Männerroman Machotum auf Mexikanisch

Pinten, Pisten und Pistolen: Der Roman "Der König von Mexiko" des Münchner Autors und Journalisten Stefan Wimmer ist etwas für richtige Männer - und Frauen, die wissen wollen, wie es im Leben eines modernen Machos zugeht.

Von Sebastian Knauer


Es gibt sie noch, die richtigen Männer in der zeitgenössischen Literatur - Eichborn sei Dank! Für die sind Feuchtgebiete immer noch vorwiegend gut bestückte Bars mit ordentlichen Tequilas oder hochprozentigen Mezcals. Literaten, die detailreich, kundig und saftig beschreiben, warum Schauspielerinnen wie Jeanne Moreau, Monica Vitti oder Anouk Aimée Frauen sind, bei denen "nicht nur die Gesichter, sondern auch die Geschlechtsteile beseelt waren mit Eigenleben, Charakter, Charme und Witz, Frauen mit Vulkanvaginas, Pforten zu sexuellen Galaxien".

Autor Wimmer: Macho mit Selbstironie
Eichborn / Yorick Cody

Autor Wimmer: Macho mit Selbstironie

So etwas schreibt der Münchner Journalist Stefan Wimmer, der drei Jahre im Städtemoloch Mexiko City überlebte. Sein Alter Ego, Ingo Falkenstein, absolviert dabei das volle Programm eines dem Abenteuer, dem Alkohol, dem Kokain und dem Spätaufstehen zugewandten Leben.

Wimmer steht somit in der Tradition der sogenannten "Männerliteratur", die seit den dreißiger Jahren mit den Namen Charles Bukowski, Henry Miller oder Ernest Hemingway verbunden ist. Während der eine in kleinen Booten große Fische und noch größere Drinks jagt, der andere seine Leidenschaften als Macho mit jungen Frauen auslebt und der Dritte auch schon mal im eigenen Suff-Erbrochenen aufwacht, lässt der Autor die Alt-Herrenriege hinter sich.

Er schreibt modern, mit bösem Witz und messerscharfen Beobachtungen der Bourgeoisie oder der Medienwelt. Der Leser profitiert wie bei gutem Journalismus davon, dass Wimmer das alles im Kern schon mal selbst erlebt hat und deshalb so authentisch darüber schreiben kann. Er vermeidet allerdings den Ton der Großmachos, denen angeblich die Frauen zu Füßen lagen. Im Gegenteil, seine Frauen sind selbstbewusste Powerladys mit allen Macken.

Über seine mexikanische Freundin Tanderley gewinnt "Falken de Horst", wie sie ihn nennt, tiefe Einblicke in die mexikanische Oberschicht. Spitz bemerkt er beim Antrittsbesuch bei den vornehmen Tanten seiner Angebeteten, dass sie vor die Wahl gestellt "entweder Zyankali oder den Penis eines Mannes in den Mund zu nehmen, sich alle drei fürs Zyankali" entscheiden würden.

Zum "König von Mexiko", so der gut gestaltete Buchtitel, konnte der Bayer Wimmer zwar nicht avancieren. Schon Maximilian I. landete als mexikanischer Kaiser 1867 vor einem örtlichen Erschießungskommando.

Der 1969 geborene Autor macht aber mit seinem raubeinigen Gang durch die Männerpinten Mexikos literarisch Schluss mit der tequilafreien Generation schmalbrüstiger, deutscher Pop-Autoren. Die haben beispielsweise nie recherchiert, dass die mexikanische Polizei in Ciudad Juárez Zimmer im Best Western Hotel für Foltersitzungen anmietet oder haben sich wohl auch noch nie an die Verköstigung von originalen Stierhoden herangetraut.

Die Wahrheit liegt in der Wüste

Wimmer, beziehungsweise Falkenhorst, recherchiert vor Ort, um seinen Auftraggebern für deutsche Lifestyle- und Männermagazine das nötige mittelamerikanische Futter zu geben. Auftragsreportage: "Alptraumhafte Frauenmorde in Ciudad Juárez". Falkenhorst fährt hin und riskiert seine Birne in Schwulenbars und der Wüste, immer auf der Suche nach der journalistischen Wahrheit. Der Chefredakteur der lokalen Zeitung, Typ "Handicap 14 beim Golf" ist wenig hilfreich und verbandelt mit den örtlichen Tourismusunternehmern. Wimmer schreibt das so auf, dass der Leser selbst eine Abenteuerreise in den korrupten Untergrund dieses großen, verrückten Landes antritt.

Zurück in München gibt Wimmer/Falkenhorst einen ernüchternden aber wahrheitsgetreuen Einblick in das Innenleben eines "Busen-Magazins", das er im wirklichen Leben als Redakteur kennengelernt hatte. Da taucht ein pfälzisch sprechender Berater der Chefredaktion mit seinen Buddys auf, die in ihrer ganzen Schwachsinnigkeit für das verheerende Faktum steht, dass es im Journalismus keine Zulassungsprüfungen gibt. "So e Thema muss ma hochjazze, des muss mer hochpitsche", nervt der Neue die Redaktionsarbeiter unentwegt.

Als Falkenhorst schließlich von der offenbar sexualgestörten und machtlüsternen neuen Chefin des Layouts, Cändy, im Appartement ihres abwesenden Unternehmerfreundes den Fuß zwischen die Beine geschoben bekommt, in Erwartung einer kokainhaltigen Liebesnacht, lässt Redakteur Falkenhorst sie abblitzen. Er wird diesen Fall von umgekehrter sexueller Belästigung bitter bereuen. Der Macho wird mit den übelsten Nachreden, von Aids bis zur Gehirnerweichung, gemobbt.

Doch Falkenhorst überlebt auch dieses Abenteuer. Der Münchner Autor Wimmer präsentiert auf 315 Seiten auch sympathische Selbstironie, wenn er schreibt: "Ich stand vom Bett auf und trat halbnackt vor den Badspiegel. Ich sah einen leicht verfetteten Körper, müde Augen und einen breiten Gewerkschafter-Bart, der meinen Mund mit der hängenden Zigarette umrahmte. Eines war klar: Mit so einem Intellektuellenbart braucht ich mich in dieser Stadt der Psychopathen gar nicht erst blicken zu lassen."

Damit meint er München und nicht Mexiko City. Ein Verlag empfahl Wimmer das eingereichte Manuskript zu einem "Handbuch für Männer" umzuarbeiten. Wimmer lehnte glücklicherweise ab.


Stefan Wimmer: "Der König von Mexiko", Verlag Eichborn Berlin, 315 Seiten, 19,95 Euro



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