Französischer Pubertätsroman: Die Sexualität ist eine launische Gebieterin

Von Johan Dehoust

Schönheitsideal in den Achtzigern: "Säuerlicher Geschmack" Zur Großansicht
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Schönheitsideal in den Achtzigern: "Säuerlicher Geschmack"

Erwachende Sexualität im französischen Hinterland: In ihrem Roman "Prinzessinnen" erzählt Marie Darrieussecq vom Heranwachsen in den achtziger Jahren, verschafft dabei einem Klassiker neue Aktualität - und widerlegt Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Viel zu kompliziert, überholt und nutzlos, das war Nicholas Sarkozys Einschätzung zum Roman "Die Prinzessin von Clèves". Ein gnadenloses Urteil - schließlich gilt das Buch als Meilenstein der Literaturgeschichte. Als erster französischsprachiger Versuch, die Psyche einer Frau literarisch zu erkunden. Doch Sarkozy hat die Schriftstellerin Marie Darrieussecq nicht davon abgehalten, ein neues Buch zu verfassen, dessen Grundlage eben dieser klassische Roman ist. Verfasst hatte ihn die Gräfin Marie-Madeleine de La Fayette (1634-1693), es geht um eine verheiratete junge Adlige, die sich in einen anderen Mann verliebt.

Sarkozy war aufgefallen, dass das Buch zum Prüfungsprogramm einer jeden Beamtenlaufbahn gehörte. Über 300 Jahre nach Erscheinen! Man müsse schon Sadist sein, um "Die Prinzessin von Clèves" zur Pflichtlektüre zu erklären, behauptete der damalige Präsident - und ließ den Roman aus dem Allgemeinbildungstest streichen. Proteste von Studenten, Lehrern und Künstlern vermochten ihn nicht umzustimmen.

Auch die Schriftstellerin Marie Darrieussecq, die in den Neunzigern mit der Fabel "Schweinerei" bekannt wurde, ergriff Partei für das Werk - und bearbeitete den Stoff schließlich neu. Der schlichte Titel ihres nun in deutscher Übersetzung erschienen Romans: "Prinzessinnen". Mit ihm tritt die 44 Jahre alte Autorin gewissermaßen an, zu beweisen, wie viel Aktuelles nach wie vor in La Fayettes Buch steckt.

Konfus, brutal und prickelnd

Aus der Hofdame ist bei Darrieussecq ein Mädchen namens Solange geworden, das in den Achtzigern mit seinen Eltern in Clèves wohnt, einem baskischen Provinznest. Worauf es der Autorin ankommt, sind die Sehnsüchte ihrer heranwachsenden Protagonistin - das Erwachen ihrer Sexualität und der Wunsch, mit einem Mann zu schlafen.

Während Solanges Freundinnen auf Partys fummeln, steht sie daneben, verlagert ihr Gewicht von einem Fuß zum anderen und tanzt mit einem unsichtbaren Mann. Das erste Geschlechtsteil, das sie berührt, ist das eines übelriechenden Feuerwehrmanns, der sie zuvor in der Disco betatscht hat. Auch ihre folgenden sexuellen Erlebnisse erscheinen nicht romantischer: Erst lässt sie sich mit einem pickeligen Wichtigtuer ein, dann mit Monsieur Bihotz, fast doppelt so alt wie sie und jahrelang eine Art Ersatzvater.

So konfus, brutal und prickelnd wie sich das Erwachsenwerden für Solange anfühlt, ist Darrieusseqs Erzählstil. Zwischen ihren knappen, mechanischen Sätzen muss man als Leser immer wieder zu gedanklichen Weitsprüngen ansetzen - und landet immer wieder in der eigenen Pubertät. Die ersten körperlichen Kontakte beschreibt die Autorin detailliert, aber auch extrem nüchtern: Als ein Mann Solange sein Geschlecht in den Mund steckt, fühlt sich das für sie "leicht körnig an und riecht schlecht, mit einem säuerlichen Geschmack". Kein Raum für Sinnlichkeit. Solange will es einfach nur tun, damit sie endlich so cool sein kann wie ihre Freundinnen.

Dabei muss sie ständig abwägen, wie viel sie der vermeintlich abgeklärten Rose, der als Nymphomanin abgestempelten Delphine und der mutmaßlich lesbischen Laeticia verrät. Während Jungs so viele Mädchen bedrängen, befummeln und begatten können, wie sie wollen, fühlt Solange sich in einem Dilemma gefangen: Hat sie keinen Sex, gilt sie als Nonne, hat sie zu viel davon, als Schlampe. Beides will sie nicht.

Sie fühlt sich zerrieben zwischen elterlichen Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Idealvorstellungen weiblicher Attraktivität - ähnlich wie schon die Hauptfigur der "Die Prinzessin von Clèves" vor 300 Jahren. Marie Darrieussecq gelingt mit "Prinzessinnen" der Transfer eines Klassikers. Dieses Buch ist eben relevanter, als Nicolas Sarkozy es wahrhaben wollte.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: David Wagners "Leben", Dave Eggers' "Ein Hologramm für den König", Linus Reichlins "Das Leuchten in der Ferne", Alexandre Lacroix' "Kleiner Versuch über das Küssen", Georges Simenon, Ausgewählte Romane in 50 Bänden, Wsewolod Petrows "Die Manon Lescaut von Turdej"und Tony Judts "Nachdenken über das 20. Jahrhundert".

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1. Anmerkung
snickerman 26.02.2013
Über den Klassiker kann ich nichts sagen. Aber das neue Buch beschreibt nur die "Wirklichkeit", wie sie sich mittelalte SchriftstellerInnen in ihrer Schreibstube vorstellen und wie man es in manierierten Filmen sieht. Mit der Realität hat das wenig bis nichts zu tun. Das kann man, wenn man denn möchte, auch allen Umfragen und Statistiken der letzten Dekaden entnehmen, das Liebesleben der Jugendlichen/Heranwachsenden ist viel langweiliger, aber auch romantischer als die Vorstellungen davon. Und daran hat sich bis heute nix geändert. Von irgendwelchen Wettbewerben, wer wann seine Unschuld verliert oder nicht, habe ich weder persönlich noch in meinen Bekanntenkreisen je gehört- das hat auch keinen interessiert.
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