Marcel Reich-Ranicki Ein letzter "Vernichtungsversuch"?

81 Jahre und kein bisschen leise: Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nahm das vorletzte "Literarische Quartett" zum Anlass, noch einmal für Wirbel zu sorgen. Leidtragende (oder Profitierende?) ist die zuvor vom "Kritikerpapst" geförderte Schriftstellerin Ulla Hahn.


Fernseh-Kritiker Reich-Ranicki: Großer Multiplikator
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Fernseh-Kritiker Reich-Ranicki: Großer Multiplikator

Es kommt nicht so oft vor, dass die im "Literarischen Quartett" rezensierten Autoren öffentlich auf die an ihnen geübte Kritik reagieren. Der von den TV-Kritikern Reich-Ranicki, Karasek oder Radisch Gelobte schweigt ohnehin genießerisch - der Gescholtene hält allerdings ebenfalls den Mund, denn, so weiß man auch in der Literaturbranche: auch ein Verriss ist Werbung. Ulla Hahn, 55, Verfasserin des unlängst recht erfolgreichen Romans "Das verborgene Wort", war aber offenbar so erbost, dass sie nicht an sich halten konnte. Am Sonntag beschwerte sich die Autorin bei Radio Bremen über die "Hasstirade" und den offensichtlichen "Vernichtungsversuch" Reich-Ranickis.

Der hatte Hahns Buch am vergangenen Freitag in der vorletzten Sendung des "Literarischen Quartett" in der Tat verrissen. Der Zorn der Schriftstellerin ist jedoch verständlich, denn immerhin war es Reich-Ranicki selbst, der Hahn vor 20 Jahren für ihre Lyrik gerühmt und gelobt hatte. Zum ersten Roman der Hahn hätte er sich nicht geäußert, aber nun könne er nicht länger schweigen.

Gescholtene Autorin Hahn: "Wir fürchten seine Macht"
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Gescholtene Autorin Hahn: "Wir fürchten seine Macht"

"Ich habe sie entdeckt und gefördert. Ich schätze sie sehr als Lyrikerin, aber diesen Roman halte ich für missraten", bekräftigte Reich-Ranicki am Montag seinen TV-Verriss. Hahns Buch sei nur der Bericht eines infantilen Mädchens und daher allenfalls für Frauen interessant. Zurückzunehmen habe er nichts, er überlege sich vorher immer sehr genau, was er sage. Dass die Autorin nun verletzt sei, überrasche ihn "nicht im geringsten, aber natürlich betrübt es mich", sagte er.

"Das verborgene Wort" beschreibt die - vermutlich in großen Teilen autobiografische - Geschichte eines Mädchens, das sich durch seine Hingabe an die Welt der Literatur der als feindlich empfundenen Atmosphäre der fünfziger Jahre entzieht. Das Buch verkaufte sich bisher mehr als 50.000 Mal und wurde zuvor im Großen und Ganzen positiv bewertet. Dementsprechend empört zeigte sich auch die Autorin, die um ihre Verkaufszahlen fürchtet. Reich-Ranicki hätte doch zumindest darauf hinweisen können, dass ihr Buch "von großartigen Kritiken getragen wird" und es sich lediglich um eine Meinung unter vielen handele. "Wir Autoren", so Hahn, "nehmen Reich-Ranicki als Kritiker nicht mehr ernst, aber wir fürchten seine Macht".

Hahn-Roman "Das verborgene Wort": Auf dem Weg zum Bestseller?

Hahn-Roman "Das verborgene Wort": Auf dem Weg zum Bestseller?

Die Macht des Fernseh-Kritiker besteht vor allem darin, die Literatur publikums- und medienwirksam aus ihrer Nische zu zerren. Reich-Ranicki - das wissen auch die Buchhändler, die gerne ihre Regalwände umdekorieren, nachdem sie erfahren haben, wer im nächsten "Quartett" besprochen wird - ist der große Multiplikator, dessen spektakuläre Verrisse sogar verkaufsfördernd wirken können. Günter Grass' Roman "Ein weites Feld", von Reich-Ranicki als "unlesbar und absolut wertlos" abgetan, wurde ein Bestseller.

Des Kritikers letztes Spektakel vor dem vermutlich eher besinnlichen Talkrunden-Finale im Berliner Schloss Bellevue kann also auf vielerlei Weise gedeutet werden: Als eitles Aufstampfen des notorisch widerborstigen "Literaturpapstes", der ab Januar ohne die getreuen Begleiter auf dem Fernsehschirm bestehen will - oder als geschickt inszenierte Schützenhilfe für die möglicherweise überhaupt nicht in Ungnade gefallene Ulla Hahn, deren Buch sich - Verriss oder nicht - in den nächsten Wochen noch besser als zuvor verkaufen wird. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte...

Andreas Borcholte



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