Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Manga-Comics: Japanischer Rock'n'Roll in phantastischen Welten

Von Lutz Göllner

Wer sagt, dass Jugendliche nicht mehr lesen? Japanische Comics befinden sich seit Jahren auf einem globalen Eroberungsfeldzug und erfreuen sich mittlerweile auch im europäischen Kulturkreis immer größerer Beliebtheit. Jetzt sind die "Manga" sogar museumstauglich geworden...

Action und Dynamik: "Mysteriöse Detektivgeschichten" von Akihiro Yamada, 1999

Action und Dynamik: "Mysteriöse Detektivgeschichten" von Akihiro Yamada, 1999

Vor inzwischen zehn Jahren begann der Siegeszug der Manga in Deutschland mit dem Klassiker "Akira", von Fachleuten damals noch als vorübergehendes Phänomen abqualifiziert. Inzwischen hat sich der Wind gründlich gedreht: In Folge einer Japanisierung des Unterhaltungsmarktes gelangten in den letzten beiden Jahren immer mehr japanische Comics auf den deutschen Comicmarkt, in den Kinos laufen "Animes", japanische Zeichentrickfilme wie "Prinzessin Mononoke", der Fernsehsender Vox versendet die Kult-Serie "Neon Genesis Evangelion", die in Japan eine wahre Hysterie ausgelöst hatte, und RTL2 hat sein tägliches Anime-Programm von einer halben auf vier Stunden ausgebaut.

"Bei der neuen Manga-Welle spielen zwei Faktoren eine Rolle", so Joachim Kaps, Cheflektor beim Hamburger Carlsen Verlag, der von seinem Manga "Dragon Ball" inzwischen eine Gesamtauflage von zwei Millionen Exemplaren an deutsche Leser verkaufte. "Zum einen gibt es eine allgemeine kulturelle Entwicklung: Animes im Fernsehprogramm, wie 'Sailor Moon' und 'Dragon Ball', haben den Verkäufen natürlich einen Anschub gegeben.

Expressionistischer Pinselstrich: "Shun Di" von Katsuya Terada, 1997

Expressionistischer Pinselstrich: "Shun Di" von Katsuya Terada, 1997

Dazu kommt das generelle Interesse an japanischer Kultur, angeheizt durch japanische Popmusik und Computerspiele mit Japan-Optik." Aber auch die Produktformel, mit der deutsche Verlage die Manga verkaufen, ist mittlerweile anders: "Vor zehn Jahren waren Manga von der Preisstruktur her ein Luxusprodukt," so Kaps. "Jeder Band kostete nahezu 30 Mark. Jetzt stimmt auch das Preis-/Leistungsverhältnis für Jugendliche wieder. Die bekommen für zehn Mark nahezu 200 Seiten Lesespaß."

Ähnlich wie im Japan der Nachkriegszeit, wo Manga eine ähnliche Rolle spielten wie der Rock'n'Roll zur gleichen Zeit in den USA, ist auch die Mangawelle hier zu Lande eine veritable Jugendbewegung. Für die Japaner waren Manga nach 1945 ein billiger Ersatz für Filme. So entwickelten die damaligen Künstler - allen voran der "Vater der Manga" Osamu Tezuka - eine Erzählweise, die dem Publikumsbedürfnis nach Action und Dynamik entgegen kam. "Deshalb sind japanische Comics keine Spielart westlicher Comics", weiß dann auch Georg F.W. Tempel, Leiter des Verlages Egmont Manga & Anime: "Es ist eine komplett andere Welt, in der es alle Sorten von Geschichten gibt.

Ersatz für Filme: "Der gehende Mann" von Jiro Taniguchi, 1992

Ersatz für Filme: "Der gehende Mann" von Jiro Taniguchi, 1992

Der Unterschied ist: Comics spielen in Japan eine große Rolle, sie sind ein verbreitetes Kulturgut und werden von allen Altersschichten gelesen." 40 Prozent aller Druckerzeugnisse in Japan sind Manga, mehr als zwei Milliarden Magazine und Bücher werden jährlich verkauft, die durchschnittliche Auflage der telefonbuchdicken Magazine liegt bei 500.000 Exemplaren.

Ein Grund für die riesige Verbreitung der Bildgeschichten liegt sicherlich in der cleveren Vermarktungskette, die die japanischen Verlage aufgezogen haben: Sie reicht vom Comic über Zeichentrickserien bis hin zu Kinofilmen, Computerspielen und jeder erdenklichen Form von Merchandising. Ist eine Serie erst mal erfolgreich, kann nichts sie stoppen, wie das Pokémon-Phänomen im letzten Jahr bewiesen hat. Aber auch die schier unendliche Vielfalt der Sujets spielt eine wichtige Rolle: Es gibt Manga für jede Alters- und Berufsgruppe vom Kleinkind bis zum Rentner und wohl kein Genre, von Krimi bis Fantasy, das unberücksichtigt bleibt.

Derbe Karikaturen: "Eine Sammlung von Lösungen" von Tiger Tateishi, 1982

Derbe Karikaturen: "Eine Sammlung von Lösungen" von Tiger Tateishi, 1982

Einen kleinen Einblick in diese Vielfalt gewährt jetzt eine Ausstellung im Berliner Museum für Ostasiatische Kunst. Denn auch künstlerisch ist beim Manga alles möglich. Vom zarten, fast schon expressionistischen Pinselstrich (Katsuya Terada) über derbe Karikaturen (Tiger Tateishi) bis hin zu den phantastischen Welten eines Tezuka versucht die Ausstellung eine Übersicht über die japanische Zeichnerszene zu geben. Dabei spielten kommerzielle Gesichtspunkte anscheinend überhaupt keine Rolle. Von den gezeigten 25 Künstlern werden gerade mal zwei auch auf Deutsch veröffentlicht.

"Manga - Die Welt der japanischen Comics". Museum für Ostasiatische Kunst, Berlin; bis 16. September 2001.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: