Bestsellerautorin Unterm Damoklesschwert aus Pappmaché

In Morty Decimes Familie sterben alle Männer an ihrem 36. Geburtstag - doch ausgerechnet er überlebt. Marie-Sabine Rogers Roman "Heute beginnt der Rest des Lebens" ist im doppelten Sinne fabelhaft.

Autorin Marie-Sabine Roger schreibt mit lauter kleinen Überraschungen.
C. Roger/ Hoffmann & Campe

Autorin Marie-Sabine Roger schreibt mit lauter kleinen Überraschungen.

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Spross einer Schlachthofdynastie? Schiefe Nase? Seltene Erbkrankheit? Das Leben kennt viele Arten, auf die man mit seinem Stammbaum Pech haben kann, doch wie immer kennt die Literatur die schönste: Marie-Sabine Rogers Roman "Heute beginnt der Rest des Lebens" handelt nämlich von einem jungen Mann namens Mortimer Decime, genannt Morty, der aus einer Familie mit einer ziemlich beunruhigenden Gepflogenheit stammt. Die Männer in der Familie sterben allesamt früh, um genau zu sein, an ihrem 36. Geburtstag, um ganz genau zu sein, um 11 Uhr vormittags, zurückzuverfolgen bis ins Jahr 1623 zu einem gewissen Mordiern Henri Déodat.

Für alle Hobbyfamilienchronisten ein kurzer Überblick: Mortys Vater erlitt um 11 Uhr am Tag seines 36. Geburtstags einen Herzinfarkt und fiel mit dem Gesicht voran in seine eigene Geburtstagstorte. Mortys Großvater wurde auf offenem Feld von einem Blitz erschlagen. Mortys Urgroßvater jagte sich mit einer Granate selbst in die Luft. Mortys Ururgroßvater ertrank in einem Bidet. Und Morty? Morty liegt am Tag seines 36. Geburtstags um 11 Uhr auf dem Sofa, zwar in einem extra gekauften Beerdigungsanzug, aber - und nun wird es bemerkenswert - eindeutig lebendig. Morty überlebt seinen 36. Geburtstag. Der Familienfluch war nur ein Damoklesschwert aus Pappmaché, was Morty zwar freut, aber auch überrascht. Immerhin ist da die Wohnung schon gekündigt, der Strom abgestellt, der Kühlschrank geleert, das Testament aufgesetzt, das Auto verkauft. Und zwar auch noch zu einem ziemlich schlechten Preis.

Statt zu sterben, beginnt er zu leben

Zum Glück hat Morty wenigstens Freunde: Paquita, die sich wie eine Prostituierte kleidet, auch wenn das Dekolleté ihres T-Shirts jedes Jahr ihren Brüsten etwas tiefer hinab folgt, und ihren Mann Nassardine, der den schlechtesten Kaffee der Welt kocht und Reiseführer sammelt, ohne jemals zu verreisen. Zusammen haben sie so viele Crêpes aus einem Lieferwagen verkauft, bis das Geld für ein kleines Häuschen gereicht hat, in dem es ein Gästezimmer gibt, das Morty bewohnt, bis er herausgefunden hat, was er nun eigentlich machen will. Denn eins, das wird Morty schnell klar, braucht man im Leben noch dringender als eine Wohnung und Strom und einen vollen Kühlschrank und ein Auto: eine Idee, was man mit diesem Leben anstellen möchte. Als ihm das klar wird, tut Morty an seinem 36. Geburtstag das genaue Gegenteil von dem, was er vorhatte: Statt zu sterben, beginnt er zu leben. Und wie "Heute beginnt der Rest des Lebens" davon erzählt, ist gleich im doppelten Sinne fabelhaft.

Es ist fabelhaft im literaturwissenschaftlichen Sinn, denn Morty - das ist nicht weiter schwer zu deuten - ist der Teil in jedem von uns, der vor lauter Warten auf die Zukunft die Gegenwart vergisst. Der Teil, der uns davon abhält, das Büro gemütlich einzurichten, weil wir nicht sicher sind, wie lange wir dort eigentlich arbeiten. Der uns davon abrät, den teuren Blumenstrauß zu kaufen, weil der doch eh so schnell verwelkt. Der gerade keine Beziehung will, weil der nächste Auslandsaufenthalt schon geplant ist.

Im Sinne der Fabel muss sich Morty deshalb natürlich in eine Frau verlieben, die das genaue Gegenteil repräsentiert. Die sich also niemals um die Vergangenheit oder die Zukunft sorgt, niemals auf etwas wartet, sondern in der Gegenwart lebt, was in Jasmines Fall heißt, dass sie an drei Tagen die Woche in einem Hundesalon Pudel frisiert und in der restlichen Zeit exzentrische Hüte bastelt und in der Öffentlichkeit weint, damit die Menschen sie trösten können und sich danach besser fühlen.

Wenn man in der Wüste lebt, liebt man am Ende Kakteen

Vor allem aber ist dieses Buch fabelhaft im Sinne von toll, weil Marie-Sabine Roger so schreibt, wie Jasmine Hüte macht: mit lauter kleinen Überraschungen. "Das verdient, glaube ich, eine kurze Abschweifung" heißt es da zum Beispiel an einer Stelle, worauf das Kapitel "kurze Abschweifung" folgt. Weil der Epilog etwas von einem Prolog hat, heißt er kurzerhand "Propilog". Und über das ganze Buch verstreut stehen Weisheiten wie diese: "Aber wenn man in einer Wüste lebt, liebt man am Ende den erstbesten Kaktus."

Ein bisschen "kleiner Prinz" klingt an einigen Stellen mit, ein bisschen Éric-Emmanuel Schmitt, ein bisschen "Die fabelhafte Welt der Amélie". Sollte dieses Buch einmal verfilmt werden, dann vermutlich ganz standesgemäß mit Akkordeonmusik und Requisiten aus irgendeinem Trödelladen in Montmartre, dessen kauziger Besitzer Pfeife raucht und sonderbare Anekdoten erzählt. Über diese Familie zum Beispiel, in der es die unangenehme Gepflogenheit gab, dass die Männer allesamt sehr früh starben...

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