Roman zur US-Opioid-Krise Kippen, Heroin und Kirschlipgloss

Mit "Marlena" hat US-Autorin Julie Buntin einen berührenden Coming-of-Age-Roman geschrieben, der gleichzeitig von der Drogenschwemme in den USA erzählt. Ein aufrüttelndes Debüt.

"Sie dachte an einen Heißluftballon. Sie fuhr nicht damit, sie war der Ballon." (Symbolbild)
Getty Images

"Sie dachte an einen Heißluftballon. Sie fuhr nicht damit, sie war der Ballon." (Symbolbild)

Von Jana Felgenhauer


Marlena Joyner bleibt nicht viel Zeit. Sie wird mit 18 Jahren in einer lausigen Novembernacht in einem Bach ertrinken, Opiate und Morphine im Blut.

Ihre Geschichte erzählt uns die 15-jährige Cat, die nach der Scheidung ihrer Eltern mit Mutter und Bruder in ein trostloses Kaff in Michigan zieht. Sie und Marlena werden Nachbarinnen und schnell beste Freundinnen. Zusammen schwänzen sie die Schule, stromern durch die Wälder, rauchen, trinken, nehmen Drogen - "wir waren meistens damit beschäftigt, high oder blau zu werden". Marlena ist impulsiv, mutig, unberechenbar, Cat achtsam und zuverlässig. "Zusammen sind wir das perfekte Mädchen", lässt die Autorin Julie Buntin sie schreiben.

Die Freundin, die so früh sterben musste, ist noch zwanzig Jahre später in Cats Erinnerung eine überirdische Figur, umwolkt vom Mythos der Jugend - auf ewig wild und frei.

Marlena, die singt wie Joni Mitchell.

Marlena, die makellose Kreise raucht.

Marlena, die so schön ist, wie ihr Name klingt: Katzengesicht, "kiloweise blondes Haar", träges Blinzeln.

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Julie Buntin:
Marlena

Übersetzerin: Eva Bonné

Eichborn Verlag, 368 Seiten, 22,- euro (gebunden)

Doch sie hat große Probleme. Die Mutter ist verschwunden, der Vater kocht und schnupft Meth, der kleine Bruder verwahrlost. Zu dritt wohnen sie in einer Scheune, von der der Lack abblättert wie von Marlenas Nägeln. Doch weil Nebel ums Hirn besser ist, als Teil einer Tristesse zu sein, aus der es kein Entkommen gibt, schluckt Marlena Tabletten.

Durch Michigans Landschaft, auf der Suche nach dem nächsten Kick (Symbolbild)
Getty Images

Durch Michigans Landschaft, auf der Suche nach dem nächsten Kick (Symbolbild)

Die versteckt sie in einer Brosche, zerkleinert sie mit dem Schülerausweis und gibt ihnen Namen, die nach Hundewelpen klingen - Oxy, Benzo und Addy. Im Tausch für die Drogen bietet sie ihren Körper dem Dealerfreund ihres Vaters an. Cat wird täglich mit der Sucht ihrer Freundin konfrontiert - "sie spricht schleppend, als hätten ihre Worte zu große Gewänder" - doch weil Marlena so wirkt, als habe sie alles im Griff, macht sich Cat wenig Sorgen. Das schlechte Gewissen, nichts getan zu haben, kommt erst, als es längst zu spät ist.

Ein Jahr nachdem sich Cat und Marlena kennengelernt haben, wird ihr Vater verhaftet, der Bruder kommt zu Pflegeeltern. Sie bricht die Schule ab, gibt sich auf. Bald entdeckt Cat in Marlenas Scheune verbogene Löffel und auf deren Arm blaue Flecken.

Das Porträt einer amerikanischen Gesellschaft im Gesundheitsnotstand

Julie Buntin macht in ihrem Coming-of-Age-Roman endlich einmal Mädchen zu starken Hauptfiguren, die sonst so oft nur Projektionsflächen für die (sexuellen) Fantasien von Jungs sind. Dabei schreibt sie über Teenagerthemen, die jedem vertraut sind: billige Räusche, die Sehnsucht vor dem ersten Sex und die Enttäuschung danach, den Hass auf den eigenen Körper und die "endlos samtigen Weiten des Teenagerschlafs".

Doch in "Marlena" geht es noch um mehr. Der Roman ist das Porträt einer amerikanischen Gesellschaft, die sich im nationalen Gesundheitsnotstand befindet: einer Opioid-Krise, die täglich bis zu 150 Amerikaner tötet. In einer Szene beschreibt Buntin eine Situation, die sich so wirklich täglich abspielt: Menschen im Pyjama stehen vor einer Arztpraxis Schlange, um sich das Schmerzmittel Oxycontin verschreiben zu lassen.

US-Autorin Julie Buntin
Julie Buntin

US-Autorin Julie Buntin

Es sind Abhängige, von denen viele später bei Heroin landen, weil es billiger und leichter zu bekommen ist. Vielleicht ging es ihnen so wie Romanfigur Marlena, als sie das erste Mal Oxycontin nahm: "Sie dachte an einen Heißluftballon. Sie fuhr nicht damit, sie war der Ballon."

Nach Marlenas Tod geht Cat zurück auf eine Privatschule, studiert, arbeitet in New York. Was bleibt, sind der Alkohol und die Gedanken an Marlena. In einer der Passagen, in der sie aus ihrem heutigen Leben berichtet, spricht sie zu Marlena und sagt, dass das Erwachsenwerden gar nicht so schlecht sei. Das glaubt man Buntin an dieser Stelle nicht, denn die erwachsene Cat wirkt gar nicht zufrieden, wenn sie nüchtern bemerkt: "Die Farben leuchten weniger intensiv, aber ich bin froh, noch da zu sein."

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insgesamt 2 Beiträge
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derpif 16.11.2017
1.
Opiate und Morphine? Ach was, und Morphine sind eine Erfindung extra fürs Buch, oder vom Spiegel? Oder war jemand zu faul Morphine zu übersetzen? Ergibt trotzdem keinen Sinn, Morphium ist ein Opiat. Eines der bekanntesten. Im nächsten Buch könnte dann ja jemand Cannabisse und Gras konsumieren, um am Ende dann mit THC gepanschtes Marihuana zu spritzen und eine Nase Hanf zu ziehen die leider mit Weed gestreckt ist. Super solche Bücher.
exhaider 17.11.2017
2. Maker Heroin great again
Heroin Produzent No.1 weltweit ist Afghanistan. Quasi Monopolist für Schlafmohnanbau. Der läuft wieder auf Hochtouren seit die US-Armee (und somit die anderen US-Dienste) in Afghanistan sind. Riesige Mengen davon gelangen über alle Grenzen, und in der USA ist das Gift dann sehr, sehr billig zu bekommen.
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