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Nachruf Luc Bondy: Lehrmeister der Leichtigkeit

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"Man darf nicht abgefuckt und zynisch werden": Luc Bondy war ein großer, eleganter Regisseur und Lebenskünstler. Er hat dem deutschsprachigen Theater die Welt gezeigt.

Luc Bondy (2008): "Ich bin vielleicht egozentrisch, aber ich versuche, das Theater mit Humor zu nehmen." Zur Großansicht
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Luc Bondy (2008): "Ich bin vielleicht egozentrisch, aber ich versuche, das Theater mit Humor zu nehmen."

Als er aus dem Internat ins Erwachsenenleben der späten Sechzigerjahre entlassen wurde, wollte Luc Bondy am liebsten Rock'n'Roll-Musiker werden.

Paul Anka und Bob Dylan seien die Helden seiner Jugend gewesen, hat er einmal in einem SPIEGEL-Gespräch gesagt. Den einen habe er "mit Brillantine in den Haaren vor dem Badezimmerspiegel nachgemacht", den anderen für seine Texte noch ein bisschen mehr verehrt als für seine Musik.

Bondy, der in Zürich in eine Familie von jüdischen Schriftstellern und Intellektuellen geboren wurde, wurde aber dann doch kein Rocker, sondern schon in sehr jungen Jahren Theaterregisseur. Das war ein großes Glück: für das deutschsprachige Theater, in dem Bondy viele Jahre lang ein wichtiger, prägender, vielbewunderter Meisterregisseur war.

Luc Bondys Kunst aus Leichtigkeit und Eleganz und Gedankenschärfe hatte auch damit zu tun, dass er stets nicht bloß im deutschen Sprachraum unterwegs war und ein paar seiner schönsten Aufführungen an französischen Theatern inszenierte. Arthur Schnitzlers Eifersuchtsstück "Das weite Land" zum Beispiel hat er 1984 mit den Starschauspielern Bulle Ogier und Michel Piccoli im Théâtre des Amandiers in Nanterre inszeniert, ein paar Jahre später hat er mit den gleichen Darstellern einen Spielfilm daraus gemacht: ein heute leider ziemlich vergessenes Wunderwerk.

Ungewohnte Weltläufigkeit

Ganz lässig brachte Luc Bondy eine ungewohnte Weltläufigkeit ins deutschsprachige Theater. An der Berliner Schaubühne präsentierte er 1982 die Uraufführung des Stücks "Kalldewey, Farce" seines Freundes Botho Strauß - und plötzlich sahen die Wehleidigkeiten der deutschen Künstlerbourgeoisie einen Abend lang so aus, als hätten sie das Format einer griechischen Tragödie.

Ein paar Jahre später führte er ebenfalls an der Schaubühne mit den Schauspielstars Jutta Lampe und Thomas Holtzmann das Marivaux-Stück "Triumph der Liebe" auf; der Kritiker Hellmuth Karasek schwärmte von einem "Schwebezustand der Schwerelosigkeit", in den Bondy nicht bloß die Liebenden im Drama, sondern auch seine Zuschauer versetze.

Etwas Schwebendes, Flüchtiges, Versponnenes zeichnete Bondy auch als Redner und Künstlermenschen aus. Stets wirkte er wie ein Mann, der aus schierer Neugier jederzeit zu anderen Orten aufbrechen möchte. In einem calvinistischen Internat in Le Perthuis in den französischen Pyrenäen wurde er erzogen, in Paris lernte er an der Schauspielschule des legendär spielverrückten Jacques Lecoq, am Hamburger Thalia Theater und am Münchner Residenztheater, wo er 1973 Edward Bonds "Die See" inszenierte, fiel er als herausragendes Talent auf.

Mit 25 erkrankte Bondy an Lymphdrüsenkrebs. Als er nach zwei Jahren halbwegs genesen war, begann er nach eigener Aussage, über Jahre "Kokain zu schnupfen wie ein Idiot". 1985, als 37-jähriger, übernahm Bondy nach dem Rücktritt von Peter Stein einen Direktionsjob an der Berliner Schaubühne, nach einer erneuten Krebserkrankung gab er den Job drei Jahre später wieder auf. Geholfen hätten ihm in jener Zeit, so Bondy, "viel Glück, viel Medizin und die Überzeugung, dass man Krankheiten nicht zum Teil seiner Identität werden lassen soll".

Beiläufiger Chefjob

Als Opernregisseur gelangen Bondy viele bejubelte Aufführungen in Paris, Salzburg und Wien, von denen seine erste gemeinsame Arbeit mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt für die Salzburger "Hochzeit des Figaro" 1995 vielleicht die berühmteste wurde. 15 Jahre lang leitete der Regisseur von 1998 an, erst als Schauspieldirektor und bald als Intendant, die Wiener Festwochen. Neben dem sehr beiläufig erledigten Chefjob zeigte er in Wien ein paar seiner schönsten späten Arbeiten - unter anderem im Jahr 2001 eine Version von Anton Tschechows "Die Möwe", für die die Darsteller August Diehl und Johanna Wokalek triumphal gefeiert wurden.

Oft wurde der Theatermann Luc Bondy als fröhlicher und kummerferner Mensch beschrieben. Er selber verfasste melancholische Erzählungen, Gedichte und einen schmalen Roman namens "Am Fenster", der 2009 erschien. Er könne nichts wirklich Fiktives schreiben, sagte er. "Zum Schreiben muss man Mut haben. Ich bin sehr feige."

In Wahrheit zeichnete Bondy oft eine schöne Unerschrockenheit aus. Die paar wütenden Verrisse, die ihm in seiner Karriere widerfuhren, schienen ihm allenfalls ein Lächeln und ein Schulterzucken wert. Zuletzt leitete er in Paris das Theatre Odéon. "Fast alle Regisseure neigen zur Megalomanie, weil sie denken, das Theater sei zentral. Ich bin da eine Ausnahme", hat er behauptet. "Ich bin vielleicht egozentrisch, aber ich versuche, das Theater mit Humor zu nehmen. Es gibt Momente von Intensität, für die sich die Arbeit lohnt. Man darf nicht abgefuckt und zynisch werden. Man muss daran glauben, dass man etwas mitteilen kann, dass plötzlich der Funke überspringt."

Luc Bondy, der nun im Alter von 67 Jahren gestorben ist, öffnete für die deutschen Theaterwelt die Fenster zur Welt. Vermutlich flackerte in seinem Künstlerherz ein heiteres, helles Feuer - und ein Regisseursleben lang ist es ihm verblüffend oft gelungen, dass daraus ein Funke übersprang.

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