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10. September 2018, 18:32 Uhr

Vor dem argentinischen Umsturz

Madonna in der Autowerkstatt

Von Katharina Schipkowski

Am Rande von Buenos Aires dreht sich der Alltag beschaulich um den Kfz-Betrieb Autopia und die Klosterschule. Doch von Ferne lässt María Cecilia Barbetta in "Nachtleuchten" ihre Romanfiguren ahnen: Die Militärdiktatur naht. 

Die Madonna muss es alles kommen gesehen haben, aber sie kann ja nicht reden. Eine billige Devotionalie aus Plastik ist das zentrale Objekt in María Cecilia Barbettas neuem Roman. Angemalt mit einer Phosphorfarbe, leuchtet die katholische Schutzpatronin schwach in der Dunkelheit am Vorabend der argentinischen Militärdiktatur. "Nachtleuchten" ist der zweite Roman der aus Argentinien stammenden und auf deutsch schreibenden Autorin, es wurde für die Longlist für den deutschen Buchpreis nominiert.

Barbetta beschreibt die Stimmung in Ballester, einem kleinen Randbezirk von Buenos Aires im Jahr 1974. Ihre Schauplätze sind eine katholische Klosterschule, eine Autowerkstatt, eine Bäckerei, eine Wäscherei und ein Friseurladen. Die Protagonisten haben Nachnamen, die von ihren Einwanderungsgeschichten erzählen: El Haddad, Fatini, Gianelli, Nasif. In ihrem Alltag ist es schon ein Ereignis, wenn eine Unbekannte in ein lange leerstehendes Haus zieht oder der Pastor in der Kirche eine neue Lautsprecheranlage installiert.

Die politische Großlage ist unterdessen chaotisch. Der von Rechten wie von Linken verehrte Staatspräsident Juan Perón ist nach seiner Rückkehr aus dem 18-jährigen Exil nach rechts gedriftet, es kursieren Gerüchte, dass sein Wohlfahrtsminister José López Rega aus dem Ministerium heraus das Killerkommando AAA, die Antikommunistische Allianz, organisiert. Auch linke Terroristen halten das Land in Atem.

Teresa Gianelli, die elfjährige Klosterschülerin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Madonnenfigur reihum in ihrer Nachbarschaft zu verleihen, ahnt davon nichts. Sie beschäftigen viel eher die Unterschiede zwischen den externen und den internen Klosterschülerinnen und ein Vorfall: Ihre Lieblingsnonne, die befreiungstheologisch orientierte, in der Wahrnehmung der Mädchen supercoole Schwester María, verschwindet spurlos.

Allwissender Erzähler? Lieber den Süßkramessern lauschen

Der zweite Teil des Werks dreht sich um die Autowerkstatt, deren Name Barbettas verspielten Umgang mit Sprache ahnen lässt: Autopia, aber nicht zusammengesetzt aus Auto und Utopia, sondern aus Auto und Pia, einer verflossenen Liebe des Werkstattinhabers Julio El Haddad. Die Protagonisten, von denen es über die 520 Seiten fast unüberblickbar viele gibt, reparieren dort nicht nur Fahrzeuge, sondern analysieren bei Mate-Tee und süßem Gebäck das politische Geschehen, schimpfen und tratschen.

Der Ort des Geschehens bleibt immer das beschauliche Ballester - die historischen Ereignisse, wie etwa Peróns Tod, erreichen die Protagonisten (und somit auch die Leser) nur über das Radio im Friseurladen oder den Zeitungskiosk. Wer nicht ganz fit in der lateinamerikansichen Geschichte der Siebzigerjahre ist, weiß manchmal nicht, welcher Einschätzung er trauen soll, beispielsweise wenn es um das wahre Regiment hinter der Staatspräsidentin Isabel Martinez de Perón geht. Trotzdem will man unter keinen Umständen den Klatsch und Tratsch der Süßkram-essenden Männer gegen eine allwissende Erzählperspektive eintauschen.

Wie schon in Barbettas Debütroman "Änderungsschneiderei Los Milagros" (2008) wird der Prosatext zwischendurch von Auflistungen, comicartigen Einschüben oder inneren Monologen ohne Punkt und Komma unterbrochen. An einer Stelle befindet sich der Leser plötzlich im Kopf eines Neunjährigen und sieht die Autowerkstatt wie eine fremde Galaxie. An anderer Stelle wechseln plötzlich die Teilnehmer eines Dialogs, sodass die Wortführenden am Ende andere sind als am Anfang desselben Gesprächs. Bei manchen Dialogen wird dem Leser die eine Seite komplett vorenthalten, er muss sie sich dazu denken.

Der Einfluss der Kirche schwindet, der Aberglaube ist tief verwurzelt

Es ist der spielerisch-künstlerische Umgang mit Sprache, der auch diesen Roman der Autorin, die in Ballester aufwuchs und heute in Berlin lebt, so besonders macht. Das Konvolut aus italienischen Ausdrücken, argentinischen Sprichworten und urdeutschen Wortschöpfungen wie "Piesepampel" oder "Schmarrn", transportiert den feinen Humor der Autorin und strapaziert die Gegensätze zwischen der hochtrabenden Ausdrucksweise der katholischen Mädchen - die manchmal einen Tick zu gestochen ist und damit artifiziell wirkt - und dem Derben, dass sich immer wieder Bahn bricht.

So auch im dritten Teil, wo sich der divenhafte Friseur Celio in eine Spiritisten-Kirche locken lässt, weil er hofft, dort mit seiner verstorbenen Mutter Kontakt aufnehmen zu können: "Anders als die freudlosen Pappnasen, die sich die Theorie reinzogen, war Celio eher an der Praxis orientiert." Subtil beschreibt Barbetta den Kampf um Gauben und Säkularismus in einer Zeit, in der der Einfluss der katholischen Kirche schwindet, aber der Aberglaube tief im Denken verwurzelt ist.

Und die Madonna von Ballester? Am Ende sieht sie doch alles kommen und gleichzeitig Revue passieren, und da ist plötzlich die allwissende Erzählperspektive - im Epilog. Während die Statue von einer Ladefläche fällt, um kurz darauf auf dem Kopfsteinpflaster zu zerschellen, zieht wie in einem Film die Vergangenheit und Zukunft all jener an ihr vorbei, denen sie dank Teresas Nachbarschafts-Pilgerei nahe gekommen ist. Die Madonna sieht die dunklen Jahre der Diktatur heraufziehen, sieht Menschen verschwinden, bevor ihr Leuchten endgültig erlischt.

"Nachtleuchten" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis2018. Lesen Sie weitere Rezensionen nominierter Romane: "Sechs Koffer" von Maxim Biller, "Bungalow" von Helene Hegemann, "Jahre später" von Angelika Klüssendorf, "Archipel" von Inger-Maria Mahlke, "Hier ist noch alles möglich" von Gianna Molinari, "Hysteria" von Eckhart Nickel, "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel, sowie ein Interviewmit der Autorin von "Die Katze und der General", Nino Haratischwili.

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