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Deutscher Buchpreis für "Kruso": Freiheit ist mehr als der Mauerfall

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Lutz Seiler nach der Buchpreis-Verleihung: Kleinbürgerlich-wilde Form des  Summer of Love  Zur Großansicht
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Lutz Seiler nach der Buchpreis-Verleihung: Kleinbürgerlich-wilde Form des Summer of Love

Mit Lutz Seilers "Kruso" erhält ein atmosphärisch dichter, sprachlich kunstvoller Roman den Deutschen Buchpreis. Auf unkonventionelle Weise erzählt er vom Ende der DDR - und von einem Traum, der kühner ist als politische Systeme.

Der entscheidende Satz steht auf Seite 164: "Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überqueren." In seinem Roman "Kruso", für den er nun mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist, erzählt Lutz Seiler von der Insel Hiddensee, von der Touristengaststätte Zum Klausner; von den so genannten "Esskaas", dem Kürzel für die Saisonkräfte, die dort arbeiten. Von Ed Bendler, den es nach dem Unfall seiner Freundin und einem gescheiterten Germanistikstudium auf die Insel verschlagen hat. Und vom titelgebenden Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, der zentralen Figur jenes Inselsommers am Rande der zusammenbrechenden DDR. Dem Inselsommer des Jahres 1989, den man sich wohl als eine ganz eigene, ostdeutsche, als eine kleinbürgerlich-wilde Form des Summer of Love vorstellen darf.

Vor allem aber erzählt Lutz Seiler in diesem Buch von der Freiheit - oder zumindest dem Streben danach.

Es könnte deshalb auf den ersten Blick keinen passenderen Träger des Deutschen Buchpreises in diesem Herbst 2014 geben, der ja auch ein Herbst des Mauerfalljubiläums ist und in dem nicht nur der Bundespräsident viele Festreden auf die Freiheit halten wird. Auch "Kruso" läuft auf diesen 9. November 1989 zu.

Ed Bendler, Hauptfigur des Romans, ist in einem Zustand ahnungsloser Verwirrung, als er abends sein altes Röhrenradio einschaltet - und erfährt: "Alle Grenzen waren offen. Offen seit Tagen". Die Sperrvorrichtungen, die Schranken und Kontrollen, die auch in "Kruso" die Republikflüchtlinge zu lebensgefährlichen Aktionen verleitet haben, sind hinfällig.

Im Epilog des Buchs wird Bendler den Spuren der auf ihrer Flucht in der Ostsee Ertrunkenen in der dänischen Rechtsmedizin nachgehen. Es ist eine stille, ernste Szene ohne jenes moralische Auftrumpfen, das oft aufkommt, wenn es um die immer wieder als Unrechtsstaat bezeichnete DDR geht. Und doch würde man "Kruso" nicht gerecht werden, wenn man es auf historisch-politische Ereignisse verengte.

Bester Buchpreis-Gewinner seit "Der Turm"

Nach einer Reihe von Fehlentscheidungen, so Eugen Ruges eher schlicht gestrickter DDR-Tragi-Klamotte "In Zeiten des abnehmenden Lichts" oder Ursula Krechels sprödem Nachkriegsbericht "Landgericht" ist "Kruso" in der mittlerweile neunjährigen Geschichte des Deutschen Buchpreises der literarisch überzeugendste Gewinnertitel seit Uwe Tellkamps "Der Turm" im Jahr 2008.

Das liegt nicht nur daran, dass Seiler über eine "ins Magische spielende Sprache" gebietet, wie es in der Begründung der Jury heißt. Oder daran, dass er in diesem Roman mit geradezu übermütig-sinnlicher Vorliebe fürs Unappetitliche erstaunliche Geschichten erzählt: so die vom "Lurch" genannten Propfen aus dem Schleim der Gaststättenabwässer, den die Tellerwäscher des Klausner schließlich mit vereinten Kräften im Gemüsebeet begraben. Oder daran, dass ihm Kapitel für Kapitel Szenen von hoher atmosphärischer Intensität gelingen: Der düstere Abend im Ostberliner Hauptbahnhof; die Stoßzeiten im Klausner, wenn die Kellner zu überkandidelt großer Form auflaufen; die nächtlichen Feste am Strand; die schwer fassbare, homoerotisch grundierte Freundschaft zwischen Bendler und Kruso.

"Kruso", das auf Erfahrungen fußt, die der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler selbst Ende der Achtziger auf Hiddensee gemacht hat, erzählt von einem Traum, den die Bundesrepublik, zu der Hiddensee schon bald gehören sollte, ebenso wenig einlösen konnte, wie die DDR. Einem Traum der kühner ist, als die politischen Systeme, die Freiheit versprechen. Und auch viel weniger zielgerichtet, mitunter widersprüchlicher, anarchischer als jener Freiheitsdrang, für den 1989 die Parolen "Die Mauer muss weg" oder "Wir sind ein Volk" standen, und für den heute die Reden derer stehen, die an diese Parolen erinnern.

Einem Traum, für den man ein Land verlassen kann, ohne die Grenze zu überqueren. Den Traum von einem Leben jenseits alltäglicher Zwänge. Den kann kein Staat erfüllen - aber eine Inselgemeinschaft um einen Robinson namens Kruso.

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1. Der deutsche Buchpreis
hgri 07.10.2014
ist doch eher mit Vorsicht zu genießen. Es ist kein Georg Büchner-Preis, sondern eher ein Marketinginstrument. Sei's drum. Ich werde das Buch lesen. Deutscher Buchpreis - und wieder hat er funktioniert.
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