Neuer Memoiren-Band Wer das liest, wird sich in Patti Smith verknallen

Sie braucht Kaffee, liebt Murakami-Bücher und kritzelt Gedichte auf Papierservietten: Die Sängerin Patti Smith hat mit "M Train" Teil zwei ihrer Memoiren geschrieben - ein wunderbares Buch übers Alleinsein.

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Schwarzer Kaffee, Vollkorntoast, eine Schale Olivenöl zum Tunken. Das ist Patti Smiths Frühstück, jeden Morgen im Café 'ino im New Yorker West Village. Immer am selben Tisch in der Ecke beim Fenster, manchmal mit ihrer alten Kamera im Gepäck.

Als Alltagsszene fast beliebig, aber jener in Sepia getauchte Moment könnte als Covermotiv von "M Train" nicht treffender sein: Denn in diesem Augenblick steckt alles, was die Autobiografie der Punkrockerin ausmacht. Das ständige Kaffeetrinken. Die Bücher, in die sie dort versinkt. Die Fotos, mit denen sie dokumentiert, was ihr wichtig ist: Frida Kahlos Krücken, der Strandpromenade in Rockaway Beach oder Bobby Fischers Schachturniertisch in Reykjavik. Und vor allem: ihr Alleinsein.

Nach zwei, drei Seiten ist man Patti Smith erneut verfallen. Komplett, ohne Rückhalt. Während sich "Just Kids", der erste Teil ihrer Memoiren (ausgezeichnet mit dem "National Book Award", Verfilmung ist geplant), um ihre New Yorker Jahre mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe Ende der Sechziger- bis Anfang der Siebzigerjahre drehte, mit der überbordenden Präsenz dieser komplizierten Liebe und gefühlt dem gesamten Personal der US-Künstlerszene dieser Zeit - Janis Joplin, William Borroughs, Allen Ginsberg - ist "M Train" geradezu kokonhaft ruhig. Patti Smith, heute, ist allein, aber nicht einsam. Und in dieser Stille tritt sie als Individuum so deutlich hervor, wie es in Autobiografien leider unfassbar selten ist.

"M Train" bündelt wie ein Kaleidoskop derartig viele Facetten, dass man die Erinnerungen der 69-Jährigen locker auch anders präsentieren könnte: als Fotobuch (als Ausstellung bis Mitte April in New York: "Eighteen Stations" analog zu den 18 Buchkapiteln); als Weltkarte mit den Cafés, in denen sie sitzt; als Regal mit all den Büchern, die sie liest; als Aufzählung jener Objekte, mit denen sie sich unterhält - den Spitzenschuhen von Margot Fonteyn, dem Bürostuhl ihres Vaters, ihren Bienensocken, den alten Tintenfässern, dem "Strandgut einer Schriftstellerin"; oder in Form all der bekritzelten Papierservietten, mit den Listen an Dingen, die sie packen muss, mit Stichworten für eine Rede, mit Zeilen für ihr immerwährendes 100-Zeilen-Gedicht für Roberto Bolaño.

"M Train", der Zug ihrer Gedanken

Für jenes bewusstseinsstromartige Erzählen, in dem sie assoziativ Zeitebenen ineinander schiebt, und vom 'ino-Kellner Zak, der sein geplantes Strandcafé erwähnt, zurückwandert zu ihrer Reise in den Siebzigern nach Französisch-Guayana mit dem 1994 verstorbenen Fred "Sonic" Smith kurz vor ihrer Hochzeit, wo sie selbst von einem Café träumt, und wieder bei Zak im West Village landet - für jenen Sog hat Smith ein Bild gefunden: "M Train" ist nicht die Subwaylinie Queens-Manhattan-Brooklyn, sondern ihr "Mind Train", der Zug ihrer Gedanken. Als sei er eine "lange Kette von Wörtern, die wie auf dem Schweif träger Wolken ostwärts" ziehen.

Wie sie erzählt, so lebt sie auch. Nicht nach dem Takt einer Uhr, fasziniert von Dingen, ohne sich an sie zu klammern. Immer zwischen dem Sehnen nach Dauerhaftem und der Erkenntnis, wie flüchtig alles ist. Sie vergisst ihre Kamera auf einer Bank, ihren Koffer im Hotel - naja. Sie lässt ihr Notizheft und das fleddrig gelesene Murakami-Buch auf der Flughafentoilette liegen - egal.

Sie ist unterwegs zwischen dem Lokal Pasternak in Berlin, Tempeln in Tokyo, dem Bett von Diego Rivera in Mexiko, einem kleinen Hotel in London, in dem sie auf Reisen Halt macht, um sich 24 Stunden lang britische TV-Krimiserien reinzuziehen, und Rockaway Beach, dem Zufluchtsort der New Yorker, wo sie sich ein verfallenes Häuschen kauft, kurz bevor Hurrikan "Sandy" im Herbst 2012 die Halbinsel fast komplett zerbröselte. Und verkriecht sich in ihrer Wohnung in Manhattan: "Ich habe einen schönen Schreibtisch", heißt es einmal, "arbeite aber lieber im Bett, wie eine Genesende in einem Gedicht von Robert Louis Stevenson."

Wer hofft, mehr über ihr Leben als Sängerin zu erfahren, sollte ein anderes Buch kaufen. Ihre Konzerte: Leerstellen. Wenn sie mal singt, als Teil einer Rede, ist es vermerkt als Halbsatz.

Sätze, die vor Schönheit funkeln

Doch so wie die mit "Horses" berühmt gewordene Punkerin auf der Bühne ihre Songs mal in tiefstem Grollen durch den Saal schickt, mal brüchig kiekst, mal nur die sanfte Intensität ihrer Stimme zeigt, so vielseitig ist auch der Tonfall ihrer Memoiren. Und es ist wunderbar, wie es der Übersetzerin Brigitte Jakobeit gelungen ist, diesen Zauber auch im Deutschen zu bewahren.

Smiths Schreiben gleicht der Geste, mit der sie die Schachteln voll ungeöffneter Post zu einer Collage auskippt: Wenn sie binnen eines Satzes von Pasolinis Matthäus-Film zu Kristen Stewart kommt, auf die Pausentaste drückt, sich einen Kaffee macht, vor die Tür geht, wo sie betrunkenen Kids auf die Frage nach der Uhrzeit antwortet: Es sei "Zeit zu kotzen".

Es ist dieser rotzige Humor, wegen dem man sich vollends in Patti Smith verknallt. Als eine Tusse ihren Stammplatz im 'ino wegschnappt, folgen ganze Absätze im Stil von: "Wenn dies eine Folge von 'Luther' wäre, würde man sie mit dem Gesicht nach oben im Schnee finden".

Oft scheint es in Autobiografien in erster Linie darum zu gehen, Zeugnis abzulegen, als Memento für die Nachwelt. Sich selbst zu zeichnen, bevor ein anderer einen in nicht so vorteilhafter Pose zeigt. Doch Patti Smith treibt unüberlesbar der Drang, ihre Umwelt abzubilden, sprachlich, fotografisch, szenisch. Immer mit der Grenze zum Fiktionalen spielend, das alles autobiografische Erzählen formt. Wie in diesem magischen Schwellenraum des Aufwachens, zwischen Traum und Wirklichkeit. Eben dort, wo sie Fred, die Liebe ihres Lebens, finden kann. Aber dennoch immer alleine ist.

"Es ist nicht leicht, über nichts zu schreiben", sagt der Cowboy in ihren Träumen. Patti Smith packt dieses "Nichts" in Sätze, die vor Schönheit funkeln. Allein der Gedanke, Buchhändler könnten "M Train" ins Regal mit der Aufschrift "Promi-Bücher" einsortieren, lässt einen schaudern.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
vera gehlkiel 25.03.2016
1.
Ich fand "Just Kids" vor allem in der Hinsicht relevant, als dass es dort um Mapplethorpe gegangen ist, das ganze Buch eine Reminiszenz an diesen unfasslich guten Fotographen in seinen Anfängen darstellte. Wenn ich ihn mir so, wie er durch dieses Buch für mich wurde, wieder vorzustellen versuche, stellen sich mir immer noch die Häärchen auf meinem Unterarm auf. Vielleicht geht es im zweiten Teil ja jetzt tatsächlich um Smith selbst, deren Musik ich früher mal wirklich geliebt habe. Es war nicht viel, was sie herausgebracht hatte, bevor sie erst mal, wenigstens für hiesiges Publikum, wieder komplett abtauchte, aber das war ziemlich knackig. Ich leg es noch immer gelegentlich ganz gerne auf.
manuel.tarsler 26.03.2016
2. Eine inspirierende Rezension
die mir Lust macht, das Buch zu lesen.
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