Literaturtelefon Lyrisch aufgelegt

Seit 1978 versorgt die Hafenstadt Kiel Literaturfans wöchentlich mit neuen, kurzen Autorenlesungen via Telefon. Nun soll das älteste deutsche Literaturtelefon aufgrund mangelnder Nachfrage eingestellt werden. Eine Verlagerung ins Internet ist aber angedacht.


Kiel - Günter Grass, Siegfried Lenz und Peter Härtling haben den Anrufbeantworter besprochen. Feridun Zaimoglu steht bereits auf der Warteliste. Ende März werden Auszüge aus seinem Roman "Leyla" am Kieler Literaturtelefon zu hören sein. Der in der Fördestadt lebende Schriftsteller beschließt diese literarische Einrichtung. Nach knapp 30 Jahren ist Ende März Schluss. Ab April ist dann jeder Anruf zwecklos.

Autor Zaimoglu: Spricht das Schlusswort
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Autor Zaimoglu: Spricht das Schlusswort

Ganz auf den Literatur-Hörgenuss müssen die Hörer wahrscheinlich aber dennoch nicht verzichten. Die Stadt arbeite an einer Lösung, wie das Literaturtelefon auf zeitgemäßere Weise fortgeführt werden könne, sagt Angelika Stargardt vom Kieler Kulturamt. Sie ist bereits seit 1992 für das Literaturtelefon zuständig. Angedacht sei eine Verlagerung ins Internet. Die endgültige Entscheidung darüber falle in der kommenden Woche.

Die Hafenstadt hatte Ende 1978 das erste deutsche Literaturtelefon geschaltet. Ein Student hatte die Idee "Dial a Poem" von einem Auslandssemester in London mitgebracht und den damaligen Kieler Kulturreferenten Dieter Opper von der Idee überzeugt. Rund 2900 Euro pro Jahr ließ sich die Stadt das Literaturtelefon seitdem kosten. Im wöchentlichen Wechsel werden jeweils etwa fünf Minuten lange Ausschnitte aus Romanen, Kurzgeschichten und Gedichte gesendet. Zahlreiche weitere Städte folgten dem Kieler Beispiel.

"Anfänglich hörten sich zwischen 500 und 1000 Literaturliebhaber pro Woche die Beiträge an", sagt Stargardt. In letzter Zeit hätten dagegen nur noch zwischen 80 und 150 Anrufer pro Woche die Nummer des Literaturtelefons gewählt. Der Anruf kostet neben dem normalen Ortstarif keine weiteren Gebühren.

Neben Aufnahmen von bekannteren Schriftstellern erhalten auch noch weitgehend unbekannte Nachwuchsautoren eine Chance. Im Falle einer Verwendung gibt es 26 Euro. Verweigert habe sich kein einziger Autor, versichert Stargardt. Etwa 1500 Bänder beziehungsweise Mini-Discs sind mittlerweile besprochen worden. Wegen des Datenschutzes weiß Stargardt nur wenig über die Hörerschaft. Sie vermutet jedoch, dass unter dem Stammpublikum viele Ältere sind. Ob diese Literaturfans einen Schritt ins Internet mitmachen, erscheint fraglich.

Das Ende der herkömmlichen Literaturtelefone begann bereits Anfang des Jahrtausends, als die Telekom ankündigte, Literaturtelefone aus dem Ansageprogramm herausnehmen zu wollen. "Die meisten Literaturtelefone in Deutschland sind damals eingegangen", sagt Stargardt. In Kiel entschied man sich jedoch kurzfristig, das Kulturprogramm per Telefon weiter zu betreiben und schaltete unter der Rufnummer 0431-9011156 einen Anrufbeantworter. Der gibt ab Montag Auszüge aus dem Romandebüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" von Saša Stanišiæ wieder. Mit Zaimoglu geht das Programm am 31. März zu Ende, zumindest auf diesem Wege.

André Klohn, ddp



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