Marthaler-Premiere in Hamburg Sinnvolles tun? Wirst du nicht.

Christoph Marthaler und sein bewährtes Ensemble spielen am Hamburger Schauspielhaus "Die Wehleider". Ein hochmusikalischer Abend über unseren Umgang mit den Flüchtlingen, über Paranoia und die Luxusprobleme der Europäer.

DPA

Es ist alles da: die Ringe unter der Decke, die schweren Lederbälle im Drahtkorb, das Pferd und andere Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Man fühlt sich sofort in die Schulzeit zurückversetzt beim Anblick der Turnhalle, die Anna Viebrock für "Die Wehleider" auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg gebaut hat. Fast hat man den Geruch in der Nase.

Christoph Marthalers neuer Schauspiel-mit-Gesang-Abend "Die Wehleider" lebt von solchen Wiedererkennungseffekten für sein bürgerliches Publikum. Aber wie bei Marthaler und seiner - und hier stimmt der Ausdruck wirklich - kongenialen Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock üblich, ist der Abend auch geprägt von feinen Realitätsverschiebungen. Rechts auf der Bühne steht ziemlich sinnfrei ein kleines Sprungbrett, zwischen den Turngeräten ist ein Klavier platziert, und statt Turnmatten gibt es schrecklich-schön bunt gemusterte Matratzen.

Plappern über die eigene Befindlichkeit

Laut Marthalers Spielanleitung ist diese Halle, nachdem sie für Flüchtlinge nicht mehr gebraucht wird, nun umfunktioniert worden in ein Ausweichquartier für Patienten einer Privatklinik, die wegen der großen Nachfrage nach ihren Angst- und Depressionstherapien Probleme mit der Unterbringung hat.

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15 Behandlungsbedürftige ziehen zu Beginn des Abends hier ein, streng angeleitet und bewacht von Irm Hermann im weißen Arztkittel. Kaum haben sie sich eingerichtet auf ihren Matratzen, fangen sie auch schon an zu lamentieren: dass sie sich nur noch Putzfrau oder Kinderfrau leisten können, dass ein Leben am Stadtrand unzumutbar sei. "Ich will etwas Sinnvolles tun." - "Wirst Du aber nicht." Zwischendurch sind einzelne Sätze der ennuierten, überkommenen Gesellschaft aus Gorkis "Sommergästen" in ihre Reden eingestreut. Nicht alles ist zu verstehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn das Plappern über die eigene Befindlichkeit ist diesen Menschen mit ihren Luxusproblemen längst zum Selbstzweck geworden.

Es ist, das wird schnell deutlich, das gut situierte Europa, das sich hier therapieren lässt: Herren in gut geschnittenen Anzügen und Damen mit Perlenketten in Gucci, Prada und Chanel-Kopien; Deutsche, Franzosen, Engländer, Spanier. Und mittendrin Josef Ostendorf als Donald-Trump-Verschnitt, der einer Frau schon mal an die Pussy greift, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Die Fremden sind unter uns

Natürlich rennen der Regisseur Marthaler, seine Dramaturgin Stefanie Carp und das Ensemble weit offene Türen ein, mit ihrer Kritik an Menschen, die den Wertverfall ihrer Immobilie als Argument gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft anführen, die ihr "Recht auf Ruhe" einklagen oder die, wenn sie einen Flüchtling aufnehmen, ihn bitte wie nach Katalog aussuchen wollen. Wer es trotzdem noch braucht, für den gibt es im Programmheft Auszüge aus Herfried und Marina Münklers "Die neuen Deutschen", ihr Aufruf, Trägheit und Behaglichkeit hinter sich zu lassen und die gesellschaftlichen Veränderungen als Chance zu begreifen.

Marthaler findet für diese Trägheit ein schönes Bild: In der Turnstunde werden die Patienten, statt sich selbst zu bewegen, von ihren drei Betreuern bewegt: Der eine wird über das Pferd gehoben, als ob er fliegen könnte, dem anderen wird wie bei einer Puppe ein Fuß vor den anderen gesetzt.

Joaquin Abella, Haizam Fathy und Antonio Jimenez Navarro spielen diese Pfleger, die von der Klinikleitung auch zur Konfrontationstherapie eingesetzt werden: Die Fremden sind unter uns. Wohl um die Fremdheit zu betonen, hat Marthaler für diese Rollen drei Tänzer ausgewählt - allerdings wusste er offenbar nicht immer so recht etwas mit ihnen anzufangen; manche ihrer Auftritte wirken etwas pflichtschuldig.

Härtere Gangart gegen Ende

Doch auch wenn der Erkenntnisgewinn von "Die Wehleider" nicht besonders hoch sein mag: Selten war die Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft so schön verpackt wie bei Marthaler. Seit jeher ist er ein Meister darin, das Schöne und den Schrecken im deutschen und internationalen Liedgut gleichermaßen auszustellen. Viel Romantisches und viel übers Sterben lässt er sein Ensemble singen, als Kanon, mehrstimmig, zum Klavier und a cappella. Als Störer dazwischen auch mal ein Medley von Modern Talking und Heiter-Rassistisches und Sexistisches, das im Programm als "Best of Mallorca 2016" ausgewiesen ist. Und immer wieder - leise, wie ein Abgesang -"Freude schöner Götterfunken", die Europa-Hymne.

Und weil man das Anliegen des Abends so schnell begriffen hat, bleibt viel Zeit, sich über Details zu freuen: Wie Sachiko Hara aus ihrer Handtasche Spaghetti isst, während Gala Othero Winter die Vor- und Nachteile verschiedener Ernährungsweisen runterrappelt, bis ihr nur noch Astronautennahrung als Möglichkeit übrig bleibt. Wie großartig es aussieht, wenn 15 Schauspieler in einer Reihe, jeder seine Matratze vor sich, menschliches Domino spielen. Mit welcher Hingabe Anna Viebrock vor allem den Schauspielerinnen für jeden neuen Auftritt andere Designeroutfits zusammengestellt hat, immer changierend zwischen Verhuschtheit und Spießigkeit.

So könnte das noch lange weitergehen, aber dann schaltet Marthaler kurz vor Schluss doch noch auf eine härtere Gangart um: In einer nicht allzu fernen Zukunft stehen da fünf Herren vor einer Art Tribunal, sie richten ihr Wort an die "Frau Weltpräsidentin" und stehlen sich, vom Beamten bis zum Spitzenpolitiker, in vielen komplizierten Wortwendungen aus der Verantwortung für die unzähligen Toten, die an den Außengrenzen des "ehemaligen Europa" ums Leben gekommen sind. Die Parallelen zu NS-Prozessen und Auschwitz-Gedenkstunden sind überdeutlich, schon bevor Jean-Pierre Cornu und Graham F. Valentine die Worte im Hals stecken bleiben.

Damit sich das Publikum von dieser Moralkeule nicht erschlagen fühlt, führt das Ensemble zum guten Ende noch in einer Modenschau der skurrilen Art vor, was es unter all den edlen Kostümen getragen hat: Mieder, Korsagen, Shapewear und Bauchbinden, die die teils etwas wohlstandsverwahrlosten Körper beisammenhalten. Großer Applaus für diese Nabelschau.


Die Wehleider. Deutsches Schauspielhaus Hamburg, nächste Vorstellungen am 9., 13., 17. und 28.12., www.schauspielhaus.de



insgesamt 2 Beiträge
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0forearth 03.12.2016
1.
Ein Theaterstück über die Flüchtlingskrise also. Ich habe dieses Jahr genau zwei Theaterstücke gesehen und jedes davon versuchte, den Bezug zur Flüchtlingskrise herzustellen. Das scheint momentan im Theater das Naheliegendste zu sein. Leider ist das nicht sehr kreativ, auch wenn man als Kritiker wenig dagegen sagen kann. Dieses Stück hier scheint sich über Psychiatrie-Patienten lustig zu machen. Soll der Inhalt nahelegen, dass sich diese ihre Leiden nur einbilden? Zu unterstellen, dass unsere Probleme in Deutschland ausschließlich Luxusprobleme von Reichen sind, finde ich ebenfalls geschmacklos. Natürlich ist die Mittelschicht nicht am Verhungern, aber einige der Probleme wie Wohnungsnot und prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind sehr real. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass Anhänger der AfD nur selten in der bürgerlichen Mitteschicht zu finden sind, welche hier im Stück offenbar bloßgestellt wird, sondern vor allem die Armen und Abgehängten solche Protestparteien wählen. Deren Probleme kleinzureden, wird sicher nicht weiterhelfen.
upalatus 03.12.2016
2.
Es ist wohl eher eine Art Angebot, auch mal auf sich selber zu reflektieren. Dass "Patienten" von "Helfern" irgendwo hin und drüber gehoben werden (sollen), ist als Bild doch durchaus in der Gesellschaft so selten nicht (das ist natürlich NICHT auf klass. psychisch- oder sonstwie Kranke gemünzt!). "Was sinnvolles tun"...... ich behaupte, nahezu jeder hat fast eine Sehnsucht danach. Aber, leider, man steht sich selbst aus vielerlei Gründen oder eher Scheingründen/Trägheit... selbst im Weg. Daher die berechtigte lapidare Feststellung: "Du wirst! nichts sinnvolles tun!". Ausser fleissig den Mund bewegen. Der Begriff "wohlstandsverwahrloste Körper" geht doch auch nicht am Kern vorbei. Man könnte ihn erweitern mit "wohlstandsirritiertem Geist mit Tendenz zur irreversiblen Verwahrlosung". Nur steigt man nicht so leicht hinter die Begriffe, wenn man keine Sichtmöglichkeit von ausserhalb oder weiter weg mehr hat, keine "Übersicht" mehr hat bzw. diese Sicht einfach ablehnt. Obwohl das schon was Sinnvolles wäre, es mal zu versuchen oder durchzuspielen. Ohne Hebewerkzeugpersonen wie im Theater....
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