"Lolita"-Vorläufer entdeckt Hat Nabokov abgekupfert?

Vladimir Nabokovs "Lolita" hat es schon lange vor der Veröffentlichung des berühmten Romans gegeben - in einer Kurzgeschichte des deutschen Radiojournalisten Heinz von Lichberg. Aufbau und Inhalt der beiden Erzählungen sind verblüffend ähnlich.


Schriftsteller Nabokov: Hatte er Lichbergs "Lolita" gelesen?
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Schriftsteller Nabokov: Hatte er Lichbergs "Lolita" gelesen?

Frankfurt/Main - Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) hat den bislang unbekannten Vorläufer von Vladimir Nabokovs "Lolita" entdeckt. Die Zeitung berichtet am Freitag von einer vier Jahrzehnte älteren Erzählung, "die Nabokovs Buch in vieler Hinsicht vorwegzunehmen scheint". Sie trägt sogar denselben Titel.

Autor des 1916 im Rahmen einer Sammlung von "Grotesken", "Die verfluchte Gioconda", veröffentlichten Vorläufer-Textes ist der Berliner Heinz von Lichberg. Er wurde mit einem Buch über die erste Atlantiküberquerung mit einem Zeppelin bekannt. In die Geschichte ging er mit einem eher unrühmlichen Tondokument ein: Als Rundfunkreporter schilderte er in ergriffenem Tonfall den Triumphzug der Nationalsozialisten nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler 1933.

Wie die Zeitung herausfand, lebten Nabokov und Lichberg 15 Jahre lang gleichzeitig in Berlin. Lichberg starb 1951, fünf Jahre bevor "Lolita" in Amerika erschien und ihren "zweiten Erfinder" Nabokov zunächst wegen der angedeuteten Pornografie berüchtigt und später weltberühmt machte.

Verfilmung von "Lolita" (mit Dominique Swain): "Seltsames Rätsel"
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Verfilmung von "Lolita" (mit Dominique Swain): "Seltsames Rätsel"

Aufbau und Inhalt der beiden Erzählungen sind sich verblüffend ähnlich. Auch bei Lichberg beginnt die unheilvolle Geschichte um Sehnsüchte und Dämonen mit einer Reise. Der namenlose Ich-Erzähler (bei Nabokov ist es Humbert Humbert) mietet sich im spanischen Alicante in eine Pension ein und verfällt schnell der Tochter des Wirtes: "Ihr Körper war knabenhaft schlank und geschmeidig und ihre Stimme voll und dunkel. Aber nicht ihre Schönheit allein fesselte mich - es ging ein seltsames Rätsel von ihr aus, das mich in den Mondnächten oft überkam", zitiert die "FAZ" aus dem Text.

Auch Lichbergs knapp 20-seitige Erzählung endet in einer mysteriösen Serie von Todesfällen. Als Feuilletonist war Lichberg eine präsente Figur zwischen 1922 und 1937, als Nabokov in Berlin lebte. Möglich wäre, dass dem russischen Emigranten ein Exemplar der "Gioconda"-Sammlung mit Lichbergs "Lolita"-Geschichte in die Hände gefallen ist, die ihn Jahre später zu seinem Roman inspiriert haben könnte. Entdeckt wurden die überraschenden Parallelen zwischen Lichberg und Nabokov von dem Germanisten Michael Maar, der dem Werk des Berliner Radiojournalisten akribisch hinterher recherchierte. Zu Maars bekanntesten Arbeiten gehört die philologische Auseinandersetzung mit Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Bänden "Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte".



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