Neues Buch von Martin Suter Rüssel-Roman

Ein Experiment aus Gier, ein Arzt ohne Skrupel und ein Obdachloser mit Geheimnis. Das neue Buch von Bestseller-Garant Martin Suter mixt Mythen, knallharte Geschäfte und verknüpft alles mit einem rosa Elefanten.

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Fritz Schoch lebt in einer Erdhöhle, sehr einfach, aber citynah. Für einen Obdachlosen, die es natürlich auch in der wohlhabenden Schweiz gibt, ist diese Rückzugsmöglichkeit schon ein Privileg. Schoch hat sich mit seinem bescheidenen Leben arrangiert, immerhin ist er kein Alkoholiker wie zahlreiche seiner Kumpel aus der Szene. In seiner melancholischen Nachdenklichkeit geht er beinahe schon als Intellektueller durch.

Wenn eine solche Figur als Held des neuen Romans von Martin Suter eingeführt wird, weiß man sofort: Der hat etwas hinter sich, da schlummert mehr als eine durchschnittliche Pennerkarriere, da geht noch was. Wenn dann noch ein leuchtender rosa Elefant in Schochs Erdbehausung auftaucht, hat den Leser der zunächst betulich drehende Plot schon erfasst.

Tatsächlich gibt Suter seiner Geschichte ungewöhnlich viel Anlaufzeit, als traue er selbst seiner märchenhaften Sache mit dem kleinen Elefantenwunder nicht recht über den Weg. Aber eigentlich möchte er nur den Leser nicht überfordern, Profi, der er ist. Kommt ja auch etwas heftig daher: Da wundern wir uns so wie der staunende Schoch. Aber okay, Herr Suter, wir sind dabei.

Mix aus Mythen und Geschäften

Bei aller märchenhaften Atmosphäre: Spannung muss sein. Einen Handlungsmix aus Mythen und knallharten Geschäften rührt Martin Suter in geübter Weise an, denn das suggestive Leuchten des kleinen rosa Elefanten deutet umweglos auf Genexperimente hin. Ein ganz großes Rad beginnt sich zu drehen, und es wächst aus einem leisen Anfang zum hochaktuellen Thema seines neuen Buchs an.

Wieder hat Suter mithilfe von Fachleuten gründlich und zielsicher recherchiert, eine Spezialität des Autors, der seine oft abseitigen Handlungsvarianten und Wendungen stets in einen von Fakten geerdeten Kontext plaziert. Aber niemals ohne Poesie im Spannungskarussell: Und dann und wann ein rosa Elefant, Rilke trifft Wissenschaft.

Autor Martin Suter
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Autor Martin Suter

In "Elefant" baut er rasch das kontrastreiche Personal auf, denn die Elefanten fallen nicht vom Himmel, sondern tauchen aus dem Ambiente eines Wanderzirkus auf. Die finsteren Gentechniker agieren in ehrgeizigen Veterinärskreisen. Ein guter Tierarzt - Dr. Reber - kämpft gegen den rücksichtslosen Geschäftemacher Dr. Roux, der mit Zellen und Erbgut experimentiert, die Elefantenkühe des Zirkus als Leihmütter benutzt und mit seinem Wissen Barisha - so heißt später der kleine rosa Elefant - erschafft.

Eine klassische Konfrontation, die von der Entwicklung des Obdachlosen Schoch mit der ebenfalls zu den Guten gehörenden Tierärztin Valerie gespiegelt wird - auch sie mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigt. Die Komposition dieses Beziehungsgeflechts inmitten einer Suspense-Handlung zeugt von der Routine Martin Suters, der es immer wieder schafft, ein großes wie heikles Thema zu einer Fabel mit schlichter, aber überzeugender Moral einzudampfen.

Religion kontra Profit im Suter-Wunderland

Auch hütete er sich diesmal davor, die leicht schräge Story ins völlig Absonderliche abgleiten zu lassen wie in seiner Zeitreiseposse "Die Zeit, die Zeit". Ob man nun das Leuchten des Elefanten als religiöses Symbol deuten möchte oder als reale Möglichkeit aggressiver Erbgutveränderung zum Zwecke der Profitmaximierung, darf jeder Leser für sich entscheiden.

Mit dem talentierten Elefantenflüsterer Kaung aus Burma gibt es eine profilierte Figur für Mystikfans, mit der kämpferischen Tierärztin und Vegetarierin Valerie eine Vertreterin der humanen Wissenschaft. Klare Grenzen zwischen Gut und Böse verlaufen überall sichtbar, das ist schon ein wenig schlichter gewirkt als im richtigen Leben.

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Martin Suter:
Elefant

Diogenes; 352 Seiten; gebunden; 24,00 Euro.

Aber wir sind hier im Suter-Wunderland der Spannungsliteratur Marke Diogenes, und da geht Wohlfühlen vor Reportage-Authentizität. Immerhin werden die Möglichkeiten der Gentechnik schlüssig aufgefächert, Belege siehe Danksagungen im Anhang.

Ein sanfter Thriller mit einem Lächeln

Zum Schluss wird es dann beinahe hektisch: Als hätte Martin Suter plötzlich die Erkenntnis ereilt, dass ja die Handlung irgendwie in einem sicheren Hafen enden müsse, rasselt er ein Finale mit großem Tempo herunter. Fast verstört diese Klimax, aber sie erinnert doch an große Momente früherer Bestseller und zeigt, dass Suter nichts an Erzählkraft verloren hat. Dennoch, "Elefant" geriet Martin Suter atmosphärisch als ungewöhnlich sanfter Thriller, der ökologisches Bewusstsein und mythologische Weltsicht miteinander versöhnt, ohne sich an einer spröde- argumentativen Front aufzureiben.

Beides kann in diesem Plotkonstrukt Hand in Hand gehen: Glauben und logisches Handeln. Dass man beim Lesen des letzten Satzes unwillkürlich lächeln muss, stimmt freudig zum überglücklichen Ende. Die lässige Pointe wirkt.

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HorstPapenhausen gestern, 09:36 Uhr
1. rosa elefant im porzelanladen
Martin Suter reiht ein Klischee an das andere. Bei jeder Person weiß man schon beim auftritt, welches ende sie hat. unerträglich die geschichte des ewigen clochards, der aus gutem hause stammt und seine retterin findet. Charaktere so gradlinig wie eine wüstenstraße, böse oder gut bis zum horizont. wissenschaftliches geplaudere mit naiv ethischer entrüstung. Der maler immendorf hätte gesagt: "Hör auf zu schreiben!"
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