Literaturskandal FAZ lehnt Walser-Vorabdruck ab

Hauptfigur in einem neuen Roman von Martin Walser ist ein Literaturkritiker, offensichtlich Marcel Reich-Ranicki, der scheinbar einem gekränkten Autor zum Opfer fällt. Deshalb lehnte die "FAZ" einen Vorabdruck wegen "antisemitischer Klischees" ab.


Schriftsteller Walser: Verkappte Abrechnung mit dem Kritikerpapst?
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Schriftsteller Walser: Verkappte Abrechnung mit dem Kritikerpapst?

Frankfurt - Das Buch, bisher unter Verschluss gehalten, erscheint im Sommer beim Frankfurter Suhrkamp Verlag und soll den Titel "Tod eines Kritikers" tragen. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Mittwoch berichtete, soll es in dem "Schlüsselroman über den deutschen Literaturbetrieb" ganz offen um eine Abrechnung Martin Walsers mit dem "Literaturpapst" Marcel Reich-Ranicki gehen. Ein jüdischer Starkritiker namens André Ehrl-König falle vermeintlich einem Mord zum Opfer. Die Schuld werde einem von ihm verrissenen und gekränkten Schriftsteller zugeschoben.

Die "FAZ" lehnte das Angebot Walsers, das Buch im Feuilleton des Blattes vorab zu veröffentlichen, in einem offenen Brief an den Autor ab: Der Roman sei "ein Dokument des Hasses" und eine "Mordphantasie", die mit dem "Repertoire antisemitischer Klischees" spiele, schreibt Herausgeber Frank Schirrmacher. Der populäre, wenn auch streitbare Kritiker Reich-Ranicki überlebte den Holocaust der Nationalsozialisten im Warschauer Ghetto zusammen mit seiner Frau Teofila. "Verstehen Sie, dass wir keinen Roman drucken werden, der damit spielt, dass dieser Mord fiktiv nachgeholt wird?", schreibt Schirrmacher: "Verstehen Sie, dass wir der hier verbrämt wiederkehrenden These, der ewige Jude sei unverletzlich, kein Forum bieten werden?"

Überlebte die Nazi-Verfolgung: Kritiker Reich-Ranicki
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Überlebte die Nazi-Verfolgung: Kritiker Reich-Ranicki

Über die bei Walser offensichtliche Herabwürdigung der von den Nazis verfolgten Juden erregt sich Schirrmacher besonders: "Und wenn 'André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust', dann ist Ihr 'darunter' besonders hervorhebenswert, als wäre die große Mehrheit der europäischen Juden eben nicht Opfer gewesen", schreibt er in seinem Brief. "Das sind so Kleinigkeiten, die mich stutzig machen und hinter denen ich schließlich zu meiner Überraschung Methode vermute", so Schirrmacher.

Der Suhrkamp Verlag zeigte sich am Mittwoch überrascht von der harschen "FAZ"-Absage und kündigte ein offizielles Statement Martin Walsers für den Nachmittag an. Marcel Reich-Ranicki wollte zum Streit zwischen der "FAZ" und dem Schriftsteller zunächst keine Stellung nehmen. "Ich äußere mich zu dieser Sache nicht", sagte der Kritiker am Mittwoch.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Martin Walser wurden erstmals 1998 laut: Anlässlich seiner Ehrung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (Laudatio: Frank Schirrmacher) hielt Walser in der Frankfurter Paulskirche eine Rede, in der er die "Instrumentalisierung von Auschwitz" kritisierte und die ständige öffentliche Thematisierung des Holocausts als "Moralkeule" monierte, die letztlich den gegenteiligen Effekt erziele. Der dadurch ausgelöste Proteststurm wurde angeführt vom damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, der Walser unter anderem "geistige Brandstiftung" und "latenten Antisemitismus" vorwarf.

Nach wochenlangen Debatten in den Feuilletons legten die Kontrahenten ihren Streit jedoch bei. Bubis nahm den Vorwurf des "geistigen Brandstifters" zurück, Walser verteidigte allerdings die Unmissverständlichkeit seiner Rede.



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