische Geste für einen Gegner des chinesischen Regimes. Der mittlerweile 57-Jährige hat sich mit dem System ganz offensichtlich arrangiert.

In Frankfurt war Mo Yan 2009 als Mitglied der offiziellen Abordnung des damaligen Buchmessen-Gastlands China. Als es beim China-Symposium der Buchmesse zu einem Eklat um die oppositionellen Schriftsteller Dai Qing und Bei Ling kommt, verlässt die offizielle Delegation den Saal. Mo Yan mit ihr. Dai Quing, Umweltaktivistin, auf eigene Faust und gegen den Willen der Kulturbürokratie nach Frankfurt gereist, warf ihm kurz darauf vor, in seinen Büchern zwar wichtige Fragen anzuschneiden, sich dabei aber nie in politisch sensible Bereiche vorzuwagen. Schließlich sei er lange Offizier gewesen und beziehe eine Pension der chinesischen Armee.

Bezahlt vom Ministerium

"Ich hatte keine Wahl", sagte Mo Yan nach dem Vorfall. Er sei nun einmal nicht ein privater Gast, sondern das Mitglied einer offiziellen Delegation gewesen. "Ich beziehe ein Gehalt vom Künstlerforschungsinstitut des Kulturministeriums und bin darüber sozial- und krankenversichert. Das ist die Realität in China. Im Ausland haben alle ihre eigenen Versicherungen. Aber ohne Anstellung kann ich es mir nicht leisten, in China krank zu werden", so der Autor weiter.

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Mo Yan: Zwischen Phantasie und Wirklichkeit

Mo Yan ist ein Kind der Zwangsmodernisierung der Mao-Ära, die Millionen von Menschen das Leben gekostet hat: 1955 geboren als Sohn einfacher Bauern, verließ er die Schule bereits mit zwölf Jahren, arbeitete in der Landwirtschaft, erhielt erst bei der Armee eine weitergehende Ausbildung - und studierte schließlich an einer Militärakademie Sinologie. "Ich bin nicht mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern. In unserer Gegend gab es einige großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten. Wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können, war früh mein Traum", beschrieb er später seine Motivation, Schriftsteller zu werden.

1981 veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte. Als Künstlernamen wählt der junge Schriftsteller, der eigentlich Guan Moy hieß, die Bezeichnung Mo Yan, die, je nach Übersetzungsvariante, in etwa "Der Sprachlose" oder aber "Sprich nicht" bedeutet. Eine Anspielung auf einen Rat seiner Mutter, sich in den blutigen Wirren der chinesischen Kulturrevolution ruhig zu verhalten.

1985 erschien Mo Yans Roman "Das rote Kornfeld", eine opulente Familiengeschichte vor dem Hintergrund des chinesisch-japanischen Krieges in den dreißiger Jahren. Das Buch wurde verfilmt, der Film auf der Berlinale 1988 mit einem Bären ausgezeichnet. Weitere wichtige Werke sind "Die Knoblauchrevolte", "Der Überdruss" und "Die Sandelholzstrafe" und zuletzt "Wa" (der Frosch), das 2013 in deutscher Übersetzung erscheinen soll.

Grausame Foltermethode

Während die Verlage auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2012 darüber klagen, dass das einst so große Interesse deutscher Leser an der vitalen, phantasievollen Literatur Lateinamerikas fast zum Erliegen gekommen sei, tritt mit Mo Yan nun ein literarischer Geistesverwandter des magischen Realismus ins Licht der Weltöffentlichkeit - denn zumindest in Deutschland wurde Mo Yans Werk bislang nur unzureichend wahrgenommen.

Seine Romane sind handlungsprall, volkstümlich, von einer bildsatten, sinnlichen Sprache, äußerst umfangreich. Inspiriert von mündlich tradierten Legenden, von historischen Ereignissen, häufig in der Vergangenheit angesiedelt, entsprechen sie kaum der Klischeevorstellung vieler europäischer Leser von der klaren Schlichtheit ostasiatischer Literatur.

Wie einst, wenn die Bauern in seiner Kindheit Geschichten erzählten, umgarnt Mo Yan seine Leser mit phantastischen und drastischen Elementen, hält sie mit Dämonen und anderen übersinnlichen Wesen bei der Stange, beschreibt ausführlich grausame Foltern wie die titelgebende "Sandelholzstrafe", bei der dem Opfer ein Hölzchen rektal eingeführt wird. Schließlich wird es, nachdem ein Teil der Organe zerstört sind, zum Mund herausgezogen. Die "FAZ" verglich seine Werke deshalb mit den großen Tableaus von Hieronymus Bosch.

John Updike, bis zu seinem Tod selbst einer der Dauerkandidaten für den Literaturnobelpreis, sagte über Mo Yan, der Chinese beschreibe in seinen Büchern "fröhlich frei die physischen Details, die mit Sex, Geburt, Krankheit und gewaltsamem Tod einhergehen". Mo Yan kommentierte dies in einem Interview mit den Worten: "So ist nun mal die Realität. Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der vergangenen hundert Jahre, und die bestand vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung."

Über seine Rolle in der medialen Öffentlichkeit Chinas sagt er deshalb: "Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit - und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz." Dem Schmerz der chinesischen Gegenwart, den Menschenrechtsverletzungen oder gar dem Schicksal seines Landsmanns, des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, aber widmet sich Mo Yan deutlich weniger als dem Schmerz der Vergangenheit. Die Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen Chinas lässt sich in seinen Werken eher nur codiert entdecken.

Dass er nun den Literaturnobelpreis erhält, ist, auch wenn er auf den inoffiziellen Favoritenlisten der Wettanbieter weit vorn stand, eine Überraschung - weniger weil erneut ein international wenig bekannter Autor ausgezeichnet wird, sondern weil sich die Jury in seinem Fall offenbar nicht, wie bei Dario Fo oder Harold Pinter, von politischen Kriterien hat leiten lassen. Ein Vorzeige-Oppositioneller ist dieser Autor nicht. Er hat sich mit dem Regime arrangiert - wie die Mehrheit der Chinesen.

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david_2010 11.10.2012
1. Literatur IST UNGLEICH Politik
Warum muss sich ein Literatur-Nobelpreisträger gegen Regimes stellen oder politische Systeme kritisieren ? Es geht doch um Literatur, nicht um Politik.
mwinter 11.10.2012
2. Lächerlich!
Nach den Maßstäben des Autors zu urteilen sollte jeder deutsche Literat nur daran gemessen werden, wie viel oder wenig er an Kritik am System Merkel spart. Fürwahr - eine Gertrud Höhler hätte unter solchen Bedingungen den Nobelpreis sicher ;-)
sozialminister 11.10.2012
3. Hurra!
Der Literaturnobelpreis geht an einen Literaten und nicht an einen Politiker! Das es den westlichen Gutmenschen nicht in den Kram passt, daß ein Chinese gewinnt, der nicht sein Regime kritisiert, das war ja für jedes Kindergartenkind abzusehen. Ich finde es aber dennoch begrüßenswert, daß der Nobelpreis entpolitisiert wird. Das war in den letzten Jahren schon genug peinliche Propaganda-Veranstaltung für den Westen. Jetzt fehlt nur noch, daß der Friedensnobelpreis auch tatsächlich an einen Friedensstifter überreicht wird. Das hat man wirklich schon lange nicht mehr erlebt. So und nun empört euch! :)
rozo 11.10.2012
4.
Abgesehen davon, dass der Autor wahrscheinlich keine Ahnung von China hat ist seine Interpretation der Haltung der chinesischen Bevölkerung gegenüber ihrer Regierung von einer bodenlosen Arroganz geprägt. Solche Artikel sind eine Zumutung, leider jedoch immer noch repräsentativ für deutsche Berichterstattung über China.
florian_peiper 11.10.2012
5. Regime Spiegel
Zitat von david_2010Warum muss sich ein Literatur-Nobelpreisträger gegen Regimes stellen oder politische Systeme kritisieren ? Es geht doch um Literatur, nicht um Politik.
Da irren Sie sich gewaltig. Dem Spiegel geht es immer nur um Politik wenn es um China geht. Hass auf die chinesische Regierung (In der Spiegel Sprache nur abfällig als "Regime" tituliert) gehört zum Dogma dieser Redaktion. Auch völlig unpolitische Themen wie Sport (Olympia 2008 in Peking) und Literatur werden vom Spiegel vollkommen politisiert. Der Autor hat offensichtlich weder Respekt vor dem Preisträger noch Ahnung von Literatur, er schreibt zu 90% über Politik und versucht den Preisträger als angepasst darzustellen. Angepasst an die deutsche Meinungs-Zwangsjacke der politischen Korrektheit sind aber zunächst einmal die Spiegel Redakteure selbst.
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