Buchpreis-Favorit Lutz Seiler Die Schiffbrüchigen des Sozialismus

Robinson und die DDR-Aussteiger auf Hiddensee: In "Kruso" erzählt Lutz Seiler von Republikflucht und vom Rückzug aus dem real existierenden Sozialismus - der Roman ist einer der Favoriten für den Deutschen Buchpreis.

Jürgen Bauer/ Suhrkamp

Von Thomas Andre


Uwe Tellkamps Bestseller "Der Turm", Ingo Schulzes "Neue Leben", zuletzt Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts": Der Wenderoman ist eine eigene Kategorie in der deutschen Literatur. 25 Jahre nach dem Mauerfall erfährt er, der sowohl Zeugnis der Zeitgeschichte als auch eine ästhetische Herausforderung ist, jetzt eine Aktualisierung - in Lutz Seilers erstaunlichem Debütroman "Kruso", der für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Er erzählt von den letzten Jahren der DDR nicht im Gewand des Familienromans, sondern aus der Außenseiterperspektive von jungen DDR-Aussteigern, die vorübergehend auf der Ostseeinsel Hiddensee stranden.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die zärtlich geschilderte Freundschaft zwischen dem Erzähler Edgar "Ed" Bendler, einem jungen Literaturstudenten, und Alexander Krusowitsch, den sie "Kruso" nennen oder "Losch". Kruso ist ein Gestrandeter wie sein berühmter Namensgeber aus der Literatur, und Ed wird sein Gefährte, so wie Freitag der Gefährte des Robinson Crusoe war. Seiler, 1963 in Gera geboren, hat sich bislang vor allem als Lyriker einen Namen gemacht. 2007 erhielt er für die Erzählung "Turksib", die anlässlich einer Zugfahrt durch radioaktiv verseuchte kasachische Landschaften von der Beziehung zwischen Deutschen und Russen berichtete, den Ingeborg-Bachmann-Preis.

In "Kruso" blickt Seiler nun von einem entlegenen Standpunkt auf das historische Geschehen, von einer schmalen Insel, die als Ort der Beengtheit die Verhältnisse in der DDR spiegelt und Seilers Protagonisten wie in einem fiebrigen Traum deren letzten Tage erleben lässt. Im Jahr 1989 kommt Edgar Bendler nach Hiddensee. Er hat seine Freundin verloren, sie wurde von einer Straßenbahn überrollt. Als Abwäscher findet er Unterschlupf in der Gaststätte "Zum Klausner". Dort kehren Touristen ein, die als reisetechnisch von der übrigen Welt weitgehend Abgeschnittene jahrelang auf einen Platz auf der Fähre nach Hiddensee warten mussten. Was die Touristen nicht wissen, ist, was für eine merkwürdig utopische Gegen-Gemeinschaft zu ihrer kleinkariert-provinzlerischen Ausflugsseligkeit sich auf Hiddensee immer im Sommer zusammenfindet.

Freier Sex und Party

Um Kruso, den deutschrussischen Inselguru, dessen Vater General bei den Sowjets ist, scharen sich jeden Sommer die "Esskaas", die Saisonkräfte, die auf der Insel arbeiten, und die "Schiffbrüchigen", wie in Krusos Privatlehre die heißen, die die DDR satt haben. Aber keiner von ihnen soll je auf die Idee kommen, den Weg nach Dänemark zu suchen. Seit seine Schwester Sonja ihn als Jungen am Strand zurückließ und vermutlich der DDR schwimmend entkommen wollte, ist Kruso, der Gründer der heimlichen "Freien Republik Hiddensee", traumatisiert und ein seltsam treuer Bürger seines Landes. Er will jeden davon abhalten, die DDR und damit ihn zu verlassen. Die geografische Lage macht es möglich: Wer auf Hiddensee strandete, "hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten".

Auf gewisse Weise ist Kruso, der indianisch oder wenigstens südamerikanisch aussieht, der Stammesführer einer Kolonie, die wie eine erträumte DDR ohne alle Makel ist - gemixt mit dem Hippie-Paradies des unerreichbaren Goa, wo der Aussteiger-Hedonismus der Westler zu Hause war. Freier Sex und Party, selten nüchtern, das konnten allerdings auch DDR-Bürger.

Dann hört die Klausner-Belegschaft im Westradio von der tausendfachen Republikflucht. Das Meer umtost diese kleine Insel, und auch die ablaufende Zeit bedrängt ihre Bewohner. Als formale Grundlage für ein persönliches Drama - dasjenige Krusos, der aufgrund des Verschwindens seiner Schwester ein Zwangscharakter ist - und das Scheitern einer Utopie nutzt Seiler jene Voraussetzungen beeindruckend. In "Kruso" verwirklicht sich das literarische Prinzip der Verdichtung und der kraftvollen Suggestion: Mit dem unsicheren und stellenweise auch enervierend sensitiven Jüngling Ed, der lieber flüstert als laut redet und aus dessen Sicht der Roman erzählt ist, lässt sich der Leser in eine märchenhaft-schwülstige und verwunschene Zwischenwelt ziehen.

Dass Kruso die Klaustrophobie der "Schiffbrüchigen" übergangsweise durch seine Freies-Hiddensee-Spinnerei bannen kann, entspringt natürlich einer kollektiven Selbsttäuschung. Die Nationale Volksarmee ist immer anwesend, und unter ihren Blicken leben und arbeiten die Hiddensee-Flüchtlinge, die Seiler anhand der Klausner-Malocher in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit am Leser vorbeidefilieren lässt. Dass hier einer Rimbaud genannt wird, überzeugt Schnäuzer trägt und fortgesetzt an niemanden bestimmten seine Standardfrage ("Ruhm, wann kommst du?") adressiert, sagt einiges über die Hitze, die unter der Hiddensee-Glocke herrscht.

Unter den Esskaas kursieren verbotene West-Bücher, Kruso und Ed deklamieren zwischen ihren Gastro-Schichten Trakl-Gedichte und eigene. Später ist keiner mehr da, der Krusos Reden zur Freien Republik Hiddensee zuhören kann. Wer die DDR verlassen will, muss mit einem Mal nicht mehr unter Einsatz des Lebens über die Ostsee - die Hiddensee-Aussteiger verlassen in Scharen Insel und Land.

"Kruso" ist ein stilistisch hochanspruchsvoller Roman, der als Gesamtkunstwerk auch ein bislang eher unterbelichtetes Kapitel DDR-Geschichte beleuchtet: Im Epilog lässt Seiler seine Figur Edgar Bendler zu Nachforschungen nach Kopenhagen reisen. Er sucht mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall in der Gerichtsmedizin und in den Archiven der dänischen Polizei nach den Menschen, die aus dem Unrechtsstaat fliehen wollten, es aber nicht über die Ostsee schafften. Mehr als 5000 waren es seit 1961 angeblich, die meist auf Hiddensee ins Wasser gingen. Die meisten wurden von den Patrouillenbooten einkassiert und festgenommen, knapp tausend schafften es irgendwie, 174 starben.

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