Chinesische Reaktionen auf Nobelpreis: "Bücher zum Hinterteilabwischen"

Der Literaturnobelpreis für Mo Yan löst heftige Reaktionen unter Chinas Intellektuellen aus: Einige betrachten die Auszeichnung als "Ehre", andere attackieren den Preisträger für seine Regimenähe und seinen Kotau vor Mao. Und noch andere werden dabei richtig deftig.

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Löst nicht nur Begeisterung aus: Der chinesische Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Peking/Frankfurt am Main - Der Literaturnobelpreis für Mo Yan hat bei chinesischen Intellektuellen für sehr gemischte Reaktionen gesorgt. Der kritische Blogger Han Han sprach am Donnerstag in Peking von einer "Ehre für chinesische Schriftsteller". Der Bürgerrechtler und Autor Yu Jie übte hingegen scharfe Kritik. "Ich denke, der Nobelpreis sollte an niemanden verliehen werden, der Mao Zedong lobt, egal wie populär sein Werk ist", schrieb Yu Jie auf der Webseite des internationalen Pen-Clubs. Yu Jie war in diesem Jahr in die USA emigriert.

Yu Jie verwies darauf, dass Mo Yan bei der Frankfurter Buchmesse 2009 mit der offiziellen chinesischen Delegation den Saal verlassen habe, als regimekritische Autoren an einem Forum teilnehmen wollten. "Das hat gezeigt, dass seine erste Rolle nicht die eines unabhängigen Schriftstellers ist, sondern die eines Schreibers der chinesischen Kommunistischen Partei." Yu Jie war im unabhängigen chinesischen Pen-Club aktiv, dem der inhaftierte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo als Ehrenvorsitzender vorsteht. Mo Yan hingegen ist Vizevorsitzender der offiziellen chinesischen Schriftstellervereinigung.

Empört reagierte auch der Direktor des Hongkonger Büros des unabhängigen chinesischen Pen-Clubs: "Mo Yan hat wirklich nichts zu sagen", schrieb Patrick Poon in einem Kommentar im Kurznachrichtendienst Twitter. "Seine Bücher können dazu benutzt werden, um sich das Hinterteil abzuwischen."

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Mo Yan: Zwischen Phantasie und Wirklichkeit
Chinas Staatsmedien feiern Mo Yan wiederum als den "ersten chinesischen Nobelpreisträger". Schon diese - falsche - Einstufung verdeutlicht die Kontroverse um den chinesischen Schriftsteller. Der erste chinesische Autor, der 2000 den Literaturnobelpreis erhielt, war Gao Xingjian. Der aber lebt im französischen Exil - und gilt dem offiziellen China damit nicht mehr als Chinese.

Der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhielt, würde sich selbst wohl nur äußerst ungern als chinesischer Bürger einstufen lassen, weil das chinesisch beherrschte Tibet aus seiner Sicht nicht zu China gehört. Auch darf das religiöse Oberhaupt der Tibeter überhaupt nicht mehr ins Land. Umgekehrt lässt China den letzten chinesischen Nobelpreisträger nicht mehr aus dem Land, geschweige denn aus der Haft: So sitzt der Friedensnobelpreisträger von 2010, Liu Xiaobo, weiter im Gefängnis, seine Frau Liu Xia steht unter strengem Hausarrest.

Die einen sehen in Mo Yan einen angepassten "Staatsschriftsteller", die anderen einen großen Geschichtenerzähler und unabhängigen Literaten. In dem Vorwort zu "Wa" (Frösche), das nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen soll, schreibt der 57-Jährige selbst über sein Dilemma: "Wenn ein Schriftsteller keine heißen Eisen anfasst, gilt er als Opportunist, geschützt von der Regierung. Wenn er es tut, wird er kritisiert, dass er sich beim Westen anbiedert."

Der englische Übersetzer von Mo Yan, Howard Goldblatt, verteidigt Mo Yan denn auch gegen Kritik: "Der Zensur ausgesetzt zu sein und sich anzustrengen, ihr zu entsprechen, sind zweierlei." Doch seine Kritiker verweisen eben nicht nur darauf, dass sich Mo Yan selbst demonstrativ von Regimekritikern distanziert hat. Besonderen Anstoß löste die Tatsache aus, dass er 2002 mit anderen Autoren zu Ehren von Mao eine Seite aus den Reden des Revolutionärs zur Literatur mit der Hand für einen Jubiläumsband abgeschrieben hatte; Mao hat Millionen Chinesen auf dem Gewissen, darunter hat auch viele Intellektuelle.

Bei chinesischen Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse hat die Ehrung Mo Yans indes große Freude ausgelöst. "Wir sind sehr glücklich und stolz über diese Entscheidung", sagte Zeng Shaomei vom Verlag People's Literature Publishing House in Peking. Dort wird demnächst das jüngste Buch des Preisträgers veröffentlicht, mit dem Titel "Blaues Schloss".

Allein 16 Werke von Mo Yan hat das Shanghai Literature and Art Publishing House verlegt. "Diese Auszeichnung ist ein großer Schritt, um die chinesische Literatur in der Welt noch bekannter zu machen", sagte Peng Weiguo, stellvertretender Leiter der Shanghai Century Publishing Group, zu der der Verlag des Autors gehört.

hpi/dpa

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