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Reich-Ranickis Kriegsschicksal: Aus Liebe und aus Todesangst

Marcel Reich-Ranicki: Er erzählte um sein Leben Fotos
DPA

Mit Marcel Reich-Ranicki verliert Deutschland einen großen Literaturkritiker - und einen wortgewaltigen Zeitzeugen des Holocaust. Das NS-Regime nahm ihm Eltern und Bruder. Am Ende entkamen er und seine Geliebte nur durch eine Hochzeit - und durch die Liebe zur Literatur.

Es war ein unprätentiöser, schlichter Satz, mit dem Marcel Reich-Ranicki seine letzte, berührende Ansprache eröffnete. "Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus", sagte er am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, mit schwacher Stimme. "Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos."

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte Reich-Ranicki auf dem Weg in den Bundestag stützen müssen. Reich-Ranicki war damals schon 91 Jahre alt, er hatte vielleicht die Kraft über seinen Körper verloren, aber nicht die über seine Worte. Und an diesem Tag wollte er reden, auch wenn er manche Halbsätze wiederholen musste, weil seine Stimme so brüchig wurde. Er wollte unbedingt vermeiden, dass ein Detail seiner Vergangenheit verlorenging.

Die wohl persönlichste Rede seines Lebens

Viel hatte Reich-Ranicki zu berichten, nicht - wie sonst - als schnoddriger Literaturkritiker, sondern als nüchterner Zeitzeuge des NS-Terrors des Dritten Reichs. Es war gerade dieser sachliche, unpathetische Ton, der seine Zuhörer zutiefst berührte - und der diesen Vortrag zu der wohl persönlichsten Rede seines Lebens machte.

In ihr erzählte er von nur wenigen Tagen im Warschauer Ghetto, die aber nicht nur über sein Leben entschieden, sondern auch über das Hunderttausender Juden. Da war zum Beispiel der 22. Juli 1942, der Tag, an dem SS-Sturmbannführer Hermann Höfle als Sonderbeauftragter im Warschauer Ghetto Schicksal spielte und den Vorsitzenden des "Judenrats" über den Beginn der Deportation unterrichtete. "Umsiedlung" nannte Höfle das zynisch. Reich-Ranicki sagte im Bundestag: "Was die 'Umsiedlung' der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung - die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod."

Es war der 28. Oktober 1938, kurz vor sieben Uhr morgens, als die Polizei an der Tür der Reichs hämmerte, um die Familie aus Nazi-Deutschland nach Polen auszuweisen. Marcel Reich, der später seinen Namen in Reich-Ranicki umänderte, war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal achtzehneinhalb Jahre alt. Ein paar Monate zuvor hatte er Abitur am renommierten Berliner Fichte-Gymnasium machen dürfen, zu einem Studium ließen ihn die Nazis wegen seiner jüdischen Abstammung aber nicht mehr zu. Neben fünf Mark und einer Aktentasche nahm der junge Reich damals ein Buch mit in den Zug nach Warschau: "Eine Frau von dreißig Jahren" von Balzac, den Roman hatte er erst kurz vorher begonnen. In seinen Memoiren "Mein Leben" schreibt Reich-Ranicki später über diesen Tag: "Ich hatte aus dem Land, aus dem ich nun vertrieben wurde, die Sprache mitgenommen, die deutsche, und die Literatur, die deutsche."

"Der Lagnas hat doch eine Tochter"

In Warschau angekommen, kannte der junge Reich niemanden. Ein Jahr lang blieb er arbeitslos, lernte die Sprache, die ihm anfangs so fremd war und suchte nach einer Tätigkeit, um ein bisschen Geld zu verdienen - bis sich seine Jobsuche am 1. September 1939 erledigte, jenem Tag, an dem Adolf Hitler seinen Angriff auf Polen startete.

Ein grausamer Umstand führte Reich am 21. Januar 1940 mit seiner späteren Frau Teofila Langnas zusammen. "Geh sofort dahin, der Langnas hat doch eine Tochter, ihrer muss man sich jetzt annehmen", hatte Helene Reich ihrem damals 19-jährigen Sohn Marcel an diesem Tag gesagt. Teofilas Vater Pawel - ein ehemals erfolgreicher Geschäftsmann - war von den Nationalsozialisten enteignet und drangsaliert worden und hatte sich in der Folge in der eigenen Wohnung erhängt. Als Reich in die Wohnung kam, baumelte Pawel Langnas noch an seinem Hosengürtel - und an der Wand lehnte, völlig verstört, Teofila, um derentwillen der junge Mann gekommen war.

Dass der junge Reich später selbst dem Tod entgehen konnte, hatte er auch seiner Sprachmächtigkeit zu verdanken, davon berichtete er in seiner Bundestagsrede. In den Tagen vor dem 22. Juli 1942 waren bereits zahlreiche Juden auf der Straße erschossen oder verhaftet worden, es waren die Vorzeichen des Terrors, der kommen sollte. Als 15 SS-Männer schließlich das Gebäude des "Judenrats" stürmten und Reich-Ranicki in die Amtsstube des Vorsitzenden Adam gerufen wurde, dachte er: "Jetzt bin ich wohl an der Reihe." Doch er täuschte sich - SS-Mann Höfle brauchte Reich als Übersetzer.

Wer sich wehrt, wird erschossen

Aus der Sprache der Täter musste er Höfles "Auflagen für den Judenrat" in die Sprache der Opfer übertragen. Diese regelten detailliert die tausendfache Deportation in die Vernichtungslager. Wer sich gegen die Anweisungen wehre, musste der junge Reich damals ins Polnische übersetzen, "wird erschossen".

Er wusste, dass er Glück hatte, weil er als Übersetzer von der neuen Maßnahme zunächst ausgenommen sein würde - aber was war mit seiner Freundin Teofila? Die einzige Chance, sie womöglich vor einem Abtransport zu schützen, war eine Hochzeit. Noch am selben Abend heirateten die beiden - aus Liebe und aus Todesangst.

Trotz der Immunität, die Mitarbeiter des "Judenrates" und ihre Familien zunächst genossen, entkamen auch Marcel und Teofila Reich nur knapp der Deportation ins Todeslager Treblinka: Im Februar 1943 gelang es dem Paar, Unterschlupf bei dem arbeitslosen Schriftsetzer Bolek Gawin und dessen Familie zu finden. Obwohl er in Armut lebte, forderte ihr Helfer kein Geld von ihnen. Er erläuterte seine Motivation schlicht mit den Worten: "Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen, sie sollen leben. Und nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird!"

Er erzählte um sein Leben

Die einzige Gegenleistung, die Marcel ihrem Retter anbieten konnte, war es, Geschichten zu erzählen: Um nicht durch viele verräterisch beleuchtete Räume neugierige Blicke anzulocken, löschte Familie Gawin das Licht stets früh am Abend. Um ihnen die Zeit zu vertreiben, begann Reich, ihnen Geschichten deutscher Literaturgrößen wie Goethe und Schiller nachzuerzählen, die er im Laufe der Jahre gelesen hatte.

Reich kam es vor, als würde er um sein Leben erzählen - ein Umstand, den er später immer wieder mit der Prinzessin Sheherazade in dem persischen Märchen "Tausendundeine Nacht" vergleichen würde, die ihre Hinrichtung nur durch immer neue spannende Erzählungen verschieben konnte. Erzählend entwischte auch Reich-Ranicki dem Tod: 16 Monate lang hielt Bolek Gawin sie versteckt - bis die Befreiung Warschaus im September 1944 das Paar endlich von ihrem Gefangenendasein erlöste.

Wie aus Reich Ranicki wurde

Auch, wenn Reich-Ranicki überlebt hatte - das NS-Regime hatte ihm fast alles genommen: Seinen Eltern war es nicht gelungen, der Deportation aus dem Warschauer Ghetto zu entgehen. 1942 waren sie im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden. Auch sein Bruder Alexander Herbert Reich war am 4. November 1943 im Lager Poniatowa bei Lublin erschossen worden. Nur seine Schwester Gerda hatte es geschafft, nach London zu fliehen - und zu überleben.

Nach den Schreckenserlebnissen der Kriegsjahre trennte sich Marcel Reich 1948 von seinem Nachnamen und nannte sich "Marcel Ranicki". Zu sehr erinnerte ihn sein alter Name an die Grauen eines mörderischen Regimes, dem er nur knapp entronnen war.

cgu/lab/dak

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insgesamt 13 Beiträge
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    Seite 1    
1. nun - äh *raspel*
fpwinter 18.09.2013
thagen wirr mal: Där RRaich-Ranithki wirrd unth allen theerrr fählen. Mir jedenfalls irgendwie schon. Und seltsam: Ich finde die Berichterstattung über sein Leben und Tod gerade weitaus amüsanter und interessanter als jede Nachricht zum Wahlkopf oder immer neue fingierte Schauerpossen über angebliche Pädophilenkontakte grüner Politiker. (Nee, wir merken so was; SO blöd sind wir nicht.)
2. eine grossartige Persönlichkeit!
docthedoctorgimmethenews 18.09.2013
Das litterarische Quartett wird mir immer in Erinnerung bleiben. Eine super Type, der Reich-Ranicki! Rest in peace!
3. Und wieder...
Oscar Madison 18.09.2013
.. Ein Zeitzeuge weniger. Möge er den Frieden finden und mit all seine Lieben vereint sein. Wer soll in Zukunft erzählen? Mir wird Angst und Bange vor einer Zeit, in der all das verblasst.
4. Die Rede
rainer_d 18.09.2013
Hier: http://www.youtube.com/watch?v=CsmHB93SR6o
5. Wer sprach zuerst
moorkind 18.09.2013
mit ihm über die dunklen Tage? Ulrike Meinhoff!
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