Friedenspreis-Rede von Margaret Atwood "An vielen Fronten besteht Anlass zur Sorge"

Am Tag nach den Tumulten auf der Buchmesse traf die Verleihung des Friedenspreises an die Kanadierin Margaret Atwood ins Schwarze. Sie weiß, welche Macht Geschichten haben können - zum Guten wie zum Schlechten.

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Es ist der Tag danach. Nachdem es auf der Frankfurter Buchmesse bei einer Veranstaltung eines rechten Verlags zu Tumulten kam, zuvor schon zu Gewalt. Nachdem viele Messebesucher äußerten, sie hätten sich unsicher gefühlt, ausgerechnet in diesen Hallen, in denen die Welt Jahr für Jahr die Literatur feiert. Ein Gedanke, der die Vorstellungskraft sprengt.

Es ist somit geradezu unheimlich, dass an diesem Tag danach ausgerechnet eine Autorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht bekommt, die ihr Leben lang darüber schreibt, was passiert, wenn die Kraft der Fantasie in die falschen Hände gerät.

Auch wenn weder Margaret Atwood selbst noch ihre Laudatorin, die österreichische Autorin Eva Menasse, Bezug auf die Tumulte am Tag zuvor nahmen, war die Präsenz dieses Szenarios unüberhörbar. Erst recht, da Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, in seiner Vorrede dezidiert die Gründungsmotivation des Friedenspreises in Erinnerung rief und sagte: "Angesichts der Gräueltaten des Naziregimes und der Tatenlosigkeit, wenn nicht sogar Anbiederung der Buchbranche haben Verleger und Buchhändler 1950 den Friedenspreis ins Leben gerufen." Man habe eine besondere Verantwortung für die Bewahrung und Vermittlung von Frieden und Freiheit. Und auf einmal war das eben nicht mehr reine Rhetorik.

Zu unpolitisch? Von wegen!

Atwood wurde international bekannt mit ihrem Roman "Der Report der Magd" von 1985. Darin schreibt sie über eine Gesellschaft, die unterjocht wird von einem christlich-fundamentalistischen Regime. Der Roman sei "nur an Jahren alt", wie Menasse zu Recht formulierte. Einige hielten die kanadische Schriftstellerin allerdings für die falsche Wahl für diesen Preis. Zu unpolitisch, ätzten sie. Einige reduzierten sie, mal wieder, auf den schwammigen Begriff "Frauenthemen".

Doch da stand Atwood also, erklärte erst einmal, dass sie sich selbst nie als Aktivistin definieren würde, und fing an, eine Fabel zu erzählen. (Hier finden Sie die ganze Rede.) Sie sprach von unserer Zeit als dem "Moment, wo die Kaninchen auf dem Feld die Ohren spitzen", weil ein Jäger, ein Wolf die Bühne betrete, der Eiscreme auf Bäumen verspricht, "aber zunächst einmal müssen wir die Zivilgesellschaft abschaffen".

Dass sie Kaninchen und Wölfen bemühte, wunderte dann doch etwas. Sie, mit ihrem "Talent zum Hochrechnen", wie Menasse sagte, die "vom Wassertropfen bis zur Sturmflut" voraussehen könne. Denn gerade weil Atwood so überzeitlich und politisch aktuell zugleich denkt und schreibt, war man erstaunt - sprach sie doch die Zeit nach Trumps Wahl an, die politische Stimmung in Großbritannien und die Ergebnisse der Bundestagswahl. "Diese Gruft hielt man für verschlossen", so Atwood, "aber irgendwer hatte diesen Schlüssel", nun stünde sie wieder offen.

"Verzeihen Sie mir diese schauerlichen Szenarien", schob sie nach, "doch an vielen Fronten besteht Anlass zur Sorge." Deutlicher wurde sie an dieser Stelle nicht.

Politische Moral hinter der Ironie

Mit Verve positionierte dafür Menasses Laudatio Atwood ins Zentrum aller Debatten. "Ich halte dagegen", sagte sie gleich zu Beginn und meinte die ewige Frauenthemen-Reduktion. Zu leicht übersähen viele die tiefe politische Moral hinter Atwoods Ironie, hinter dem Schreiben dieser "boshaft kichernden, weisen Frau", die wie eine "Messerwerferin" ins Ziel treffe. Und in ihren Geschichten ein ums andere Mal aufzeige, wie Macht und Ohnmacht unser Dasein als Menschen und Globalgesellschaft definieren.

Weil sich totalitäre Strukturen in allen Aspekten gegenseitig anstoßen wie auf einer Murmelbahn: vom Schutz unseres Ökosystems über wirtschaftliche Vormacht bis hin zu Ausbeutung, Diskriminierung, Unterdrückung einzelner.

Denn ja, Atwoods Kraft besteht vor allem darin, all diese Querverbindungen aufzuzeigen (dass ihr ganzes Oeuvre die Aufmerksamkeit bekäme, die derzeit ihre Report-der-Magd-Dystopie erhält, wäre allein daher wünschenswert). Und damit die Alternativen, was passieren kann, wenn. Ihr Schreiben wappne uns geradezu, befand Menasse mit Verweis auf "Report der Magd", der nach der Wahl Trumps erneut zum Bestseller wurde, dessen TV-Serien-Version gerade erst acht Emmys abräumte: "Müsste die Gesellschaft davor nicht selbst ein paar Weichen für solch eine fundamentalistische Revolution gestellt haben? Das ist eine Frage, die wir uns heute definitiv drängender stellen als vor 30 Jahren."

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Jaja, sie sei privilegiert, meinte Atwood in ihrer Rede in einem Halbsatz, und dass sie sich dessen bewusst ist, zeichnet sie vor vielem anderen aus. Sie schreibt und spricht von einer dezidierten Außenposition aus, was allein zum Selbstverständnis kanadischer Identität immer dazu gehört. "Jeder Gewinner eines Kunstpreises ist der vorübergehende Repräsentant aller Praktizierenden dieser Kunst sowie der Gemeinschaft, die die Existenz der Kunst ermöglicht", sagte Atwood.

Und im Wissen darum, dass Asli Erdogan im Publikum saß, die türkische Schriftstellerin, nach monatelanger Haft in der Türkei wieder frei, die ausreisen durfte, sowie in Gedenken an Liu Xiabo, Friedensnobelpreisträger 2010, im Sommer in China in Haft gestorben, war die moralische Wucht des Friedenspreises in diesem Moment umso präsenter: dankbar für das Privileg, frei denken und sprechen und schreiben zu können.

"Wissen wir, werden Sie sagen", so Atwood am Schluss, "wir haben die Märchen gelesen. Wir haben Science-Fiction gelesen. Man hat uns gewarnt, schon oft." Aber weder die Geschichten noch die Warnungen hätten bislang verhindert, dass sich jene Geschichten von Neuem abspielen.

In Atwoods "Der Report der Magd" üben die Totalitären ihre Macht aus, um das Narrativ zu bestimmen. Sie definieren, wie die Geschichte erzählt wird. Was passiert, wenn diese Macht, die Erzählhoheit zu erobern, ausgenutzt wird, erlebte die Buchmessengesellschaft am Samstagabend.

"Geschichten haben es in sich", sagte Atwood in ihrer Rede. "Sie können das Denken und Fühlen der Menschen verändern - zum Besseren oder zum Schlechteren." Geschichtenerzähler wie sie, die sich ihrer eigenen, zweischneidigen Macht bewusst sind und die Verantwortung ohne Wanken wahrnehmen, auch für andere zu sprechen, sind rar. Unsere Verantwortung als Leserinnen und Leser ist es, deren Bücher zu lesen. Weil wir nur so erleben können, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Auszeichnung, die Liu Xiaobo erhalten hatte, korrigiert. In der zugehörigen Fotostrecke haben wir den Beziehungsstatus von Margaret Atwood und ihrem Lebensgefährten Graeme Gibson angepasst.

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