Sächsischer Autor Lukas Rietzschel "Man kann mit dem Osten über den Osten reden"

Hat Lukas Rietzschel mit Mitte 20 das Buch geschrieben, das erklärt, wie junge Sachsen zu rechten Gewalttätern werden? Ein Besuch in der Oberlausitz - Heimat des Autors und Schauplatz seines Romans.

Lukas Rietzschel in Görlitz
Gerald von Foris

Lukas Rietzschel in Görlitz

Aus Görlitz berichtet


"Dieses ganze eingefallene, verlassene Zeug. Untergegangene, traurige Scheiße." Solche Sätze liest man im Zug von Cottbus nach Görlitz im Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen". Schaut man vom Buch auf und aus dem Fenster, ist man bereits mitten in der Welt des Romans: Zur Rechten ein riesiges, geflutetes Braunkohle-Abbaugebiet. Zur Linken leerstehende, verfallende Fabriken. Die Wirklichkeit fühlt sich an wie ein Romanszenario.

Ankunft in Görlitz. Lukas Rietzschel wartet, ein schmaler, ernster Mann mit Bart und Brille, mit sanfter Stimme, abwartend und doch dringlich. Von hier aus wollen wir mit dem Auto weiter, über die Dörfer der Oberlausitz, wo die Ortsschilder zweisprachig sind (deutsch und sorbisch), wo Rietzschel 1994 zur Welt kam (in Räckelwitz). Und wo sein Debütroman spielt, der von zwei Brüdern handelt, die aufwachsen zwischen Nazis und Perspektivlosigkeit.

"Hier ist es eher übersichtlich, man kennt die Leute, man hat die alle gesehen", sagt der Autor. Im Gespräch sind seine Sätze wohlformuliert, aber sie führen oft von einem Punkt zum anderen. Es will viel heraus aus ihm.

Verlassenes Wohnhaus in der Oberlausitz
picture-alliance/ epd

Verlassenes Wohnhaus in der Oberlausitz

Spurensuche, Motivsuche. Rietzschel zeigt auf Bushaltestellen, an denen vielleicht ein-, zweimal am Tag ein Bus hält. Im Roman schließt die Grundschule am Ort, dafür eröffnet ein Autohaus: "Jetzt mussten die Kinder ewig mit dem Bus durch die Gegend fahren. Keine Sparkasse mehr, kein Bäcker, kein Apotheker, kein Arzt."

Rietzschel ist bewusst nicht nach Berlin gezogen oder in Kassel geblieben, wo er Politikwissenschaft und Germanistik studierte, weil es dort auch ohne Abitur ging. Er wünschte sich zurück in die Nähe der Heimat. Seine Wahl fiel auf Görlitz, die Stadt an der polnischen Grenze, deren Altstadt, vom Krieg verschont, aufwendig saniert ist. Sie lockt Touristen an, die auf die Fährte der schlesischen Vergangenheit der Stadt gehen, auch Rentner aus dem Westen, die sich in der Stadt niederlassen. Aber es gibt auch viel Leerstand, Futter für den Möglichkeitssinn. Rietzschel hilft mit, in der Alten Synagoge der Stadt ein Kulturzentrum aufzubauen.

Zurück auf der Fahrt durch die sächsische Oberlausitz: grüne Hügel, leere Dörfer, dazwischen immer wieder Seen. In dieser Landschaft, in einer Ortschaft namens Neschwitz wachsen die Hauptfiguren des Romans, die Brüder Philipp und Tobias Zschornack auf.

Das Buch ist ein Coming-of-Age-Roman, einerseits. Er erzählt vom Bröckeln der Elternbeziehung, von Geschwistern zwischen Konkurrenz und Solidarität. Und davon, wie die Jugend halt so ist: Es gibt Volksfest und Vollräusche, Sprachlosigkeit und Sprücheklopferei. Und manchmal spürt man Wut. Und manchmal bricht Gewalt aus.

Andererseits lebt "Mit der Faust in die Welt schlagen" von dem Milieu, das Rietzschel beschreibt. Die Landschaft geprägt vom Rohstoffabbau, die Bevölkerung geschwächt durch den Wegzug, die Wirtschaft am Boden. Und die Freunde sind Rechtsradikale. Die Wut und die Gewalt richten sich gegen die Sorben im Schwimmbad, gegen eine Familie, die ein türkisches Mädchen adoptiert hat, gegen Syrer im Festzelt. Und dann soll aus der leeren Grundschule auch noch eine Flüchtlingsunterkunft werden. "Diese Schule kriegen sie nicht", ruft einer.

Brandspuren an leerstehender Schule in Dresden, die Flüchtlingsunterkunft werden sollte (Archivbild aus dem Oktober 2015)
DPA

Brandspuren an leerstehender Schule in Dresden, die Flüchtlingsunterkunft werden sollte (Archivbild aus dem Oktober 2015)

Lukas Rietzschels Verleger hat eine ungewöhnliche Vorbemerkung in die an Handel und Presse verteilten Bücher drucken lassen: "Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand." Und da spätestens seit den Vorfällen in Chemnitz das halbe Land nach Erklärungen für sächsische Verhältnisse sucht, suggeriert ein solcher Satz, man fände sie vielleicht in diesem Buch.

Sieht Lukas Rietzschel selbst seinen Roman als Erklärung für Außenstehende, wie die Leute in Ostsachsen ticken? "Ich bin nicht der Ost-Erklärer oder der Wende-Erklärer", sagt er, "aber ich kann eine andere Perspektive geben als etwa der Journalismus. Eine lange zeitliche Perspektive."

Vom 11. September über die Fußball-WM in Deutschland bis zu den Flüchtlingen des Jahres 2015 markieren immer wieder reale Ereignisse seine Erzählung des Erwachsenwerdens, bisweilen wirkt es beim Lesen deshalb, als werde der Roman von der Wucht des realen politischen Kontextes erdrückt. Dass sich die Figuren aber von dieser Wucht befreien können - weil man ganz nah an ihnen ist, mit ihnen mitfühlt - ist ein Zeichen dafür, dass Lukas Rietzschel nicht nur ein wichtiger, sondern auch ein guter Roman gelungen ist.

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Lukas Rietzschel:
Mit der Faust in die Welt schlagen

Ullstein, 320 Seiten, 20 Euro

Es ist ja eben ein Roman, kein Sachbuch. Seine Stärke ist die Zeichnung eines Milieus, das das Gefühl hat, übrig geblieben zu sein. Die Beweglichen, die Offenen, oft vor allem: die Frauen - sie sind ja weggezogen.

Neschwitzer Kirche
DPA

Neschwitzer Kirche

Wir sind inzwischen in Neschwitz angekommen, dem Ort, in dem die beiden Brüder im Roman wohnen. Rietzschel selbst betont, das Dorf im Buch stehe stellvertretend für viele Orte. Das reale Neschwitz präsentiert sich idyllisch mit Park, Barockschloss, Haubenkirchturm. Solche Schönheiten werden im Buch ausgeblendet. Rietzschel hält hier konsequent den Blick der Jugendlichen durch: Idylle, das ist nur was für die Gäste. Die hier leben, die bemerken die Risse.

Die brüchigen Biografien, die an Orten wie diesem entstehen, beschreibt Rietzschel im Buch, sowohl bei den Eltern, der Wendegeneration, als auch bei den Großeltern, die fast ihr ganzes Leben in der DDR verbracht haben. Aber er zeigt sie aus der Sicht der Jugendlichen, in denen sich die Enttäuschungen und Verluste der Eltern spiegeln. "Man grenzt sich nicht von der DDR-Vergangenheit ab, sondern nimmt sie im Gegenteil sogar auf", sagt Rietzschel über die junge Generation: "Man sieht sich als Ostler." Und dafür sei sein Buch eben auch da: "Ich will damit zeigen: Man kann mit dem Osten reden. Und über den Osten mit dem Osten reden."

Rietzschel im Görlitzer Warenhaus
Gerald von Foris

Rietzschel im Görlitzer Warenhaus

Zurück in Görlitz. Hier hatte Michael Kretschmer seinen Bundestagswahlkreis, bevor er 2017 gegen den AfD-Direktkandidaten verlor. Wir kommen bei einem Straßenfest vorbei, mit dem der DGB den Erhalt des örtlichen Siemens-Werkes feiert. "Ah, da ist ja der Micha", ruft Rietzschel und zeigt auf den am Rande der Bühne stehenden Ministerpräsidenten Kretschmer: "Das lässt er sich nicht entgehen!" Dass sich Michael Kretschmer in Hemdsärmeln, mit geschultertem Sakko zeigt, analysiert er als Teil von dessen Strategie, mit Volksnähe die sächsischen AfD-Wähler wieder einzusammeln.

Lukas Rietzschel ist skeptisch, dass ihm das gelingt. Mit den Figuren aus seinem Roman hätte Kretschmer es jedenfalls schwer. Aber Rietzschel ist dennoch kein Zyniker. Dass sein Buch in Schulen gelesen würde, das würde er sich schon wünschen. Das "Ja" kommt sehr prompt.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
ichbinsdiesusi 16.09.2018
1. Völlig außer Frage
Man MUSS mit dem Osten über den Osten reden. Das Schlimme ist doch, dass sich viel zu viele Menschen ein Urteil über DEN Osten erlauben, ohne jemals dort gewesen zu sein. Rechtsextreme Gewalt (Gewalt im Allgemeinen) ist durch nichts zu entschuldigen. Ausländische Mitbürger dürfen nicht über einen Kamm geschoren werden und es ist auch völlig richtig, den Menschen die das tun, die entsprechenden Grenzen aufzuzeigen. Das Schlimme ist nur, dass im Moment DIE Sachsen oder auch DIE Ostdeutschen auch alle über einen Kamm geschoren werden und das ist schlimm. Der Alles-Wisser-Wessi sollte sich darüber bewusst sein, dass das Messen mit zweierlei Maß überhaupt gar nichts dazu beiträgt, Verständnis untereinander zu schaffen. Nicht jeder Ostdeutsche wird zum Nazi-Schläger, wenn er wiedermal von der anderen Seite zum Nazi gemacht wird, aber es ist natürlich für den Ostdeutschen immer schwieriger überhaupt angehört zu werden.
basileus97 16.09.2018
2. Sehr heikel
Die Görlitzer werden nicht damit einverstanden sein, dass sie aus der "Oberlausitz" berichten. Ich hatte schon einmal einen bösen Zettel im Briefkasten weil ich gelegentlich meine Oberlausitzflagge hisse. "Görlitz ist Schlesien" stand darauf.
wolfgangwe 17.09.2018
3. mit Freude gelesen
und Buch bestellt. Ich verfolge die Entwicklungen in Deutschland, politisch, gesellschaftlich, mit leidenschaftlichem Interesse aus dem Ausland und muss sagen, dass die gegenwaertigen Auseinandersetzungen, auf der Strasse und im Bundestag, sehr wehtun. Menschen gehoeren nicht auf den Misthaufen (auch nicht auf den der Geschichte), und Menschen darf man nicht verpruegeln nur weil man sie nicht kennt. Da ist kein Unterschied bezueglich Effekt zwischen unangebrachten, verletzenden Worten im Bundestag und Auslaenderhatz am Rande einer Demo - beide bringen uns nicht voran, sondern auseinander. 1948 geboren in Arnstadt, 1949 von Mutti huckepack in Richtung Schwarzwald 'uebersiedelt' und dort, nach heutiger Terminogie, als "internally displaced refugee" aufgewachsen. Mitte der 80ziger weggemacht, ins Ausland. Wie gesagt, der Hass und die Vorurteile auf beiden Seiten tun weh.
dcj 17.09.2018
4. Wusste
Gar nicht dass es zwischen Deutschen und Sorben Spannungen gibt wie der Text suggeriert. Stimmt das?
quark2@mailinator.com 17.09.2018
5.
Zitat von dcjGar nicht dass es zwischen Deutschen und Sorben Spannungen gibt wie der Text suggeriert. Stimmt das?
Naja klar, obwohl man es inzwischen weniger mitbekommt. Historisch ist das hier sorbisches Gebiet, aber so nach und nach stirbt das aus, wird assimiliert. Früher sprach man von 200.000, im Moment von 70.000 Sorben, wobei ich mich für die konkrete Zahl nicht verbürge, weil es sehr darauf ankommt, wie man zählt. Vor 50 Jahren waren hier die Trachten noch ganz normal im Alltag und die Leute sprachen auf der Straße Sorbisch. Inzwischen hat sich das auf die Dörfer zurückgezogen, die Jugend wandert ab, ... und natürlich ist es traurig, das mit anzusehen und der Prozess ging natürlich schon vor viel längerer Zeit los. D.h. es ist eine Verdrängung über Jahrhunderte und die verlierende Seite mag das natürlich gar nicht. Besonders schlimm war es auch unter den Nazis, welche die Sorben germanisieren wollten. Insofern gab es über die letzten Jahrzehnte eigentlich "immer" etwas Streß, aber wirklich ausgeufert ist es soweit ich mich entsinne, nie.
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