Literaturphänomen Murakami Haruki statt Harry

Unerwartetes und Unglaubliches eingebettet in Banales und allzu Bekanntes: Warum liest eigentlich alle Welt den neuen Roman von Haruki Murakami?

Von Johanna Straub


Murakami-Roman "Kafka am Strand": Melange aus Mythen, Märchen und Popkultur

Murakami-Roman "Kafka am Strand": Melange aus Mythen, Märchen und Popkultur

In letzter Zeit können wir zunehmend beobachten, dass erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit lesen - auffällig dicke Bücher. Sie stehen im Nieselregen an der Bushaltestelle, sie lesen im Stau oder werfen einen schnellen Blick an jeder roten Ampel, sie verpassen es, an ihrer U-Bahn-Haltestelle auszusteigen. Bestimmt merken sie nicht, dass das Badewasser, in dem sie sitzen, längst kalt geworden ist, denn sie sind vertieft in ihre Lektüre. Wenn man sie anspricht, reagieren sie nicht. Sie haben einen leicht entrückten Gesichtsausdruck, oder sie lächeln. Sie sind nicht wirklich da, sie befinden sich in einer parallelen Welt.

Wir kennen dieses Phänomen natürlich von diesem kleinen Zauberschüler, der seiner Meisterin auf magische Weise in regelmäßigen Abständen zu einem weiteren Batzen Geld verhilft. Wir wundern uns, dass die lesenden Erwachsenen es geschafft haben, diese Bücher ihren Kindern zu entwenden, denn wir wurden informiert, dass die Kinder die Bücher überhaupt keine Sekunde aus der Hand, geschweige denn aus den Augen gelassen haben. Aber wenn wir es jetzt schaffen, einen Blick auf das Cover zu werfen, im Café, an der Bushaltestelle, im Stau, lesen wir einen anderen Namen auf dem Titel, nicht Harry, sondern Haruki steht da, Haruki Murakami.

Zunächst können wir uns den Namen nicht merken, dann erinnern wir uns, das war doch der Auslöser der erotischen Geschmacksdebatte damals zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler im Literarischen Quartett, "Gefährliche Geliebte" war der Titel, und jetzt lesen wir den Namen Murakami wieder und wieder, in jedem Café sitzt mindestens einer mit so einem Roman und es werden mehr. Bald sind wir bereit, Wetten abzuschließen, wenn jemand mit einem dicken Buch uns in der U-Bahn gegenüber sitzt, stoßen wir unseren Sitznachbarn an und raunen ihm zu "Murakami, wetten? Um fünf Euro?". Und nach fünf gewonnenen Wetten - wir verlieren nie - gehen wir in eine Buchhandlung und dann sehen wir auch schon die Türme von Murakamis Romanen, Erzählungen, Essays und wir greifen zielsicher nach dem höchsten Stapel und schon auf dem Weg zur Kasse schlagen wir seinen neusten Roman auf, "Kafka am Strand", und verlieren uns darin.

Toilettengänge, Miso-Suppen, Erektionen, Nagelknipser

Kafka Tamura, der stärkste Fünfzehnjährige der Welt erzählt die Geschichte seiner Reise - die Flucht vor einer schicksalhaften Prophezeiung, gleich der Ödipusgeschichte, und zugleich seine Reise heraus aus der Realität hinein in sein Inneres. Natürlich holt der Fluch ihn ein. Er tötet seinen Vater und schläft mit seiner Mutter - beides freilich auf dem schmalen Grad zwischen realer und der anderen Welt, in den labyrinthischen Tiefen seines Inneren. Dabei kreuzt sich Kafkas Weg mit dem eines alten Mannes, der nicht verrückt ist, sondern nur dumm, und der mit schlafwandlerischer Sicherheit eine Mission verfolgt, die er selbst nicht kennt.

Schriftsteller Murakami: Nicht Harry, sondern Haruki
Marianne Wellershoff

Schriftsteller Murakami: Nicht Harry, sondern Haruki

Wir verlieren uns in einer Welt, die uns so vertraut ist, in ihrer Banalität, dass wir hinnehmen, dass hier alles möglich ist. Banal ist die beschriebene Welt, banaler als das, was wir in literarischen Beschreibungen erwarten würden in knappster Sprache und auffallend körperlich. Toilettengänge, Miso-Suppen, Erektionen, Nagelknipser. Die Protagonisten sind Außenseiter, Helden mit ungewöhnlichen Eigenschaften und Fähigkeiten. Sie tragen Hawaiihemden im Winter, verursachen Regen von Blutegeln, sie sprechen mit Katzen und Steinen und sie töten Johnny Walker.

Durch ihren Blick auf die Dinge - und ihren Blick auf andere Charaktere, die noch ungewöhnlicher sind, als sie selbst - ergibt sich eine Perspektive in surrealistischer Schräglage auf eine Welt mit neuen Regeln. Eine Welt, die genauso gut eine andere, eine parallele sein könnte. Zeit verliert in der Handlung ihre Gültigkeit, sie bleibt stehen, sie bildet Löcher und Schleifen. Personen sind gleichzeitig fünfzig und fünfzehn Jahre alt, sie sagen weise klingende Dinge, die eigentlich banal sind. Ihre Armbanduhren bleiben stehen, und dass sie trotzdem ihre Nagelknipser benutzen ist beruhigend, befremdlich und großartig zugleich.

Unerwartetes und Unglaubliches eingebettet in allzu Bekanntes, diese Mischung hält den Leser in einer permanenten Erwartungshaltung und in der Gewissheit: Alles ist möglich. Eine Prostituierte zitiert Hegel, ihren Kunden erregt das und wir freuen uns. "Kafka am Strand" ist eine Melange aus japanischen und europäischen Mythen, Märchen und internationaler Popkultur. Murakami schafft eine Atmosphäre, in der wir uns unmittelbar zuhause fühlen, weil wir es kennen, weil alle anderen genauso fehl am Platze sind wie wir selbst und weil es einen guten Grund gibt zu bleiben: Alles kann passieren.



Mittlerweile haben wir alle Bücher von Murakami gelesen, wir haben das Telefon klingeln lassen und sind lesend gegen Laternenpfähle gelaufen. Vielleicht haben wir das Buch sogar mit zur Toilette genommen, aber darüber sprechen wir nicht. Wir kennen die Motive, wissen um die Bedeutungen hinter den kleinen Dingen und wir haben mit "Mister Aufziehvogel" wochenlang auf dem Grund eines Brunnens gesessen.

Im Alltag erkennen wir uns an den dicken Büchern und am verklärten Blick. Und wenn uns in der U-Bahn jemand mit Discman gegenüber sitzt, der unter seinem Kopfhörer verklärt in die Luft starrt, und wir dann von unserem Sitznachbarn einen Stoß in die Rippen bekommen und er uns zu raunt "Zehn Euro auf Murakami", dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir die Wette verlieren, wenn wir dagegen halten. Zwei Romane und ein Erzählungsband sind bereits als Hörbücher auf CD erschienen, im Herbst soll der neuste Roman folgen. Murakamis Bedingung für die Produktion war, dass es ungekürzt erscheinen soll.

Und es werden mehr.


"Kafka am Strand", aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2004; 637 Seiten, 24,90 Euro



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