Der Kanzler-Vermesser Nah, näher, Nayhauß

Mainhardt Graf von Nayhauß kannte alle Kanzler und kam ihnen näher als jeder andere Journalist. Wie hat er das geschafft? Seine Lebenserinnerungen geben die Antwort: Nayhauß hat sich angepasst - immer und jedem.

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Im Foyer steht ein Mann, er lässt sich nicht abwimmeln. Er will unbedingt mit einem Redakteur sprechen, es gehe um den Kanzler und um Spionage - ein Spinner, ganz klar. Und für Spinner, so war das zu allen Zeiten in allen Redaktionen, für Spinner ist immer der Neue zuständig.

Also wird Mainhardt Graf von Nayhauß geschickt, gerade 30 Jahre alt geworden und frischgebackener SPIEGEL-Mitarbeiter, er spricht mit dem Besucher und stellt fest: Der Mann ist kein Spinner, sondern Informant und kann darüber berichten, dass die Villa, in der der Kanzler Konrad Adenauer seinen Schweiz-Urlaub verbringen will, ausgerechnet einem alten Faschisten gehört - und vermutlich verwanzt ist. Nayhauß hat seinen ersten Scoop, im März 1956 erscheint seine Geschichte, und der Kanzler ist sauer: Er muss sich ein anderes Domizil besorgen.

Es gibt in ganz Deutschland vermutlich keinen Journalisten, der auf eine so lange und reiche Karriere zurückblicken kann wie Mainhardt Graf von Nayhauß, 88. Er schrieb nach dem SPIEGEL für "Stern", "Quick", "Jasmin", für "Bunte" und für "Bild" und zahlreiche weitere Blätter, und diese erste Geschichte hatte den Charakter eines Grundsteins: Nayhauß war der Mann für die Kanzler, und oft genug ging es in den vielen Tausend Texten, die er über sämtliche Regierungschefs dieses Landes geschrieben hat, nicht um die große Politik, sondern eher um die Details des Lebenswandels. Ob sie speisten, tranken, wankten, schliefen, segelten, Nayhauß schien immer dabei gewesen zu sein oder zumindest in nächster Nähe.

Dass er es sich mit Helmut Kohl schließlich verscherzt habe, weil er mit dem Zollstock die Größe von dessen Kanzlerklobrille in der Regierungsmaschine vermessen habe, dementiert Nayhauß allerdings entschieden: Die Maßanfertigung für das kohlsche Gesäß sei zuerst anderswo kolportiert worden, im SPIEGEL nämlich.

In seiner nun vorliegenden Autobiografie "Chronist der Macht" sind weniger die zahlreichen Anekdoten des Journalisten interessant, der unterhaltsam, wenn auch bisweilen etwas sprunghaft Details aus seinen ungezählten Begegnungen mit mächtigen Menschen ausbreitet - es ist vielmehr die stets mitschwingende Frage, wie ein Mensch gestrickt sein muss, der sich stets im Dunstkreis der Entscheider bewegen will.

Bestens im Nazi-System zurechtgefunden

Die Erinnerungen des Grafen beginnen mit einer Durchsuchung: 1933 brechen SS-Männer in die Wohnung der Familie ein, suchen nach dem Vater Stanislaus, nehmen Papiere mit und erschrecken den sechsjährigen Mainhardt, der hilflos die Tränen seiner Mutter sehen muss. Der Vater hat unter Pseudonym eine Schrift gegen die Nazis verteilt, jetzt ist er auf Reisen, später wird er gefasst, eingesperrt und ermordet. Die Mutter kämpft darum, eine Entschädigung für den Mord am Vater zu bekommen, und tatsächlich erreicht sie mit viel Hartnäckigkeit, vom nationalsozialistischen Staat eine Rente zugesprochen zu bekommen - der Mord am Gatten wird als Fehler von untergeordneten Schergen kaschiert. Doch sie wird von der Gestapo verpflichtet, über die Hintergründe des Todes ihres Mannes zu schweigen - selbst der eigenen Familie gegenüber. Sie hält sich daran.

Und so kommt es, dass der kleine Mainhardt, Sohn eines ermordeten Regimegegners, sich bestens im Nazi-System zurechtfinden kann. Gerne geht er zur Hitlerjugend ("habe es sogar bis zum Hauptscharführer gebracht"), ausgesprochen gerne besucht er die Napola in Spandau, ein Internat zur Erziehung der künftigen Nazi-Elite, und kann es kaum erwarten, dass die Ferien vorbei sind: "Ich fühle mich wohl." In Nayhauß' Erinnerungen ist die Napola eine weitgehend unpolitische Einrichtung, der er noch heute viel verdankt: "Spandau hat mich auch generell geprägt, was Zielstrebigkeit, Selbstverantwortung, Pflichtbewusstsein betrifft. Klingt nach Sekundärtugenden, aber so ist es nun einmal."

Entsprechend begeistert zieht der junge Graf Nayhauß dann auch in den Krieg, zunächst als 16-Jähriger an der Flak, später als Freiwilliger bei der Waffen-SS, wo er das letzte Kriegsjahr erlebt, verwundet wird und mit Bedauern zur Kenntnis nehmen muss, dass ihm das Eiserne Kreuz II. Klasse vorenthalten wurde. Begründung: zu kurze Frontzeit. "Immerhin werden mir fünf Nahkampftage bescheinigt - 15 braucht man, um die Nahkampfspange des Heeres in Bronze zu erhalten." Der Krieg als Möglichkeit zum Sammeln von Abzeichen.

Das System, dem er diente, stellte er nie in Frage

Die Zeit an der Napola ist auch nach dem Krieg hilfreich, immer wieder trifft Nayhauß auf ehemalige "Spandauer". Zwar habe es nie ein Netzwerk der alten Kameraden gegeben, aber "natürlich gab es bei gemeinsamer beruflicher Lage ein besseres und leichteres Zusammenspiel". Wie das geht, beschreibt er am Beispiel eines ehemaligen Mitschülers, der später SPIEGEL-Korrespondent und noch später Lobbyist der Mineralölindustrie wurde: "Wenn er eine Meldung lanciert haben wollte, hat man ihm geholfen."

Mainhardt Graf von Nayhauß, diesen Eindruck erwecken seine Lebenserinnerungen, ist ein Mann, der zeit seines Lebens getan hat, was man von ihm erwartete. Wahrscheinlich fiel es ihm deswegen so leicht, in die Nähe der Mächtigen zu kommen - weil er augenscheinlich weniger an politischen Ideen oder Ideologien interessiert war und eher an der Macht an sich. Das System, dem er diente, stellte er nie in Frage. Er war ein begeisterter Hitlerjunge und SS-Soldat, und später war er ein begeisterter Bundesrepublikaner.

Er schrieb so gut und gerne für den SPIEGEL wie für die "Bunte" oder die "Bild"-Zeitung, was auch insofern keine große Rolle spielte, als er seit Jahrzehnten seine Texte aus dem heimischen Büro lieferte. Die überaus große Anpassungsfähigkeit des Grafen machte ihn im hohen Alter noch zum Vorreiter: Auf bild.de chattete er mit Lesern und Politikern, in der "netzeitung" hatte er eine Kolumne, als andere Journalisten das Internet noch für eine vorübergehende Erscheinung hielten, die vom wichtigen Geschäft mit raschelndem Papier nur ablenkt.

Bei der Präsentation seines Buches in der bayerischen Landesvertretung in Berlin lobte sein langjähriger Freund Hans-Dietrich Genscher, auch dieser legendär flexibel, das Werk des Weggefährten mit freundlichen Worten. Er habe zunächst von hinten angefangen zu lesen, sagte Genscher, nämlich beim Personenverzeichnis, und befriedigt festgestellt: "Ein Buch, in dem man selbst häufig vorkommt, kann so schlecht nicht sein." Kanzler sind leider keine gekommen.

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insgesamt 6 Beiträge
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BettyB. 02.10.2014
1. Mainhardt Graf von Nayhauß und Hans-Dietrich Genscher
Parademuster der Anpassung, erfolgreich, aber wohl kaum des Rühmens wert...
stauss4 02.10.2014
2. Typischer Journalist
Stromlinienförmiger Anpisser, äh Anpasser. Sieht schon aus wie eine Schlange, die sich überall durchschlängelte. Den Kopf mit der Brille auf einem Schlangenkörper glaubt sofort jeder. Wirkliche Informationen für das Volk hat der nie gebracht. Nur das, was er bringen sollte. Wie heute die meisten Journalisten. Das ist Euer Meister.
j.w.pepper 02.10.2014
3. Anpassungsfähigkeit...
...ist letztlich eine Tugend. Die Grenze ist da, wo man die Anpassung an die Umstände nicht mit seinen Grundwerten vereinbaren kann. Und da frage ich mich doch, ob man einem 18- oder 19-Jährigen, der den größten Teil seines jungen Lebens unter den Nazis aufgewachsen ist, die Anpassung an das System vorwerfen kann. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht von Kriegsverbrechen, das wäre wieder ein Fall der oben angesprochenen "Grenze". Übrigens ist auch ein bewusstes Aufbegehren gegen die Verhältnisse eine Form der Anpassung.
knieselstein 02.10.2014
4. Tja, da passte
Zitat von stauss4Stromlinienförmiger Anpisser, äh Anpasser. Sieht schon aus wie eine Schlange, die sich überall durchschlängelte. Den Kopf mit der Brille auf einem Schlangenkörper glaubt sofort jeder. Wirkliche Informationen für das Volk hat der nie gebracht. Nur das, was er bringen sollte. Wie heute die meisten Journalisten. Das ist Euer Meister.
der gute Graf in den 50 ern mit seiner HJ- und Waffen-SS Vita ja hervorragend zu Augsteins Spitzenpersonal
heldenmut 03.10.2014
5. Er kannte alle Kanzler...
Der kürzlich verstorbene, reichste Mann Deutschlands, der Aldigründer Karl Albrecht kannte nicht nur des anderen Berufs wegen keinen Bundeskanzler persönlich, weil ihm die Politik zu "schmierig" vorkam.
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