Neues Buch von Marc-Uwe Kling Im Schatten des Kängurus

Mit seiner Känguru-Satire wurde Marc-Uwe Kling zum Bestsellerautor. Jetzt legt er nach und entwirft im neuen Roman eine düstere Zukunft. Erschreckend - aber auch erschreckend spaßbefreit.

Sven Hagolani

Von


Und der ganze Saal liegt ihm giggelnd zu Füßen. Marc-Uwe Kling - mehrfach abgebrochener Philosophiestudent, Kabarettist, Bestsellerautor in Kapuzenpulli - liest an diesem Abend eigentlich aus seinem neuen Buch "Qualityland". Einen der größten Gemeinschaftslacher gibt es im fast ausverkauften Tempodrom in Berlin aber, als er auf der Bühne zum Aufwärmen berühmte Zitate falsch zuordnet.

Das ist zwar manchmal etwas platter Humor ("'Hier stehe ich. Ich kann nicht anders' - Die Deutsche Bahn"). Aber vor allem lachen alle sowieso, weil sie den Witz schon kennen: Die so simple wie geniale Idee stammt vom Känguru, aus Klings Bestseller-Trilogie über eine WG aus Ich-Erzähler und Beuteltier.

Wer die Bücher las, erlag Klings Talent, kreativ völlig freizudrehen und am Ende doch bei einer hellsichtigen Gesellschaftskritik rauszukommen, meist sofort. Kling selbst, der Ich-Erzähler stand in den lose angelegten Episoden eher für eine linke Lethargie, grüblerisch angesichts des Lebens im Falschen, das Känguru aber - kommunistisch gesonnen und durch die Ideologie viel aktionistischer - fraß dem Ich-Erzähler den Kühlschrank leer ("Mein. Dein. Das sind doch bürgerliche Kategorien.") und sorgte konstant für Trouble: boxte Nazis um, demonstrierte gegen Rechtspopulisten, erkor einen kapitalistischen Pinguin zu seinem kosmischen Antagonisten.

Fotostrecke

5  Bilder
Marc-Uwe Kling: Die Zukunft, vor der uns das Känguru gewarnt hat

Dieses Gaga funktionierte als Geisteswissenschaftler-WG-Klolektüre genauso wie für Eltern, die mit ihren Kindern eine 8-Stunden-Autofahrt ohne Bibi und Tina in Dauerschleife rumbringen wollen: populärdialektischer Familienhumor, der sich durchaus mit den ganz großen Duos des Genres messen kann. Alf und Willy. Homer und Marge. Känguru und Ich-Erzähler. Der erste Band, "Die Känguru-Chroniken", erschien 2009, inzwischen steht die deutsche Gesamtauflage laut Ullstein Verlag bei knapp 900.000, und da sind die beliebten Hörspiele noch nicht einberechnet. Was kann da noch kommen?

Systemverweigerungshumoristen pflegen offenbar ein Sci-Fi-Faible

"Qualityland", das neue Buch von Kling, ist keine Episodensammlung, sondern ein satirischer Roman, angesiedelt in der nahen Zukunft - in dem das Känguru als Nebencharakter wie auch zahlreiche weitere Insiderwitze zwar auftauchen, in dem Kling aber vor allem den Überwachungsstaat entwirft, vor dem uns das Känguru immer gewarnt hat.

Protagonist Peter lebt in Qualityland, einer geschichtsvergessenen Version Deutschlands, wo "Hitler - das Musical" aufgeführt wird, rassistische Parteien auf dem Vormarsch sind und das Einkommen darüber bestimmt, welche ärztliche Versorgung einem zusteht.

Eine durchdigitalisierte und -ökonomisierte Welt, in der Androiden den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen und eine, in der es keine Zufälle mehr gibt, weil Algorithmen den Menschen besser kennen als er sich selbst: Ausgerechnet an Tagen, an denen Peter besonders mies drauf ist, bringt eine Drohne von einem monopolistischen Versandhändler unzufällig genau das, was er will. Auch, wenn er gar nicht wusste, dass er es will. "Die Leute, die den Code schreiben lassen, wollen dass wir glücklich sind, denn Frustration ist unproduktiv." Opium fürs Volk in digital.

ANZEIGE
Marc-Uwe Kling:
Qualityland

Ullstein, 384 Seiten, 18 Euro

Das klingt zwar dystopisch, aber nicht so wirr wie der Kängurukram - ist jedoch genau auch deshalb nicht so witzig. Man lacht beim Lesen kaum, am Abend im Tempodrom noch etwas häufiger, weil Kling sich schon immer besser hörte als las, er ein begabter Erzähler und Stimmenimitator mit Gespür für Timing ist.

Ein bisschen verhält sich "Qualityland" zu den Känguru-Büchern wie "Futurama" zu den "Simpsons", schon rein erzählerisch, weil offenbar viele Systemverweigerungshumoristen auch ein Sci-Fi-Faible pflegen. Nur fehlt das Känguru fast noch mehr als Homer Simpson.

Vielleicht sind die Erwartungen zu hoch

In der Trilogie war das Tier verantwortlich für Ideologie, aber die wurde immer mit einer Realität abgeglichen - gerade dass die Bücher diese Widersprüchlichkeiten aushielten und sich an ihnen rieben, machte den Reiz aus; ja, das war linker Weltschmerz, aber ihm lag eine liebenswerte Haltung zugrunde, weil vielleicht nicht das Känguru, aber das Buch den Kompromiss duldete: Das Känguru zeigte eine Wahrheit auf, wenn es linke Graffiti auf Stil und Ideologie verbesserte - aber über diese Wahrheit konnte auch gelacht werden.

"Qualityland" duldet diesen Kompromiss nicht mehr. Dramaturgisch und sprachlich baut Kling seine Geschichte konventionell, aber okay auf, inklusive Finale und Endpointe. Aber er zieht seine Dystopie so eindeutig durch, dass die Schönheit der Widersprüchlichkeit zugunsten der Moral runtergedreht wird: "Der eigentliche Witz ist, dass wir damals, in meiner Jugend, ernsthaft geglaubt haben, das Internet könne das Mittel zur Befreiung der Menschheit sein", sagt der alte Weise zu Peter. Vielleicht gibt aber auch noch einen Weg zwischen Befreiung und Versklavung?

Nach der Lesung steht ein Soziologiestudent am Merchstand, der Kling sehr ähnlich sieht, er sagt: "Ich finde die Idee mit der Zukunft schon spannend, er hat ja recht, wenn man sich die Macht der Internetkonzerne so anguckt." Er kauft dann aber nicht das neue Buch, sondern doch einen Jute-Känguru-Turnbeutel (Aufdruck: "Der ist angewachsen").

Das ist das Einerseits. Andererseits: Vielleicht sind die Erwartungen einfach zu hoch, vielleicht hat der Känguru-Rausch einen zu ungnädig gemacht. Vielleicht wollte Kling einfach schon immer mal einen dystopischen Zukunftsroman schreiben. Und dass er jetzt so schwarzsieht - mei, so toll ist die Lage ja nun wirklich nicht. "Die Zukunft war früher auch besser." Hat schließlich schon Heidi Klum gesagt.


Marc-Uwe Kling tourt derzeit mit seinem neuen Buch durch Deutschland - unter anderem liest er am 25. September in Dresden, am 26. in Leipzig und am 27. in München. Eine komplette Terminübersicht findet sich hier.

Mehr zum Thema


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
modemhamster 22.09.2017
1. Spannend
Nächste Woche Lesung im Circus Krone, und das Buch wird vermutlich auch gekauft. Im übrigen war die Känguru-Trilogie zwar auch witzig, aber nur "auch". Wenn man nach dem Witz mal 3-5 nachdachte, verflog die Komik, und das Lachen blieb im Hals stecken. "Ich möchte mein Geld so anlegen wie ich mein Fleich mag". "Ich verstehe, well-done", "Nein, blutig. Gehen Sie dahin wo es wehtut, Waffen, Kinderarbeit..." An diesen Stellen glaubt man gerne, dass er der legitime Nachfolger von Volker Pispers sein könnte. Aber die Deutschen wählen lieber Jörn Dwigs.
almeo 22.09.2017
2.
Es ist eigentlich schon ein wenig traurig, die Känguru-Chronik waren so erfolgreich und so gut, dass klar war - egal was Marc-Uwe Kling danach veröffentlichen würde, nichts würde wieder so gut werden (schon der dritte Band der Chroniken war ja eine ganze Ecke schwächer). Vielleicht möchte er mit seinem aktuellen Buch nochmal Geld verdienen, denn der Name zieht sicher nochmal, aber vor dem "Mythos" der Känguru-Chroniken wäre es sicher sinnvoll gewesen, erstmal eine lange Schreibpause einzulegen.
St.Baphomet 22.09.2017
3. Tja,
das Schnapspralinen fressende Beuteltier war schon recht lustig. Und teilweise treffsicher realistisch. Nur irgendwann ist da auch die Luft raus. Ob sein neues Buch "spaßbefreit" ein Bestseller wird wage ich zu bezweifeln. Gewiss nicht in einem Land "In dem wir gut und gerne leben", das Schreiben verstopfte heute ganz überraschend meinen Briefkasten, das Känguru hätte sich damit garantiert gleich den A abgewischt. Weil eben Viele wissen dass dies nicht stimmt und am Existenzminimum rumkrebsen. Eine spaßbefreite düstere Vision lesen diese wohl eher nicht. Die deutsche Realität ist schon spaßfrei genug.
madcostelloartist 22.09.2017
4. Wohl doch ein guter Schriftsteller
Bislang dachte ich immer, diese Känguru-Bücher von Marc-Uwe Kling seien so seichter Mario-Barth-Humor für den Bausparer nebenan. Doch nach Lektüre dieser SPON-Rezension über sein neues Buch scheint diese Trilogie doch mehr Substanz zu haben als ich dachte. Vor allem das Zitat "Mein. Dein. Das sind doch bürgerliche Kategorien" löste etwas in mir aus, eine unerwartete Neugier auf diese Bücher. Das Känguru korrigiert und kommentiert Graffiti? Muss ich mich mal kundiger machen über diesen Kling. Vielen Dank dafür, Eva Thöne.
dinkelmuesli 08.12.2017
5. Schlecht, weil nicht lustig?
Wenn ich die Kritik richtig verstehe, ist Qualityland also ein schlechtes Buch, weil es nicht lustig genug ist. Es reicht nicht an die glorreiche Lustigkeit der Känguru Chroniken heran. An Shakespeares "Hamlet" lässt sich ebenfalls kritisieren, dass es gar nicht lustig ist. Auch der Film Titanic - sauschlecht, weil nicht lustig. Lieber Spiegel, schreibt doch mal eine ganze Kolumne über alle Kunst, die euch zu schlecht ist, weil sie nicht lustig ist - ich würds lesen. So wie ich Marc Uwe Kling kenne, ist er stolz auf eine schlechte Kritik vom Spiegel. Und das ist bei eurem Rezensionsniveau auch das einzig richtige.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.