Töchter und Väter Zerzaust in die Sterbe-Schweiz

Marthas Vater will sterben. Sie soll ihn dazu in die Schweiz fahren, Freundin Betty kommt mit. Um das Trio entwickelt Lucy Fricke die furiose Road-Novel "Töchter" - einer der stärksten deutschsprachigen Romane des Frühjahrs.

Freundinnen on the road
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Freundinnen on the road


Sie stehen leicht verkatert an der Schwelle zu ihren Vierzigern, Ihre große Krise haben sie gerade halbwegs erfolgreich durchzittert: Nun lautet ihr trotziges Credo: "Na, dann wollen wir mal!"

Frauen, auf die eine solche Beschreibung zutrifft, begegnet man öfter in der Literatur. Klein und geknickt wirkende Geschöpfe sind das oft, die voller Selbstverachtung nicht aufhören können, an jene Momente zurückzudenken, in denen das Leben sie zum Tanz aufforderte - sie aber nicht den Mut besaßen, aufzustehen, sie blieben lieber sitzen. In den gängigen Erfolgsgeschichten aber haben Figuren wie sie in der Regel keinen Platz.

Lucy Fricke
Dagmar Morath

Lucy Fricke

So wie in Lucy Frickes viertem Roman "Töchter" aber hat man diesen Frauentypus lange nicht in der deutschen Literatur beschrieben gefunden. Denn Fricke, 1974 in Hamburg geboren, hat zwei von ihnen zu flatterhaften Heldinnen gemacht, mit denen man am liebsten befreundet wäre.

Zwei zerzauste, an der Absturzkante lavierende Ex-Glückssucherinnen, die, wenn's hart auf hart kommt, Citalopram einwerfen oder zu Hochprozentigem greifen und trotzig Sätze sagen wie: "Ich könnte drei Schritte auf die Fahrbahn zugehen und wäre alle Fragen los." Dass sie das dann nicht tun, sondern weiterwursteln mit ihrem Loserleben, hängt damit zusammen, dass das Schicksal noch ein paar Rätsel und Aufgaben bereithält, denen sie sich nicht zu entziehen vermögen.

Was die beiden, beste Freundinnen seit Ewigkeiten, vor allem verbindet, ist ihr jeweils nicht gelöstes Vaterproblem, das sie beide mit sich herumschleppen wie Sträflinge Eisenkugeln am Bein. Betty, Schriftstellerin auf Tauchstation, trauert ihrem vor Jahren verstorbenen Ziehvater Ernesto nach. Und in Marthas Fall - sie hat drei erfolglose Schwangerschaften hinter sich und träumt trotzdem wacker weiter von einem Kind - ist es ihr Vater Kurt, der sich in den Kopf gesetzt hat, in der Schweiz zu sterben. Unter aktiver Mithilfe sein Ableben beschleunigender Eidgenossen.

"Er will sterben, Betty. Und ich soll ihn fahren."
"Wie fahren?"
"In die Schweiz. Nächste Woche ist der Termin."

Pfleger und Sterbende
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Pfleger und Sterbende

Eine Exposition, die wie gemacht ist für die mit allen Wassern gewaschene Erzählerin Fricke. So machen die beiden Freundinnen sich mit dem todgeweihten Kurt auf der Rückbank auf in Richtung Sterbe-Schweiz.

Ahnentourismus als poetische Beschwörung

Natürlich schimmern schon hier die Vorbilder durch, an denen Frickes Roman sich lässig entlanghangelt: Ridley Scotts Kultfilm "Thelma und Louise" von 1991 etwa, in dem zwei Freundinnen einen harmlosen Road-Trip starten, der in eine dramatische Fluchtgeschichte mündet. Oder auch Graham Swifts 1996 erschienener Roman "Letzte Runde", in dem drei alte Männer mit der Urne ihres besten Freundes im Gepäck ans Meer fahren, um dessen Asche am Strand von Margate ins Meer zu streuen.

Wie Lucy Fricke es aber versteht, von diesen Referenzen auszugehen, ohne im Mindesten nachahmerisch zu erscheinen, das ist famos. Vielmehr demonstriert ihr kleiner, wunderbar zwischen Tief- und Frohsinn oszillierender Roman, wie rasant und geistreich ein Buch sein kann, das seine Bezüge nicht lichtscheu versteckt sondern selbstbewusst ausstellt und trickreich mit ihnen spielt.

Szene aus "Thelma und Louise"
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Szene aus "Thelma und Louise"

So entwickelt sich die geplante Schweiz-Reise-Story zu einer furiosen, an jähen Volten reichen Road-Novel. Alsbald strandet das schräge Trio nicht etwa am geplanten Zielort, sondern am Lago Maggiore, wohin es den doch nicht ganz so sterbenskranken Kurt von Anfang an zog: zu Francesca, seiner einstigen großen Liebe. "Das mit der Schweiz hatte ich wirklich vor" sagte er. "Aber dann hat sich Francesca plötzlich bei mir gemeldet. Nach so langer Zeit. Sie weiß von meinem Zustand. Wir schreiben uns seit Monaten E-Mails."

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Lucy Fricke:
Töchter

Rowohlt Verlag; 240 Seiten; 20 Euro

Damit nicht genug: Auch Betty kommt alsbald von der Route ab. Sie zieht es zunächst nach Italien, in den kleinen Ort, an dem ihr Vater zuletzt lebte, anschließend weiter nach Griechenland. Ahnentourismus als poetische Beschwörung. Dass sie ihn dort in seinem Versteck aufspürt, und ihm das Geheimnis seines vorgetäuschten Todes entlockt, ist nur einer der zahlreichen tollen Haken, die diese lebenspralle Geschichte schlägt.

Schauspielerin Inga Birkenfeld
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Schauspielerin Inga Birkenfeld

So ist Lucy Frickes "Töchter"-Roman vor allem einer über Väter und deren Wirkungsmacht selbst über ihren angeblichen Tod hinaus. Ein Buch wie ein Film mit Inga Birkenfeld oder von Maren Ade - zum Brüllen komisch und zum Heulen schön. Ein beglückendes literarisches Three-in-One: Roadnovel, Freundinnenkomödie und eine Erzählung darüber, weshalb Geschichte nie zu Ende ist.

"Ja, was war das für eine Geschichte?, fragte ich mich. Wer dachte sich so was aus? Penner und Verrückte... Na, dann wollen wir mal!"

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
karlsiegfried 26.02.2018
1. ???
'Zum Brüllen komisch und zum Heulen schön.' Dieser Bewertung kann ich mich nicht anschliessen. Das ist Zynimus pur, Taktlosigkeit hoch Drei und menschenverachtend.
urmedanwalt 26.02.2018
2. Was soll #1?
Wieso Zynismus pur? Weil sich der alte Dreckskerl doch lieber nicht umgebracht hat und seine Töchter nicht gleich informiert hat? Was ist das für ein kruder Kommentar? Für mich ist das eine wundervolle und Menschen liebende Geschichte.
klmo 26.02.2018
3.
Zitat von urmedanwaltWieso Zynismus pur? Weil sich der alte Dreckskerl doch lieber nicht umgebracht hat und seine Töchter nicht gleich informiert hat? Was ist das für ein kruder Kommentar? Für mich ist das eine wundervolle und Menschen liebende Geschichte.
Nur ein weiterer Roman unter der Rubrik: Märchen für Erwachsene.
upalatus 26.02.2018
4.
Ein geschichtenerzählendes Buch.....; aber eben mal so exitär in die CH reisen....... und Citalopram ist im Vergleich mit handfesten Peakeliminierern wie zb Tavor ein etwas schach gewählter Schjwereanzeiger menschlichen Gemütes.
citi2010 02.03.2018
5.
Eine so kurze Rezension und trotzdem kann sich Herr Henning nicht verkneifen entscheidende Plot-Wendungen zu verraten? Klar, so ein Buch ist mehr als sein Plot. Trotzdem fragwürdig ob man so einem angeblich bewunderten Buch hilft.
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