Familienkrimi "Von Vögeln und Menschen" Trügerische Idylle

Eine Frau landet im Gefängnis - für einen Mord, den sie nicht begangen hat. Ausgangspunkt für Margriet de Moors genau gezeichneten Familienkrimi.

Vögel umschwirren ein landendes Flugzeug (Symbolbild)
Getty Images

Vögel umschwirren ein landendes Flugzeug (Symbolbild)

Von Stephan Lohr


Drei ganz unterschiedliche Frauen, zwei Mörderinnen und eine, die einen Mord gesteht, den sie nicht begangen hat: Das sind die wesentlichen Figuren im neuen Roman der niederländischen Meistererzählerin Margriet de Moor. Warum tötet man einen Menschen? Diese Frage treibt die Autorin um. Aus dem klassischen Motiv der Habgier, das seine tragischen Hintergründe hat, aber auch "sie niederzuschlagen, war wunderbar", der Mord aus lange gewachsenen Rachegelüsten.

Das erste Opfer ist der vermögende 90-jährige Pensionär Mijnher Bruno Mesdag. Man findet ihn erschlagen und erdrosselt in jenem Appartement, das Louise Bergmann vertraut ist. Kommt sie doch zweimal in der Woche zu dem alten Herrn, räumt auf, putzt und kocht und wird - auch, weil sie wunderbar singen kann - von Mesdag liebevoll geschätzt. Klar, dass auf sie der Verdacht fällt. Tag und Nacht verhört, unterschreibt sie schließlich ein Geständnis, um endlich in Ruhe gelassen zu werden und schlafen zu können. Ihr Widerruf vor Gericht wird als nicht sachdienlich beiseite gefegt. Sie tritt eine lange Haftstrafe an, wird von ihrem Mann verlassen, weiß, dass ihre Tochter Lina Marie bei Verwandten gut aufgehoben ist. Die war 9 Jahre alt, als ihre Mutter zu Hause abgeholt und abgeführt wurde - ein folgenreiches Trauma für das Mädchen.

Margriet de Moor
Maria Neefjes

Margriet de Moor

De Moor weiß Spannung zu inszenieren. Schon in ihrem ersten Roman "Erst grau dann weiß dann blau" (1993), dann in "Sturmflut" (2006) gelang es ihr, die Leser in ihren Bann zu ziehen, auch in "Der Maler und das Mädchen" (2011) macht die Autorin ihre Leser zu Komplizen eines Verbrechens, das die Täterin bitter und schmachvoll büßen muss, sodass man die Lektüre allemal erregt beendet... So nimmt sie uns auch in "Von Vögeln und Menschen" mit zu raffinierten Nebengeschichten, auf vermeintliche Umwege, bei denen wir etwa den Beruf des Vogelvertreibers auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol kennenlernen.

Das Vogelparadies als tödliche Gefahr

Den übt Rinus Caspers aus, er hat die traumatisierte Tochter geheiratet und versieht seinen Dienst als gelernter Gärtner auf den riesigen Flächen neben den Start- und Landebahnen, denn die sind ein beliebtes Revier für Lerchen, Bussarde, Stieglitze, Eulen, Gänse und Brachvögel, die - kreuzen sie die Flugbahn, immer wieder- in die Triebwerke der Flugzeuge geraten können. So erweist sich das Vogelparadies als tödliche Gefahr für Passagiere und Besatzung.

"Friedliche Stille, wenn auch trügerisch", heißt es schon in der zweiten Zeile des Romans, und auf das Unglück werden wir auch durch ein Kapitel eingestimmt, das vom Einsatz des Mijnher Bruno Mesdag berichtet, der noch als 87-Jähriger in den Rhein-Kanal gesprungen war, um eine hilflos im Wasser treibende Person zu retten. Vergeblich. Denn, als er den jungen Farbigen mühsam an Land gezogen und zu reanimieren versucht hat, muss er dessen Tod respektieren...

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Margriet de Moor:
Von Vögeln und Menschen

Aus dem Niederländischen von Helga Beuningen

Carl Hanser Verlag, 272 Seiten, 23 Euro

Marie Lina, Ehefrau des Vogelvertreibers und Tochter der wegen Mordes verurteilten Louise Bergmann, vergisst ihr Trauma aus der Kindheit nicht. Im Gegenteil, ihre Wut wächst. Erwachsen geworden erfährt sie den Namen der wahren Mörderin, macht sie ausfindig und ringt sie in einem dramatischen Kampf nieder. Klazien Wroude stürzt in eine Baugrube und stirbt. Marie Lina wird wegen Totschlags zu einer milden Strafe von einigen Jahren Haft verurteilt.

Brüche und Glücksmomente

Ausführlich schildert der Roman die niederländischen Haftbedingungen. Berichtet etwa, dass Ausbruchsversuche straffrei bleiben, oder von BOA, dem Besuch ohne Aufsicht, der Paaren gelegentlich das intime Zusammensein für eine Stunde erlaubt. Zur schönen holländischen Familienidylle hingegen wird ein sommerliches Treffen im Garten, das Großeltern, Kinder, Schwiegertöchter und Enkel versammelt. Neben Marie Lina ist Schwägerin Hortense dabei, eine inzwischen in die Breite gegangene karibische Schönheit, die erst Geliebte ihres Mannes, dann seiner Brüder wurde und die Lieblingsschwiegertochter der Familie bleibt. Sie wartet auf ihren Mann Willem, der als Aussteiger in Südamerika lebt und zurückerwartet wird.

Margriet de Moor, selbst Tochter einer Familie mit neun Geschwistern, beschreibt ihre Personen genau, beleuchtet deren Beziehungen, analysiert Entwicklungen, Brüche und Glücksmomente und hat so einen Familienroman geschrieben, der in der genauen Zeichnung zweier alter Männer und der Erzählung über die seelische Befindlichkeit von drei Frauen nicht zuletzt ein Krimi geworden ist über die Alltäglichkeit des Verbrechens.

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