Reich-Ranickis Literaturkanon Deutschland, einig Bücherland

"Ganz und gar missraten" oder "großartig": Marcel Reich-Ranicki schrieb leidenschaftliche Verrisse ebenso wie leidenschaftliche Lobreden - und schuf damit einen Kanon, der die Lesekultur der Deutschen nachhaltig geprägt hat.

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Eines Tages, das genaue Datum hat er nicht genannt, stand Marcel Reich-Ranicki an einer Warschauer Straßenbahnhaltestelle. Neben ihm ein junges Mädchen, vertieft in ein Buch. Die Straßenbahn kam, das Mädchen las. Sie stieg ein. Und las. Setzte sich. Und las. Irgendwann, so Reich-Ranicki, sei es ihm gelungen, den Titel des Buches zu erkennen. Es war Tolstois "Anna Karenina". Er habe, so Reich-Ranicki, diese Schülerin nie vergessen - und schließlich aus dieser Begegnung eine Idee entwickelt, die seine letzten Lebensjahre prägen sollte: den Kanon.

Der Kanon, eine Sammlung von Romanen, Gedichten und Essays, die man nicht nur gelesen haben muss, sondern die den Leser bei aller Bedeutung auch fesseln, ist das editorische Vermächtnis, das neben seinen literaturkritischen Arbeiten nach Marcel Reich-Ranickis Tod bleibt.

Zum Kanon gehören allseits anerkannte Klassiker wie Goethes "Werther", Kafkas "Prozess" und Döblins "Berlin Alexanderplatz" - das Standardprogramm des belesenen Mitteleuropäers. Reich-Ranickis besondere Liebe aber galt jenen Autoren, von denen er gleich zwei Romane in den Kanon aufnahm: Theodor Fontane (mit "Effi Briest" und "Frau Jenny Treibel") und Thomas Mann (mit "Buddenbrooks" und "Der Zauberberg") - und schließlich auch Tolstoi, der als Russe in Reich-Ranickis deutschsprachigen Autoren vorbehaltener Kanonedition keinen Platz haben konnte. Vom SPIEGEL gefragt, welchen Roman man lesen solle, wen einem nur noch die Zeit für ein einziges Buch bliebe, nannte er unter anderem Tolstois "Krieg und Frieden".

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Marcel Reich-Ranicki: Ein Mann und sein Kanon
Als meinungsstarker Kritiker hat Marcel Reich-Ranicki bei den Treffen der berühmten Gruppe 47 der späten fünfziger und der sechziger Jahre, bei der "Zeit", der "FAZ" und im "Literarischen Quartett" des ZDF die literarischen Vorlieben der Deutschen geprägt - weil er mit so viel Leidenschaft zu Werke ging. "Lauter Lobreden" und "Lauter Verrisse" heißen zwei seiner Anthologien.

"Infantil"

Reich-Ranicki lobte Javier Marias' "Mein Herz so weiß" und machte das Buch so zum Bestseller, er lobte Andrzej Szczypiorski und brachte die Bundesdeutschen so dazu, sich dessen Namen überhaupt erst zu merken und den Roman "Die schöne Frau Seidenman" begeistert zu lesen. Die junge Schriftstellerin Julia Franck wurde durch das "Literarische Quartett" bekannt. Der regelrecht persönlich geführte Streit um Haruki Murakamis "Gefährliche Geliebte" - Reich-Ranicki ergriff Partei für das Buch - sorgte schließlich dafür, dass Sigrid Löffler das "Literarische Quartett" verließ.

Stets vertrat Marcel Reich-Ranicki die entschiedene Ansicht, dass es klare Qualitätsmaßstäbe gäbe: "Ein schlechtes Buch", "ein fürchterliches Buch" lauteten die Verdammungsurteile, die er voller Lust herauszuschleudern schien - und dabei auch einstige Favoriten nicht verschonte. Selten entzündeten sich seine Begeisterung und seine Kritik so sehr an ein und derselben Person wie im Falle Ulla Hahns.

Deren äußerst erfolgreichen Roman "Das verborgene Wort" bezeichnete er im Herbst 2001 als "seltsam sprachlos" und "infantil". Die Schriftstellerin verteidigte sich öffentlich, bezeichnete das Urteil als "Vernichtungsversuch" und unterstellte Reich-Ranicki, das Buch gar nicht gelesen zu haben. Reich-Ranicki konterte listig: Er drohte, schwärmerische Briefe zu veröffentlichen, die Hahn einst an ihn gerichtet hatte - vielleicht ja auch, weil er sich an das Standardprogramm der zahlreichen Reich-Ranicki-Imitatoren erinnerte. Zu dem gehörte über Jahre auch der Ausruf "Ulla Hahn!" Als Literaturchef der "FAZ" hatte Reich-Ranicki sie gefördert wie kaum eine andere Schriftstellerin.

"Ganz und gar missraten"

Seinen spektakulärsten Verriss veröffentlichte Marcel Reich-Ranicki im SPIEGEL: "Mein lieber Günter Grass" war die Titelgeschichte überschrieben, das Umschlagbild zeigte den Kritiker, wie er Grass' neuen Roman "Ein weites Feld" buchstäblich entzwei riss. "Ich bewundere Sie", schrieb Reich-Ranicki, "doch ich muss sagen, was ich nicht verheimlichen kann: dass ich Ihren Roman 'Ein weites Feld' ganz und gar missraten finde." Das Verhältnis zum Literaturnobelpreisträger war schwer beschädigt - ähnlich wie zuvor das zu Martin Walser, über dessen Roman "Jenseits der Liebe" Reich-Ranicki einst eine Polemik mit dem Titel "Jenseits der Literatur" veröffentlicht hatte. Walser karikierte Reich-Ranicki im Gegenzug im Roman "Tod eines Kritikers" - ein Buch, dem immer wieder antisemitische Stereotypen vorgeworfen wurden.

Es war eine der letzten politischen Auseinandersetzungen um Reich-Ranicki. Dass er in den fünfziger und sechziger Jahren auch politisch die Entwicklung der bundesrepublikanischen Literatur mitgeprägt hatte, war da schon fast in Vergessenheit geraten. Er selbst aber hat immer wieder daran erinnert - und nannte als Beispiel Gerd Gaiser, einen einstmals beachteten Autor: "Die konservative Kritik wollte Gerd Gaiser zur Galionsfigur der Literatur machen. Den antisemitischen, exnazistischen Schriftsteller", so Reich-Ranicki später, "das wollten wir nicht zulassen". Er bezeichnete Gaisers Bücher noch 2008 als "meist ziemlich scheußlich".

Vor allem aber hat Marcel Reich-Ranicki sich schon für kurzweilige Bücher eingesetzt, für intelligente und gleichermaßen fesselnde Literatur gekämpft, als ein Großteil der deutschsprachigen Autoren noch einem eher spröden Avantgardebegriff verpflichtet war - weil er anders als mancher Kritiker nicht nur an den Betrieb dachte, sondern auch an die Leser.

Gefragt nach seinen liebsten Romanfiguren nannte er auch Anna Karenina - vielleicht ja in Erinnerung an das Mädchen aus der Straßenbahn.



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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
kilian2514 18.09.2013
1.
Großartiger Mann!
Layer_8 18.09.2013
2. Marcel Reich-Ranicki
Zitat von sysopDPA"Ganz und gar missraten" oder "großartig": Marcel Reich-Ranicki schrieb leidenschaftliche Verrisse ebenso wie leidenschaftliche Lobreden - und schuf damit einen Kanon, der die Lesekultur der Deutschen nachhaltig geprägt hat. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/marcel-reich-ranickis-literaturkanon-deutschlands-buecher-a-923096.html
Es hat sich wieder eine ganz große Lücke aufgetan.
Schroekel 18.09.2013
3. Reich...
Zitat von sysopDPA"Ganz und gar missraten" oder "großartig": Marcel Reich-Ranicki schrieb leidenschaftliche Verrisse ebenso wie leidenschaftliche Lobreden - und schuf damit einen Kanon, der die Lesekultur der Deutschen nachhaltig geprägt hat. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/marcel-reich-ranickis-literaturkanon-deutschlands-buecher-a-923096.html
...Ranicki hatte eine wunderbare, klare schärfe, die es heute kaum noch gibt. Egel, ob man mit ihm einer meinung war oder nicht. alleine diese schärfe und unbeugsamkeit war herrlich. Wir werden ihn vermissen, so einen gibt es kaum noch. Rest in peace.
günter1934 18.09.2013
4. Wie hat er immer so schön gesagt?
Frei nach Brecht: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Wie wahr!
Frizzer 18.09.2013
5. Nicht nur Bücher
Es geht verdammt noch einmal nicht nur über Bücher! Marcel Reich-Ranicki steht auch für ein besseres Deutschland - und dafür muss man stolz sein!
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