Eine Art Pferderoman Das Leben ist ein Reiterhof

Was als elegantes Porträt der Wiener Gesellschaft beginnt, wird zur lustvoll erzählten Farce: Marjana Gaponenko lässt einen Sonderling "Das letzte Rennen" schildern.

Von Tobias Lehmkuhl

Martin Krondorfer

"Das letzte Jahrhundert der Pferde" ist inzwischen auch schon wieder seit hundert Jahren vorüber. Nun kann man es so machen wie Ulrich Raulff in seinem gleichnamigen, für den Leipziger Buchpreis nominierten Buch, und dieses Pferde-Jahrhundert einer gepflegten kulturhistorischen Betrachtung unterziehen.

Oder man macht es wie Adam Niec in Marjana Gaponenkos Roman "Das letzte Rennen" und hält die Tradition eisern hoch, kauft Kutsche um Kutsche und Pferd um Pferd und schließlich sogar eine ganze Pferderennbahn, um sich an ihrem Rand häuslich niederzulassen und den grasenden Rössern beim Frühstück zuzuschauen.

Mag sein, dass der Wiener eine spezielle Bindung zu seinen lackglänzenden Fiakern hat, in Wien zumindest spielt dieser Roman, und die Pferderennbahn Freudenau, von der die Rede ist, gibt es wirklich. Adam Niec allerdings ist eigentlich Pole, ein findiger Ingenieur, der einst erkannte, dass "Kommunismus und Fortschritt nicht kompatibel waren." Also setzte er sich in den Westen ab, nach Österreich, das er für ein "angenehm zurückgebliebenes, sozialistisches Land hielt, allerdings pfiffiger und unkomplizierter als Polen."

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Wir begegnen diesem Adam Niec, als er mit sogenannten "Sperrpatenten" längst reich geworden ist und sich ganz seiner Pferdeobsession widmen kann. Sein Sohn Kaspar, der hier seine eigene Geschichte und die seines Vaters erzählt, hegt wenig Sympathie für den Sonderling: "Er brauchte mich als Groom, als Hilfe beim Ausleben seiner Kutschenträume. Und ich brauchte ihn als Geldgeber."

Süffisant lächelnd lässt sie der Farce ihren Lauf

Nur einmal, schreibt Kaspar, "war ich auf dem Weg, meinem Vater trotz der zahlreichen Demütigungen, trotz seiner Liederlichkeit, trotz des gebleachten Intendantengebisses zu mögen." Da ist der Alte jedoch schon auf dem Weg in die Demenz, und der Junge kurz davor - ja, vor was? Man darf es eigentlich nicht verraten, denn was hier nach 160 Seiten ironisch getöntem, scharfsinnigem und höchst elegant geschriebenem Gesellschaftsporträt passiert, ist einigermaßen schockierend. Kaspar nämlich werden von einer Kutsche beide Arme zermalmt. Martin Mosebach goes Clemens Setz, sozusagen - vom Plauderton zum großen Knall. Man fühlt sich als Leser wie ein "alter Schuhverkäufer, dem ein Karton auf den Kopf gefallen ist", hält mit der Lektüre für einen Moment inne und guckt belämmert.

Marjana Gaponenko dagegen lässt mit größter Nonchalance die Erzählung weitersurren. Süffisant lächelnd lässt sie der Farce ihren Lauf: Kaspar scheint nur mäßig mitgenommen von seinem Missgeschick. Egal ist ihm auch, dass er in den Augen der Haushälterin, die ihm nun zur nicht mehr vorhandenen Hand gehen muss, als "fressendes Möbelstück" wahrgenommen wird. Selbst dass der Vater, zunehmend dement, sich von einer ukrainischen Krankenschwester bezirzen lässt, so dass er um sein Erbe bangen müsste, macht ihm nur mäßig zu schaffen. Kaspars Problem ist die eigene Ziellosigkeit, die Unfähigkeit, sein eigenes Schicksal zu gestalten.

So suchte er sich auch als erste Freundin ein Mädchen aus, das er alles andere als begehrenswert fand: "Ein Tuschewurm schlängelte sich die sommersprossige Wange entlang. Seine bessere Hälfte lugte unschlüssig aus einem anderen Augenwinkel. In der Welt der Pferdezüchter wäre dieses Mädel, so hart es auch klingt, bereits als Fohlen aussortiert worden."

Kaspars zweite und letzte Freundin zieht schließlich mit einem alten Reitlehrer aufs Land, um dort "Heumilch von glücklichen Kühen in ihren Kaffee zu schütten und Eier von begeisterten Hennen zu köpfen."

Derartiger Hedonismus ist dem armen Kaspar einigermaßen fremd. Nur im Erzählen scheint er größte Lust zu finden. Oder doch eher die Autorin? In das das Buch beschließende Foto aus dem Adam-Niec-Wohnstift für Senioren, dass die ukrainische Krankenschwester von ihrem Erbe ins Leben ruft, hat sie sich auf jeden Fall selbst reinmontiert. Da Marjana Gaponenko allerdings erst Mitte Dreißig ist, kann man von ihr allerdings noch zahlreiche derart schaurige Späße erwarten - oder vielmehr: erhoffen.



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