Krieg aus Kinderperspektive Spiel mit beim Lied vom Tod

Die absurde Normalität des Aufwachsens inmitten einer grausamen, weltweit beachteten Auseinandersetzung zwischen Ost und West: Marcelino Truongs Comic "Ein schöner kleiner Krieg" erzählt aus Jungensicht vom Vietnamkrieg.

Marcelino Truong/ Éditions Denoel

Der Vietnamkrieg ist 40 Jahre nach seinem Ende längst zur Folklore verkommen, zur Legendenbildung der Alt-68er-Mobilisierung und gleichzeitig überschattet von der US-amerikanischen Perspektive auf die neuzeitlichen Kriege. Und in Vietnam selbst dienen die Kriegsreliquien heute hauptsächlich als Touristenmagnet.

Dabei war vor allem die mediale Begleitung des Vietnamkriegs ein absolutes Novum; die Grausamkeit des Konflikts war mithilfe der schnelleren Kommunikation weltweit unmittelbarer zu spüren. Die Graphic Novel "Ein schöner kleiner Krieg" versetzt die Leser noch einmal zurück in die Anfangsjahre dieses Krieges. Marcelino Truong, Diplomatensohn und Illustrator, reist mit seinem autobiografischen Buch in das Saigon der frühen Sechzigerjahre.

Zwischen TET-Offensive und mondänem Dasein in der vietnamesischen Oberschicht erzählt Truong mit der Perspektive des Kindes vom Krieg. Dabei changiert sein Zeichenstil zwischen naiv-sozialistischer Bildsprache und Fünfzigerjahre-Printwerbung - Ausdruck für eine Kindheit zwischen zwei Identitäten.

Der Krieg als Abenteuer

Zu Beginn spielen der kleine Marcelino und sein Bruder mit ihren amerikanischen Nachbarn in den Vorgärten von Washington den Koreakrieg nach, nach der Berufung ihres Vaters ins heimatliche Saigon finden sie sich plötzlich mitten in den schwelenden Konflikten des Vietnamkriegs wieder. Das Kriegsspiel der Kinder zieht sich weiter durch die Erzählung, für sie bleibt der Krieg das Abenteuer, als das ihn zunächst viele Amerikaner sahen.

Oft erinnert das Werk an völlig normale Kindheitserinnerungen, Geschwisterstreit, Heuschreckenkämpfe und aufregende Kinobesuche wechseln sich ab in den schwülen Sommertagen von Saigon. Eher noch als der drohende Krieg wird die Kindheit von der manisch-depressiven Erkrankung der französischen Mutter überschattet, deren Launen die Kinder ausgeliefert sind.

Truong bleibt in den Rückblenden seiner kindlichen Sichtweise treu. Zum Ausgleich liefert er Passagen zum historischen Kontext und Gespräche, die er als Erwachsener mit seinem Vater geführt hat, der im diplomatischen Dienst dicht mit dem südvietnamesischen Regime zusammenarbeitete. Dort geht es um die zwingenden Fragen einer Kriegsgeneration an die Eltern: Wie viel habt ihr gewusst? Welchen Anteil hattet ihr an dem Unrecht?

Aber Truongs Graphic Novel ist keine Aufarbeitung eines Traumas, vielmehr zeigt sie die absurde Normalität eines Aufwachsens inmitten eines Krieges, der sich zu einer weltweiten Propagandamaschinerie entwickelte. Dazu gehört auch die uneingeschränkte Anteilnahme an den Siegen und Niederlagen der eigenen südvietnamesischen Armee, von der sich der Autor in den Erinnerungen nicht distanziert. Dem Autor gelingt es dabei erstaunlich gut, die Kindesstimme naiv berichten zu lassen, ohne sich selbst als Autor davon vereinnahmen zu lassen.

Manchmal wirkt die neutrale Haltung zwar etwas bemüht, aber trotzdem hat Truong mit "Ein schöner kleiner Krieg" eine ähnlich dichte Verschmelzung von persönlicher Perspektive und Zeitgeschehen erschaffen, wie es zuletzt Marwil mit seinem gefeierten DDR-Band "Kinderland" gelang.

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