Mädchen-Manga "Daisuki": Trendy statt Wendy

Von Stefan Pannor

Mit einer Startauflage von 150.000 Exemplaren prescht der Hamburger Carlsen Verlag in die Marktlücke der Manga-Magazine für Mädchen. "Daisuki" bietet monatlich 250 Seiten japanische Comics, in denen die klassischen Girls-Themen ganz zeitgeistig und trendbewusst aufbereitet werden.

Manga-Magazin "Daisuki": Romantik, Humor und Lifestyle

Manga-Magazin "Daisuki": Romantik, Humor und Lifestyle

"Daisuki" (sprich "dei-ski") ist japanisch und heißt "Ich hab dich lieb". "Daisuki" ist ein Manga-Magazin, also ein Heft für die Fans japanischer Comics, und erscheint seit Anfang Januar. Ein Magazin speziell für Mädchen - und das merkt man. Gleich in seiner ersten Ausgabe bietet "Daisuki" mehr klebrigen Comic-Süßstoff, als für die angepeilte Zielgruppe von 12 bis 17 Jahren vielleicht gut ist. Girls-Themen galore: Erste Liebe, Rockbands und ein chinesisches Tierzeichen-Horoskop. Maskottchen des Magazins ist ein schlappohriger Hase mit großen Augen - "kawaii", wie die Japaner sagen würden, "niedlich".

Mit einer Startauflage von 150.000 Exemplaren erhofft sich der Hamburger Carlsen Verlag einen ähnlichen Bestsellererfolg wie mit dem ähnlich konzipierten, allerdings auf die männliche Leserschaft ausgerichteten Heft "Banzai". Dessen erste Ausgabe war vom Start weg ausverkauft. 250 Seiten Comics, Buch und CD-Tipps verspricht "Daisuki" jeden Monat, man wirbt mit Romantik, Humor und Lifestyle. Für letzteres leistet man sich sogar eine Vor-Ort-Korrespondentin in Japan.

Neunzig Prozent jeder Ausgabe machen allerdings die Comics aus. In der Erstausgabe buhlen gleich 5 verschiedene Serien um die Gunst der Leserinnen. "Shojo" ("Mädchen") heißt die Unterart der speziell für weibliche Kids produzierten Mangas. Knapp zwei Milliarden Comics werden pro Jahr in Japan verkauft, fast ausschließlich Eigenproduktionen. Damit stellen Comics einen der wichtigsten japanischen Industriezweige dar. Bei so viel Bedarf bleibt eine Automatisierung der Produktion nicht aus. Shojos folgen hierbei meist noch strengeren Regeln als die meisten anderen Mangas. So dürfen etwa keine als hässlich empfundenen Menschen auftreten. Die Figuren sind meist ausgesprochen schlank, die Mädchen modisch gekleidet und die Jungs beinahe androgyn gezeichnet.

Plaka-Comic "Prussian Blue": Einziger deutscher Beitrag
Christina Plaka/ Carlsen Verlag

Plaka-Comic "Prussian Blue": Einziger deutscher Beitrag

Ein weiteres typisches Merkmal ist die expressionistische Darstellung von Gefühlen. Da fluten Blumenregen durch die ganze Seite, Blätter wehen aus dem Nirgendwo oder Blitze zucken durchs Bild. Ebenso festgelegt sind die Inhalte. Shojos handeln fast durchgängig von der ersten bzw. wahren Liebe und der Selbstfindung eines Mädchens (was meist in Heirat und Haushalt mündet). Dabei hat man wenig Scheu vor Tabus. Sex (wenngleich meist in angedeuteter oder verschlüsselter Form) wird ebenso wenig ausgegrenzt wie Tod. Viel Wert wird auf die zwischenmenschlichen Beziehungen gelegt, auch auf die charakterliche Weiterentwicklung der Figuren wird akribisch geachtet. Alteingesessene europäische Backfisch-Comics wie "Wendy" oder "Lizzy" wirken angesichts dessen verstaubt in Erzählweise und Sujet.

Beinahe auf jeder "Daisuki"-Seite bekommt der Leser mitgeteilt "Wir sind jung, trendy und hip". Und voller Gefühl: In der Headliner-Serie "Fruits Basket" bekommt die Leserin auf nur 50 Seiten erzählt, wie die 16-jährige Toru nacheinander ihre Mutter und ihr Zuhause verliert und im Park zelten muss, ehe sie bei der Familie ihres Schulschwarms unterkommt, über der wiederum ein generationenalter Fluch liegt. Diesen Fluch zu brechen und das Herz ihres Angebeteten zu erobern, ist nunmehr Torus Aufgabe. Soap Opera rules: Erwachsene Leser werden angesichts eines solchen gnadenlos überfrachteten Plots genervt die Augen verdrehen - doch der Zielgruppe dürfte es gefallen.

"Daisuki"-Maskottchen: "Kawaii", wie die Japaner sagen würden
Christina Plaka/ Carlsen Verlag

"Daisuki"-Maskottchen: "Kawaii", wie die Japaner sagen würden

Immerhin ist das Schema für hiesige Leserinnen so neu nicht. Die Geschichte des vom Schicksal gebeutelten Underdog-Girls, das sich durch Zähigkeit und Ehrlichkeit zum Glück hocharbeitet, hat spätestens seit den "Heidi"-Jugendbüchern von Johanna Spyri oder den "Trotzkopf"-Romanen Emmy von Rhodens in Deutschland eine lange Tradition - nicht umsonst ist die japanische "Heidi"-Trickfilmserie die bis heute erfolgreichste Adaption der Bücher. Nicht der Inhalt, sondern die Aufbereitung zählt.

Auch die anderen "Daisuki"-Serien bieten durchaus klassisches Mädchen-Entertainment. "God Child" etwa ist eine Mystery-Serie um einen Grafen und Privatdetektiv im viktorianischen London, der es mit Mordfällen und Verschwörungen zu tun bekommt. "Prussian Blue", der einzige deutsche Beitrag, macht Mädchenträume wahr: Die junge Sayuri wird Sängerin in einer Rockband gleichen Namens und zieht zudem in die WG der drei Bandgründer ein. Einmal ein Star, dieser Traum wurde zumindest für Christina Plaka, Zeichnerin von "Prussian Blue", wahr. Die 19-Jährige wurde auf der letztjährigen Leipziger Buchmesse entdeckt, "Prussian Blue" ist ihre erste Profi-Veröffentlichung. Doch vielleicht hätte man ihr doch noch etwas Zeit lassen sollen. Im Wettbewerb mit den japanischen Comic-Routiniers, die den Rest des Magazins füllen, zeigt die Serie deutliche inhaltliche und grafische Schwächen.

Aus marktwirtschaftlicher Sicht war die Veröffentlichung eines Magazins wie "Daisuki" lange nötig. Manga boomt nach wie vor in Deutschland. Bereits zum zweiten Mal in Folge konnte der Carlsen Verlag seinen Umsatz im Manga-Bereich verdoppeln. Von Anfang an war die deutsche Manga-Fan-Szene weiblich dominiert. Offensichtlich füllen die japanischen Lizenzcomics eine Marktlücke. Wo der männliche Jugendliche seine Superhelden hat, gab es für Mädchen lange Zeit nichts Vergleichbares. Anders im Land der aufgehenden Sonne. Japanische Comics entstehen unter härtesten Wettbewerbsbedingungen, Serien, die nicht gefallen, werden entweder gnadenlos umgeschrieben oder abgesetzt. So manche Serie hat infolgedessen mehr Schleifen in der Handlung als eine brasilianische Telenovela. Aber diese Mangas atmen nun einmal den Zeitgeist - und das offenbar global.

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