Magersuchts-Roman Reise nach Tenebrien

Lucinda ist das präsenteste Mädchen von allen. Die eine, die immer alle ansehen. Die eine, die mehr sieht im Leben. Dann verschwindet sie Gramm für Gramm. Lara Schützsacks Debüt "Und auch so bitterkalt" könnte die Jugendbuch-Entdeckung des Frühjahres werden.

Von Maren Keller

Lara Schützsack: Pathos der Jugend weder verklärt noch verraten
Christiane Wöhler

Lara Schützsack: Pathos der Jugend weder verklärt noch verraten


Mal angenommen, es gäbe irgendwo einen Globus für all die Welten, die wir nur dank der Literatur entdeckt haben - für Utopia, für das Schlaraffenland, für Mittelerde - dann wäre nun gerade ein neuer Fleck Land auf diesem Globus aufgetaucht: Tenebrien. Dieses Stück Land wäre bestimmt schwärzer als alle anderen Länder. Und gleichzeitig heller funkelnd.

Lucinda beschreibt es so: "Tenebrien ist das Land, in das alle gehen, die nicht für unsere Welt gemacht sind. Die Dünnhäutigen, die Gläsernen, diejenigen, die zu viel wünschen, diejenigen, die zu viel gewagt und zu viel verloren haben." Und Lucinda muss es wissen. Denn Lucinda hat Tenebrien erfunden. Wenn sie auf der Brücke liegen und in den Sommernachthimmel sehen, erzählt sie ihrer kleinen Schwester Malina von Tenebrien. Und von all den anderen Sachen, über die die Erwachsenen im Laufe ihres Erwachsenwerdens das Reden verlernt oder vergessen haben.

Lucinda ist die Hauptfigur des Romans "Und auch so bitterkalt", der zu der Jugendbuch-Entdeckung des Frühjahrs werden könnte, nein, sollte. Denn es ist sensationell gut geschrieben. Lara Schützsack hat genau den richtigen Ton gefunden, eine Art warmherzige Lakonie, die den Pathos der Jugend an keiner Stelle verrät. Die ihn aber auch nicht verklärt. Schützsack schreibt in schlichten Sätzen, in denen sich auf wundersame Weise alle Komplikationen des Lebens verheddern. "Und auch so bitterkalt" ist ein Buch über die Jugend. Auch wenn Sie nie Jugendbücher lesen, dieses eine müssen Sie doch lesen.

Konfetti auf der Beerdigung

Erzählt wird "Und auch so bitterkalt" zwar aus der Perspektive der kleinen Schwester Malina, aber eigentlich geht es nur um Lucinda. So ist das immer mit ihr. Lucinda ist das präsenteste Mädchen von allen. Die eine, die dunkelrot geschminkte Lippen trägt, zu kurze Kleider und exzentrische Hüte. Ihr Vater Frieder nennt sie scherzhaft die Königin, weil alles immer nach ihrem Willen geschieht. Ihre Mutter Isa kauft sich Erziehungsratgeber. Die Jungs, denen Lucinda einen kurzen Teil ihrer Aufmerksamkeit schenkt, verzehren sich danach vor Liebeskummer nach ihr. Lucinda liebt Musik und fürchtet das belanglose Leben. Sie streut Konfetti auf der selbst organisierten Beerdigung des Stuckengels, der von der Hausfassade abgebrochen ist. Sie kann einen ganzen Raum zum Leuchten bringen, wenn sie will. Und die ganze Welt mit sich in die Dunkelheit reißen, wenn sie verzweifelt ist. Lucinda ist die deutsche Version von John Greens Alaska. Sie ist die eine, die mehr sieht im Leben. Bis sie verglüht wie ein zu heißer Stern.

Lucinda mag nicht mehr essen. Ihre Eltern verstehen nicht, wieso. Und Dr. Zimmermann, der Psychologe, weiß auch nur Allgemeinplätze dazu zu sagen. Malina versteht ihre Schwester als Einzige, aber sie bringt so wenig ein Wort heraus wie Lucinda einen Bissen herunter. "Es ist, weil sie die Geräusche nicht erträgt, das Kauen und Schmatzen, das Schlucken, das Zischen der Kohlensäure, wenn man den Deckel der Wasserflasche öffnet, will ich erklären, aber mein Mund bleibt geschlossen. Sie kann es nicht mehr hören, das Geräusch, wenn man Wurst aufs Brot legt, Isas Unterkiefer, wenn er beim Essen knackt, Frieders Messer, das über den Teller rutscht. Es macht sie traurig. Weil sie mehr vom Leben erwartet. Kein leises Summen, sondern ein Dröhnen, kein stetes Licht, sondern ein Blitzgewitter, und immer soll da ein Brennen sein auf der Haut und ganz tief drinnen, damit wir spüren, dass wir am Leben sind."

Lucinda hungert, bis ihr Magen die Größe von dem eines Vögelchens hat und ihre Schulterblätter die Form von Flügeln. Sie hungert, bis ihre Füße sie nur noch über die Teppiche tragen, die ihr Vater Frieder im ganzen Haus verlegt hat. Sie hungert weiter, bis da plötzlich dieser riesige gepackte Koffer in ihrem Zimmer steht. Denn eigentlich ist dies ein Roman über eine Reise nach Tenebrien.


Lara Schützsack: Und auch so bitterkalt. Fischer KJB, Frankfurt am Main; 176 Seiten; 14,99 Euro. Erscheint am 20. Februar.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
mr.feelgood 19.02.2014
1.
Vielen Dank für die aussichtsvolle Rezension. http://www.blubberfisch.de/media/fs/308/LP_978-3-596-85619-0.pdf Sie öffnet Überlegungen, in denen sich Kindheits- und Adoleszenzträume abzeichnen und in unserer Welt nicht erfüllen können? Diesen Jugendroman werde ich lesen, auch wenn ich schon >50 Jahre alt bin.
no_title 19.02.2014
2.
Zitat von sysopChristiane WöhleLucinda ist das präsenteste Mädchen von allen. Die eine, die immer alle ansehen. Die eine, die mehr sieht im Leben. Dann verschwindet sie Gramm für Gramm. Lara Schützsacks Debüt "Und auch so bitterkalt" könnte die Jugendbuch-Entdeckung des Frühjahres werden. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/magersuchts-roman-von-lara-schuetzsack-und-auch-so-bitterkalt-a-954244.html
Wie wäre es, wenn Sie solche Empfehlungen dann auch noch durch die korrekte Angabe des Verlags abrunden...?
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