Mangas Sehr dreckiger Sex, sehr sauber gezeichnet

Es ist nicht ganz leicht, im Massenmarkt Mangas richtig gute Comics zu finden. Wir haben uns auf die Suche gemacht. Mit Erfolg: drei Tipps.

Kazuo Kamimura, Hideo Okazaki & Masako Togawa/ Carlsen

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Also, inzwischen weiß ich ja, was ich an Mangas nicht mag: Diese vorgefertigten Schablonengesichter und auch diese Form von Slapstick, bei der die Protagonisten immer furchtbar übertrieben erschrecken, schüchtern werden, sich mit der Hand im Nacken kratzen und so zuckrig grinsen, dass alles zu spät ist. Der Vorteil dabei ist: Man kann gezielter suchen. Gibt es Mangas, die auf diesen Humbug verzichten, aber immer noch eine schöne Geschichte hinlegen? Die gibt's, und drei davon haben mir in letzter Zeit richtig gut gefallen.

Blame!

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Kampfmaschinen-Comic "Blame!": Kälter wird's nicht

Eine Serie davon ist mir leider etwas zu spät aufgefallen, die wäre ideal für diesen heißen Sommer gewesen: "Blame!" von Tsotomu Nihei, mit das Kälteste, was ich bisher als Comic gesehen habe. Also, nicht von der Raumtemperatur her, die lässt sich nicht recht bestimmen, aber die Fantasiezukunft, in die "Blame" entführt, ist emotional derart frostig, das hält man ab Frühherbst nur aus, wenn man beim Lesen unter eine Decke kriecht.

Wir befinden uns in einem gigantischen maschinenartigen Gebäude, es gibt riesige Wände, ursprünglich glatt verkleidet, inzwischen aber völlig verrottet, überspannt von fassdicken Kabelsträngen, angenagt von elefantengroßen Beton-Asseln. In dieser Industriemechanikwelt ist Killy unterwegs, ein junger Mann mit einer kleinen, extrem wirksamen Knarre, der nach Überresten der Menschheit sucht - und gegen Roboter und Androiden kämpft, die dasselbe tun.

Für wen Killy arbeitet? Wie lange schon? All das wird nicht verraten und zwischen ausgeklügelt choreografierten Schießereien in homöopathischen Dosen allenfalls angedeutet. Killy erfährt von einem bewohnten Gebiet, "3000 Levels entfernt", und selten hat etwas derart Freudloses vielversprechender gewirkt: Die Aussicht, ihn noch länger in dieser faszinierend verfallenen Welt begleiten zu können. Mit aufregenden Perspektiven, harten, schnellen Schnitten, betäubenden Explosionen und einem bemerkenswert klug eingesetzten Minimum an Text und Dialog. Mehr! Mehr!

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Tsutomu Nihei:
Blame! Master Edition 5

Cross Cult, 400 Seiten, 28 Euro

"Tekkon Kinkreet"

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Manga um Kinder-Gang: "Pimmelkackamöpse"

Deutlich schwerer fällt die Eingewöhnung bei "Tekkon Kinkreet" von Taiyo Matsumoto. Nicht nur, weil Gangster-Großstadtballaden per se schon deutlich weniger knallig daherkommen. Da ist zunächst der Zeichenstil, weniger perfektionistisch, überhaupt nicht so supersauber, sondern eher im Indie-Stil von Robert Crumb, die namenlose Stadt mit ihren seltsam aufgequollenen Autos könnte auch den Hintergrund zu den Abenteuern von "Fritz the Cat" bilden.

Und die beiden Antihelden sind zwar extrem gewalttätig, aber Kinder: Shiro und Kuro bilden die Zweier-Gang der Katzen, Straßenkinder, die in einem vermüllten alten Honda hausen. Shiro ist dabei deutlich langsamer im Kopf, schreit Unschönes wie "Pimmelkackamöpse", und beim Essen mag man ihm auch nicht zusehen. Kuro mit seiner Pilotenbrille kümmert sich um ihn und gemeinsam verprügeln sie jeden, der ihnen querkommt oder eine Armbanduhr trägt. Spannend ist, wie Matsumoto einem die zwei kleinen Arschlöcher näherbringt: Wenn sie gerade niemandem den Kopf einschlagen, achten sie geradezu fürsorglich aufeinander.

Und sie lieben ihre Stadt, weshalb sie ziemlich schnell auch ausgewachsene Gangster krankenhausreif schlagen, die ihre Lieblingsplätze kaputtsanieren wollen - Shiro und Kuro sind nämlich nicht nur todesmutig und völlig hemmungslos, sondern auch unschlagbar. Es kommt, wie's kommen muss: Drei stumme Profikiller werden in die Stadt geholt und auf die beiden angesetzt. "Tekkon Kinkreet" entführt in eine düstere Welt voller guter bis böser Polizisten, geisteskranker bis prinzipienfester Gangster und mit einer angesichts der Härte erstaunlichen Warmherzigkeit.

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Taiyo Matsumoto:
Tekkon Kinkreet

Übersetzung: Verena Maser

Cross Cult; 624 Seiten; 32,- Euro (gebunden)

"Abe Sada"

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Manga "Abe Sada": Geschichte einer Geisha

Jetzt ist ein bisschen Erinnerungsarbeit hilfreich: 1976 sorgte ein Film für ziemlich viel Wirbel - "Im Reich der Sinne", japanische Erotik, die auf einem wahren Skandal beruhte. Ein Paar, das sich allmählich in immer extremere Sexpraktiken verstrickt, bis sie ihn eines Tages auf seinen Wunsch hin stranguliert und (sensible Gemüter lesen jetzt mal kurz weg) ihm dabei den Penis abtrennt.

Kazuo Kamimura hat das im selben Jahr mit dem Autor Hideo Okazaki zu einem Manga verarbeitet, den der Carlsen Verlag dieser Tage rausbringt - und der schon ziemlich prima ist. "Abe Sada" begleitet die Geschichte des weiblichen Teils des Pärchens, des frühreifen Mädchens Abe, die "Männer mag", wie sie selbst sagt, die allerdings zugleich auch ziemlich verstört darüber ist, dass sie sich so anders verhält, so anders empfindet als die übrigen Mädchen und Frauen.

Kamimura macht draus eine ziemlich raffinierte Mischung: Zwischen viel Sex lernt man Japans damalige Familienstrukturen, Sitten und Gesellschaft kennen. Der Stil ist außerordentlich flexibel, wechselt zwischen historischen Motiven und Formensprache, sauberen Zeichnungen und hübschen Aquarellpassagen, und obendrein hat Kamimura einen gewitzten Weg gefunden, sehr dreckigen Sex sehr sauber wiederzugeben.

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Kazuo Kamimura, Hideo Okazaki, Masako Togawa:
Abe Sada 1

Carlsen, 224 Seiten, 14,99 Euro

Falls Sie dennoch Bedenken haben: Ich kann versichern, am Ende von Band 1 sind alle Körperteile auf jeden Fall noch dort, wo sie hingehören.

Im Video: Mangas, Elfen, Superhelden - Comicfiguren als Vorbild

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Seite 1
hausfeen 25.10.2018
1. Intellektuell sublimierte Frustration.
Also überflüssig.
5b- 25.10.2018
2. Blame
Also ich habe Blame so verstanden, dass sich alles unterirdisch abspielt. Killy arbeitet sich die Reihe hindurch langsam nach oben. Blame ist absolut großartig. Es ist aber auch schon etwas älter. Das tolle dabei ist, dass es so fesselt, dass man nicht einmal darüber stört, nicht zu wissen warum er überhaupt Menschen mit Netzwerkgenen sucht und was jene von solchen wie ihm unterscheidet. Was ist Killy überhaupt? Er scheint wie die meisten eine Art Cyborg zu sein, das scheint dadurch unterstrichen, dass Künstliche Intelligenzen als gänzlich andere Wesen dargestellt werden. Das fesselnde ist die Atmosphäre. Die ganze Welt scheint darauf ausgelegt zu sein ursprünglichen Menschen mit den sogenannten Netzwerkgenen zu dienen. Die scheinen aber verschwunden zu sein. Man sollte auch erwähnen dass man im Nachhinein Noise lesen sollte, das obwohl man sich davon Klärung erhofft, eigentlich nichts aufdeckt.
varlex 25.10.2018
3.
Zitat von 5b-Also ich habe Blame so verstanden, dass sich alles unterirdisch abspielt. Killy arbeitet sich die Reihe hindurch langsam nach oben. Blame ist absolut großartig. Es ist aber auch schon etwas älter. Das tolle dabei ist, dass es so fesselt, dass man nicht einmal darüber stört, nicht zu wissen warum er überhaupt Menschen mit Netzwerkgenen sucht und was jene von solchen wie ihm unterscheidet. Was ist Killy überhaupt? Er scheint wie die meisten eine Art Cyborg zu sein, das scheint dadurch unterstrichen, dass Künstliche Intelligenzen als gänzlich andere Wesen dargestellt werden. Das fesselnde ist die Atmosphäre. Die ganze Welt scheint darauf ausgelegt zu sein ursprünglichen Menschen mit den sogenannten Netzwerkgenen zu dienen. Die scheinen aber verschwunden zu sein. Man sollte auch erwähnen dass man im Nachhinein Noise lesen sollte, das obwohl man sich davon Klärung erhofft, eigentlich nichts aufdeckt.
Der dazugehörige Anime gibt etwas mehr Antworten auf die verschiedenen Fragen. Vor allem um das Thema der "Metallstädte" (soweit ich mich erinnere, nicht unterirdisch, sondern eine gigantische Megastadt um den Globus), was das Netzwerkgen war und was zu der katastrophe führte und warum die Maschinen sich gegen die Menschen richten.
jhea 25.10.2018
4.
Zitat von 5b-Also ich habe Blame so verstanden, dass sich alles unterirdisch abspielt. Killy arbeitet sich die Reihe hindurch langsam nach oben. Blame ist absolut großartig. Es ist aber auch schon etwas älter. Das tolle dabei ist, dass es so fesselt, dass man nicht einmal darüber stört, nicht zu wissen warum er überhaupt Menschen mit Netzwerkgenen sucht und was jene von solchen wie ihm unterscheidet. Was ist Killy überhaupt? Er scheint wie die meisten eine Art Cyborg zu sein, das scheint dadurch unterstrichen, dass Künstliche Intelligenzen als gänzlich andere Wesen dargestellt werden. Das fesselnde ist die Atmosphäre. Die ganze Welt scheint darauf ausgelegt zu sein ursprünglichen Menschen mit den sogenannten Netzwerkgenen zu dienen. Die scheinen aber verschwunden zu sein. Man sollte auch erwähnen dass man im Nachhinein Noise lesen sollte, das obwohl man sich davon Klärung erhofft, eigentlich nichts aufdeckt.
Blame kann auch auf der Oberfläche oder im Weltall spielen. Es spielt keine Rolle. Fakt ist, die Konstrukteure (also die bauenden Megaroboter die das alles bauen) sind einfach durchgedreht und haben in die Unendlichkeit hin Dinge erbaut. Aber letztlich muss jedem der Gedanke wo es spielen soll selbst gefallen. Mir gefällt der Gedanke, dass es sich im all abspielt ;)
tolly 25.10.2018
5. Spiegelverkehrt
Lieber Spiegel, die Bilder des Mangas Abe Sada, Geschichte einer Geisha, sind spiegelverkehrt. Das bemerkt man, wenn man die Geschichte liest: rechts vor links. Vermutlich wurde falsch herum digitalisiert und da die Sprechblasen in japanisch sind, hat keiner bemerkt, dass diese gespiegelt waren ;-)
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