Künstlerin Madame Nielsen "Ich bin viel schöner als Frau denn als magerer älterer Herr"

In Dänemark kennt man Madame Nielsen schon lange als Performancekünstlerin. Nun ist "Der endlose Sommer" erschienen, ihr Debütroman, in dem sie ihr Lebenskonzept zeigt: auf Normen zu pfeifen. Ein Porträt.

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Nun, da die Erinnerung aufgeschrieben ist, ist sie verschwunden. Weggeschwemmt vom Erzählen. 20 Jahre lang, sagt Madame Nielsen, habe sie die Geschichte über diesen flirrenden Sommer, in dem sich alles neu ordnete, mit sich herumgetragen. Nur: Der richtige Tonfall, er kam einfach nicht.

"Jetzt ist es, als ob ich das hier" - Madame Nielsen legt ihre Hand sacht auf das Buch auf dem Tisch - "alles erlebt habe. Das Buch hat alles aufgesogen. Ich kann das Material dahinter nicht mehr sehen."

Draußen vor dem Fenster des alten Berliner Hotels Savoy zurrt einer die Planen über den Gartenstuhlstapeln fest, an denen der Wind zerrt. Drinnen, eingerahmt von roten Samtvorhängen, bestellt Madame Nielsen erst einmal entkoffeinierten Kaffee, "sonst kann ich nicht mehr schlafen bis Juli oder August".

So etwa, wie ewiges Wachsein, die Sinne schärfer, die Kontraste schwindend, sodass die Gedanken hin und her unruhig wandern, bis die Blätter treiben: So liest sich "Der endlose Sommer".

Es ist ein Sommer in Dänemark, in dem alles aus der Zeit fällt. Gleich auf der ersten Seite öffnet sich eine Klammer, wie so oft für Einschübe in dem schmalen Band - aber sie schließt sich nicht mehr. Sie öffnet sich wie in einen Feldweg, der zu der Wahlverwandtschaftsfamilie führt, über die "der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiß", erzählt - und zu der auch er gehört. Im Mittelpunkt die Mutter seiner Freundin, die sich irgendwann befreit von einem gelduntüchtigen, gewehrbeladenen Gatten, mit dem sie zwei Söhne hat, und die hernach auf dem zerfallenen Landgut jene Zufallskommune wachsen lässt: wo zwei portugiesische Jungs stranden, wo Figuren und Facetten auftauchen wie ein Vorhang, der in der offenen Balkontür hin- und herweht.

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Madame Nielsen: Das Leben zum Blühen bringen

Der Tonfall, der Madame Nielsen schließlich zufiel für diese Geschichte, in der spartanischen Einsamkeit eines früheren Klosters in Paris, gleicht einem Rausch. Mit Sätzen, die immer wieder Luft holen, um dann doch weiter zu fließen, ohne Absatz, Seite um Seite. Das ist bisweilen anstrengend, doch genau das versetzt die Lesenden in jene sonnenwarme Trance, schwebend wie Kurt Tucholskys "Schloss Gripsholm" oder Françoise Sagan "Bonjour Tristesse". Alles Konkrete ist wie von einer gleißenden Helligkeit geblendet, mit Figuren statt Namen, Sommergefühl statt Daten, alles ein "bis auf Weiteres".

"Ich bin so leicht plötzlich"

"Der endlose Sommer" war Madame Nielsens erster Roman, in Dänemark ist die Künstlerin bekannt für Theaterarbeiten, Performances, in den Achtzigern an der Gitarre in der Band Creme X-Treme, singend im Duo Nielsen Sisters heute. "Ich will nicht zum Mitnehmen eingetütet sein", sagt sie.

Die Sorge ist unbegründet: Im Februar erschien ihr drittes Album "Mum & Dad", gerade war sie auf Lesereise in den USA, Ende April startet ihr Solo-Stück "White Nigger/Black Madonna" in Kopenhagen, für dessen Plakate sie sich schwarz angemalt hat. Sie beharrt: "Das ist nicht Blackfacing, da geht es um ein Klischee" und plädiert, es müsse erst aufgeführt sein, dann könne man darüber reden. Später im August hat ihr Projekt mit fünf europäischen Theatern über die Zeugnisse von Geflüchteten in Stockholm Premiere, im Herbst erscheint ihr Roman "The Monster".

Im aktuellen Roman wird "das Unmögliche möglich", kommentiert sie. Das lebt sie selbst: als Claus Beck-Nielsen, der sie bis 2001 war und dann in einer Performance beerdigen ließ; als Gatte, Vater, Ex-Mann, Obdachloser, erneuter Vater; als namenloser Angestellter der Kunstproduktionsfirma Beckwerk, die sie zehn Jahre lang losschickte, nach Afghanistan, Ägypten, in den Irak, für politische Performances, Installationen; nach 2012 als Nielsen. Bis zur Neuerfindung in Paris.

Denn das Entstehen von "Der endlose Sommer" fällt mit dem Anfang von Madame Nielsen zusammen: Gleich zu Beginn der Zeit im alten Kloster, erzählt sie, als ihr Sohn und dessen Mutter zu Besuch waren, habe sie eines von deren Kleidern anprobiert. "Ich dachte: Ich bin viel schöner als Frau denn als magerer älterer Herr", sagt sie, nun 54. "Wenn ich im Kleid bin, mich als Frau fühle, hat das eine andere Energie. Ich bin so leicht plötzlich."

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Madame Nielsen:
Der endlose Sommer

Aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer

Verlag: Kiepenheuer & Witsch; 192 Seiten; 18 Euro

Es wäre jedoch ein Fehler, Madame Nielsens

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Madame Nielsen: Das Leben zum Blühen bringen

Identität, die so fließend wirkt wie das rote Kleid über ihrem verschwindenden Körper, als Thema misszuverstehen. Wie bei der Lesung in Portland, wo sie ihr Buch in einem Schwulenklub vorstellen sollte: "Davon handelt es doch gar nicht. Sie dachten, ich sei transgender - und wollten mich einordnen."

"Vorleben, wie viel möglich ist"

Dabei will sie nur sie selbst sein. Klingt leicht, aber wer schafft das schon. Ihr Sohn etwa, "der sagt: Ich habe zwei Mütter und einen Vater". Madame Nielsens Sehnsucht nach dieser Utopie erinnert dabei an die Figuren im "Endlosen Sommer". Es gelte, die Wirklichkeit durch Erzählen zu erschaffen, heißt es darin.

"Aus mir lässt sich kein Schwarzenegger machen", sagt die schmale Madame Nielsen, und ihre kohlenschwarzen Augen glühen. "Aber wir sind nicht so ohnmächtig, wie wir manchmal glauben." Und sie fügt lächelnd hinzu: "Ich will gern als Beispiel vorleben, wie viel möglich ist, im Mensch-Sein oder Wesen-Sein oder was auch immer ich bin."

Madame Nielsen lebt in aller Ruhe das zum Slogan geronnene "Das Private ist politisch" vor. Sie ist nicht zu fassen, doch präsent. Deswegen wohl ihre Emailadresse: das dänische Wort für ausgewandert, entfallen. Verschwunden. Aber man erreicht sie.

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insgesamt 2 Beiträge
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dasfred 08.04.2018
1. Ein Mensch oder eine Rolle
Ich fand den Artikel sehr interessant. Ein Mensch, der sich jeweils in ein Geschlecht definiert, diese Definition aber nicht für sich akzeptieren möchte. Nicht der Mann sein können, der dem Bild ganzer Männlichkeit entspricht, nicht vollständig Frau sein zu können, trotzdem Weiblichkeit als Leichtigkeit zu empfinden. Dabei dem Sohn, der Umgebung, dem Publikum zu überlassen als was es den Künstler wahrnehmen will. Ich fragte mich anfangs, ob dieser Menschen innerlich zerrissen ist, empfinde aber eher, dass er sich über Unterschiedlichkeit als Einheit empfindet.
katjastorten 08.04.2018
2. Freiheit
Ein Vorbild für den Traum, ganz selbst zu sein. Und diesen Zustand auch nicht statisch behalten, sondern weiter fliessen und sich entwickeln lassen. Grossartig! Danke für den wundervollen Bericht.
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