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Literaturnobelpreis-Jury: Rücktrittseklat wegen Jelinek

Aufregung vor der Verleihung des Literaturnobelpreises: Nach langem Streit beendete Jurymitglied Knut Ahnlund seine Mitgliedschaft in der Akademie wegen der letztjährigen Ehrung Elfriede Jelineks. Die Preisträgerin habe das Ansehen der Auszeichnung "zerstört".

Stockholm - Eigentlich hüllt sich die schwedische Akademie zur Vergabe des Literaturnobelpreises in diesen Tagen in Schweigen. Kein Wort dringt an die Öffentlichkeit, nicht einmal der Termin für die Bekanntgabe des Gewinners ist exakt festgelegt. Umso überraschender ist der Rücktritt von Jury-Mitglied Ahnlund kurz vor Verkündung des diesjährigen Gewinners.

Nobelpreisjury-Mitglied Ahnlund: Front gegen Jelinek
DPA

Nobelpreisjury-Mitglied Ahnlund: Front gegen Jelinek

Als Grund für seinen Rückzug gab der schwedische Autor die Vergabe an die österreichische Autorin Jelinek im vergangenen Jahr an. Er schrieb in der Stockholmer Zeitung "Svenska Dagbladet": "Der Nobelpreis für Elfriede Jelinek hat den Wert der Auszeichnung auf absehbare Zeit zerstört." Er sei sich sicher, dass nur ein Bruchteil der 18 Jurymitglieder überhaupt ein Buch Jelineks gelesen haben. Dazu warf er der Autorin "monomane und eingleisige" Autorenschaft und "klagende und lustlose Gewaltpornografie" vor. Dazu bezeichnete er ihr Werk als "armselig und dürftig".

Die österreichische Autorin selbst wollte sich zu den Vorwürfen Ahnlunds nicht äußern. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärte sie schriftlich: "Nein, dazu gebe ich keinen Kommentar ab."

Ahnlund selbst hatte wegen persönlicher Konflikte mit vielen Mitgliedern seit 1996 nur sporadisch an der Arbeit der Jury teilgenommen. Seit dieser Zeit übte er immer wieder Kritik an den Entscheidungen. So bezeichnete er den Ständigen Sekretär Horace Engdahl als inkompetent und opportunistisch.

Aus diesem Grund reagierte die Jury auch gelassen auf den Vorstoß Ahnlunds. In einer schriftlichen Erklärung bezeichnete Englund laut dpa den Rücktritt als "Pseudo-Neuhheit". Ahnlund habe seit 1996 nur an zwei bis drei Festlichkeiten teilgenommen, weshalb der Rückzug nichts Besonderes sei.

Dass Ahnlund erst jetzt und nicht bereits vor einem Jahr aus der Akademie zurückgetreten ist, hat bei den Buchmachern für Aufregung gesorgt. Sein Rückzug kurz vor der erwarteten Bekanntgabe könnte als Indiz dafür verstanden werden, dass er auch mit dem Gewinner in diesem Jahr nicht einverstanden ist. Wie die anderen Nobelpreisträger steht der Sieger in der Kategorie Literatur bereits fest. Lediglich die Bekanntgabe lässt auf sich warten; als Termin wird der Donnerstag erwartet.

Stockholmer Kulturjournalisten begründen den Vorstoß damit, dass Ahnlund die größtmögliche Aufmerksamkeit erreichen wollte. Er wolle persönliche Fehden mit Rivalen in die Öffentlichkeit tragen und habe deshalb auf einen günstigen Zeitpunkt gewartet.

Nobelpreisträgerin Jelinek: Zerstörerin des Preises?
REUTERS

Nobelpreisträgerin Jelinek: Zerstörerin des Preises?

Dennoch wurden die Wettanbieter in Alarmbereitschaft versetzt. Selten waren die Buchmacher über den Ausgang der Abstimmung so uneins wie in diesem Jahr: Das englischen Büro von Ladbrokes sieht den Syrer Adonis vorne, dicht gefolgt von der Amerikanerin Joyce Carol Oates und dem Schweden Thomas Tranströmer. Die Wettagentur Readabet räumt auch dem Belgier Hugo Claus und dem Holländer Cees Nooteboom gute Chancen ein. Bei der deutschen Literaturbörse gelten die Amerikaner John Updike und Philip Roth sowie die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood als Favoriten.

Der Stockholmer Verleger Svante Weyler meinte sogar, dass das Verhalten Ahnlunds die Akademie zusammenschweißen würde. Ohnehin sei ein Rücktritt nicht möglich: "Die Mitglieder sind auf Lebenszeit gewählt und können ihr Amt auch nicht selbst abgeben", sagte Weyler zu dpa. So werden Kerstin Ekman und Lars Gyllensen weiter als Mitglieder geführt, obwohl sie 1989 zurückgetreten waren. Sie hatten gegen das Schweigen der Akademie zur Verfolgung des Schriftstellers Salman Rushdie protestiert.

Die Verleihung an Elfriede Jelinek rief eine heftige Kontroverse hervor. Regisseur Christoph Schlingensief und Dramaturg Joachim Lux zeigten sich begeistert, die deutschen Feuilletons reagierten zurückhaltend. Vor allem die Weigerung Jelineks, den Preis persönlich abzuholen, sorgte für Verwunderung. Die Autorin bedankte sich damals per Videoaufzeichnung.

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