25 Jahre "Love and Rockets" in Deutschland Geldsorgen, Gewichtsprobleme, große Comic-Kunst

Um Maggie, eine Latina, die Punk hört und an Autos schraubt, ging es in dem "Love and Rockets"-Band, mit dem 1991 Deutschlands wichtigster alternativer Comicverlag startete.

Jaime Hernandez/ Reprodukt

Von Jan-Paul Koopmann


Schon vom dritten Comic-Bild kann man sich nur mit Mühe losreißen, obwohl darin fast nichts passiert: Eine mittelalte Frau mit mittelmäßig moderner Frisur trägt eine Einkaufstasche über den Bordstein. Sie hat ein paar Pfunde über, geht leicht nach vorn gebeugt und ihre im Bild nur angedeuteten Gesichtszüge wirken etwas erschöpft.

Im Straßenbild und auf der Comicseite wäre sie keine Rede wert, würde man diese fast schon zu durchschnittliche Frau nicht schon seit ihrer ausgesprochen wilden Jugend kennen. So lange läuft die US-amerikanische Comicserie "Love and Rockets" der Hernandez-Brüder bereits. Und so lange schon altern ihre Protagonistinnen.

Als der deutsche Comicverlag Reprodukt vor genau 25 Jahren loslegte, da tat er das mit der Übersetzung eines frühen "Love and Rockets" Bandes. Zum Jubiläum im April erscheinen nun eine Neuauflage des Klassikers "Der Tod von Speedy" und zeitgleich der aktuelle Band "Love Bunglers", auf Deutsch "Liebe und Versagen" betitelt.

Beide spielen in Hoppers, einem fiktiven Städtchen irgendwo am Rand von Los Angeles. Jaime Hernandez erzählt hier die Geschichten seiner größtenteils lateinamerikanischen Figuren, die früher in der Punkszene steckten, irgendwann zu alt dafür wurden und sich heute so durchschlagen. Noch immer mit Geldproblemen und noch immer unglücklich verliebt - ganz besonders Maggie, die Frau mit der Einkaufstüte.

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Etwas pummelig war sie als Teenager schon, mittlerweile muss man wohl dick sagen. Früher war sie ein Punk und ein bisschen berühmt, weil sie als Frau talentiert an Autos schrauben konnte. In "Love and Rockets" geht es vor allem um starke Frauen. Heute ist Maggie Verwalterin in einem Apartment-Klotz - und hat noch immer keine Schwierigkeiten, sich in der Machogesellschaft durchzusetzen.

Subtile Portraits sozialer Milieus

Das Älterwerden der Figuren ist kein erzählerischer Gag, sondern die eigentliche Geschichte. Es geht immer um das Leben dieser Menschen, selbst wenn ein Gangkrieg droht, oder als in den Neunzigern sogar ein Serienmörder umging. Mit dem biographischen Erzählen haben die Hernandez-Brüder und ein paar andere den alternativen Comic umgekrempelt: Weg von den zugedröhnten "Undergroundcomix" à la Robert Crumb, hin zu subtilen Portraits sozialer Milieus, wie hier eben des lateinamerikanischen, das sich seit "Love and Rockets" vermehrt in den Comic wagt.

Reprodukt hat diesen Trend nach Deutschland gebracht und später mit einheimischen Künstlern die hiesige Variante maßgeblich geprägt: Mawils Alltagsgeschichten aus Berlin etwa oder die deutsch-amerikanische Familiengeschichte von Line Hoven aus Hamburg. Autobiographisches ist bis heute Kernthema des Verlags, auch wenn man sich zwischenzeitlich dem franko-belgischen Mainstream geöffnet und gar eine eigene Sparte für Kindercomics eingerichtet hat.

Die Zeiten jedenfalls, in denen Reprodukt-Veröffentlichungen selbst eingefleischten Comicfans als zu verkopft und kompliziert galten, sind vorbei. Auch vom Marketing-Label "Graphic Novel" hat der Verlag profitiert und es geschafft, bürgerliche Käuferschichten zu erschließen, das Feuilleton zu bezirzen und ihm solche Indiegrößen wie die Hernandez-Brüder schmackhaft zu machen.

Tatsächlich hat "Love and Rockets" nicht nur ein ungewöhnliches Sujet ins Format gebracht - sondern ist ganz große Comic-Kunst. Schon in "Der Tod von Speedy" bringt Jaime Hernandez mit simplen schwarzweiß-Zeichnungen extrem realistische Körper und Mimiken aufs Papier. Der titelstiftende Tod einer Nebenfigur wird für Maggie zur Blaupause unzähliger weiterer Verluste. Schwarze Flächen schaffen beklemmende Räume für psychologische Dramen, weiße Lichtbalken fallen andeutungsvoll durchs Fenster.

So selten, dass es dann richtig überrascht, kommen einzelne Cartoon-Elemente ins Spiel: Unwirklich verzerrte Gesichter, oder Wölkchen, die aus einem Kopf ploppen, wenn jemand "Dampf ablässt": Einerseits eine Hommage an das von Hernandez von klein auf geliebte Medium - es gibt sogar Zitate der "Peanuts" zu entdecken - andererseits aber wohl auch ein Eingeständnis, dass mit Realismus allein der Realität nicht immer beizukommen ist.

Konfrontation mit eingeschliffenen Fehlurteilen

Diesem Stil ist Hernandez über 30 Jahre treu geblieben. Die Fans sind mitgewachsen, haben mitgelitten. Das ist ja, was Serien auch dem eindringlichsten Roman oder Film voraushaben: Wenn einer stirbt, dann verlieren Leser einen Begleiter, den man wortwörtlich seit Jahren an der Seite hatte. Hernandez nutzt das mit geschickt platzierten Rückblenden, reißt alte Wunden wieder auf, oder konfrontiert den Leser mit eingeschliffenen Fehlurteilen.

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Und weil dieses Verweisspiel im Kleinen selbst zwischen den Panels einer perfekt komponierter Doppelseite wirkt, funktioniert das erstaunlicherweise sogar bei Erstlesern, die mit 20 Jahren Verspätung einsteigen.

Gerade als die ersten Unkenrufe aufkamen, die Serie müsse sich bald doch totlaufen, hat "Liebe und Versagen", der mit dem renommierten Buchpreis der "Los Angeles Times" geehrte aktuelle Band, die Karten neu gemischt: Die uralte Liebesgeschichte zwischen Maggie und ihrem alten Freund Ray kommt wieder auf den Tisch, und die dauerhaft an- und wieder abgesagte Liebesbeziehung zu ihrer Freundin Hopey vom Tisch. Klingt banal, sorgt aber auch für abgekaute Fingernägel.

Für die einen ist "Liebe und Versagen" so ein unerwarteter Höhepunkt der endlosen Geschichte. Aber weil Maggies Leben so schlüssig und nostalgisch auf die Vergangenheit bezogen konstruiert ist, lässt sich der Band zusammen mit "Der Tod von Speedy" problemlos auch als eigenständige zweiteilige Graphic Novel lesen. Und dann ist es tatsächlich eine der besten auf dem Markt.

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