Neuer Roman von Martin Walser Das erotische Potenzial des Tangos

Verrat unter Freunden, Suizidwunsch, späte neue Liebe: Der 89-jährige Martin Walser erzählt in "Ein sterbender Mann" verstörend vom Lebensende - und scheint mit dem Buch auf seine Weise Abschied vom Schreiben zu nehmen.

Von Stephan Lohr

Der Mann hinter der Augenbraue: Schriftsteller Martin Walser
DPA

Der Mann hinter der Augenbraue: Schriftsteller Martin Walser


Der 72-jährige Theodor Schadt, einst erfolgreicher, nun krachend gescheiterter Unternehmer, mag nicht mehr leben, "wenn das, was mir passiert ist, menschenmöglich ist". Carlos Kroll, sein kreativer Partner und enger Freund seit 19 Jahren, hat ihn verraten, indem er eine so riskante wie Profit versprechende Patentidee an Schadts ärgsten Konkurrenten, Oliver Schumm, verkaufte.

Jetzt führt Schadt im Tangoladen seiner Frau Iris in der Münchner Schellingstraße die Kasse, erledigt den Papierkram, während Iris ihren Kundinnen Spezialschuhe, Kleider, Gürtel verkauft, eben alles, was für Tanz und Tanz-Turniere gebraucht wird.

Der deklassierte Schadt loggt sich bei einem Suizidforum ein, nennt sich dort "Franz von M." und bekommt rasch Antwort von einer Frau mit dem Decknamen "Aster". Diese nennt ihre Selbstmordabsicht "irreversibel", ein Wort, das Schadt fasziniert: "Irreversibel hat einen Zauber, dem ich nicht widerstehen kann..."

All das erfährt der Leser nicht als unmittelbar erzählte Handlung. Walser lässt seine tragische Hauptfigur Schadt einen Brief schreiben, in dem er berichtet, referiert und zitiert, etwa seine Blogeinträge bei den "Suizidalen".

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"Sehr geehrter Herr Schriftsteller! Mehr als schön ist nichts. Diesen Satz sollen Sie ... geschrieben haben." Mit diesen rätselhaften Worten beginnt das Buch, die Identität des adressierten Schriftstellers verrät der Autor Walser nicht. Er geht in "Ein sterbender Mann" zu seinem eigenen Beruf auf ironische Distanz.

Zumal er auch Schadt und Kroll mit merkwürdigen schriftstellerischen Ambitionen ausstattet. Schadt hat vor und neben seinen unternehmerischen Tätigkeiten mit Titeln wie "Freistil. Anleitung zum Bewusstseinstraining" oder "Wolkenbruch. Anleitung zur Selbstbefriedigung" oder "Rumpelstilzchen. Anleitung zur Selbstfindung" Bestseller geschrieben, während sein einstiger Freund Kroll von seinen Gedichtbänden nie mehr als 500 bis 900 Exemplare verkaufte. Bücher, die Titel tragen wie "Lichtdicht", "Leichtlos", "Lufthaft" oder "Kopftau".

Eine Korrespondenz, die sich obsessiv entwickelt

In seinem neuen Roman erweist sich Walser als Routinier, der souverän eine verwobene, die Leser bis ins algerische Atlasgebirge führende Geschichte entwickelt. Er geht raffiniert mit dem literarischen Kunstgriff der Teichoskopie zu Werke, jener Mauerschau, bei der auf der Theaterbühne ein nicht mehr darstellbares Geschehen von einem Zeugen berichtet wird. Walsers Mauer sind die Briefe, Mails und Blogkorrespondenzen von Schadt an den anonym bleibenden Schriftsteller. So lernen wir auch Schadts Blogpartnerin kennen, ihre skurrilen Geschichten, mitgeteilt unter dem merkwürdigen Namen Aster.

Allein Sina Baldauf tritt als reale Figur auf, als Kundin im Tangoladen, begeisterte Tänzerin, die - 53 Jahre alt - das erotische Potenzial des Tangos noch einmal bei einem Turnier in Rom auskosten möchte. Als sie ihre bei Iris erworbene Ausstattung bezahlt, sitzt Theo Schadt an der Kasse und wird von Sinas Blick wie von einem Lichtblitz getroffen. Er beginnt eine sich obsessiv entwickelnde Korrespondenz; getrieben von der Idee, Sina zu treffen, kündigt Schadt sogar seine Ehe auf, nach 38 Jahren, und zieht aus.

Beinahe ebenso besessen sucht Schadt nach dem Motiv, das zum Verrat durch den Freund führte. Die Recherchen führen zu Oliver Schumm, der zu Klubabenden einlädt und dazu attraktive Damen um sich schart. Eine dieser Damen, einer "mittelmeerisch aussehenden Frau", verfällt Carlos. Diese Liason ist es dann, die den Verrat verursacht. Auch Sina Baldauf gehört zu diesem Klub, "um nicht zu sagen Harem", wie Schadt es formuliert.

Den meisten Raum des Buches nimmt der Briefwechsel mit Sina ein: Reiseberichte, Befindlichkeiten, Sehnsüchte und Träume füllen, gelegentlich ein wenig mäandernd, die Seiten. Als Pointe dienen die zunächst nicht offenbarten Verwicklungen der Romanfiguren. Wie in einem Krimi folgt dieser vermeintlichen Auflösung eine furiose Schlussvolte.

Zu den boshaftesten Zeilen dieses Buches gehört eine grandiose Parodie auf die germanistische Interpretationsarbeit anhand der Auslegung eines Carlos-Kroll-Gedichts durch den fiktiven Germanisten Prof. Dr. Wolfram Hallhuber. Walser zitiert zudem Kollegen wie Grass, Kafka, Kleist, Schiller und Shakespeare. Als nähme der 89-Jährige auf diese Weise Abschied vom Schreiben.

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insgesamt 5 Beiträge
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herrenschirm 06.01.2016
1. Freu mich
Walser ist bei Gott nicht leicht zu lesen. Nichts fürs Bett vor dem Einschlafen. Aber wenn man Walser mal verstanden hat, sind seine Bücher jeden Cent wert. Ich freu mich auf sein Neues.
kliemert 06.01.2016
2.
... da ist er scheinbar wieder, der ewige Konflikt zwischen Begehrungs- und Erkenntnisvermögen. Man mag dem verehrten Herrn Walser fragend zurufen, ob der Tod nun der Sühne Sold ist.
h.hass 06.01.2016
3.
Alte Herren schreiben über Altherrenerotik. Eine Aussicht, die einen nicht gerade vom Hocker haut...
Newspeak 06.01.2016
4. ...
Zu den boshaftesten Zeilen dieses Buches gehört eine grandiose Parodie auf die germanistische Interpretationsarbeit anhand der Auslegung eines Carlos-Kroll-Gedichts durch den fiktiven Germanisten Prof. Dr. Wolfram Hallhuber. Das klingt trotzdem genau so langweilig, wie man es von Germanistenliteratur erwartet. Ich frage mich immer, ob solche Bücher veröffentlicht werden würden, wenn ihre Autoren nicht schon berühmt wären?
Schalk 06.01.2016
5. Optionen
Zitat von NewspeakZu den boshaftesten Zeilen dieses Buches gehört eine grandiose Parodie auf die germanistische Interpretationsarbeit anhand der Auslegung eines Carlos-Kroll-Gedichts durch den fiktiven Germanisten Prof. Dr. Wolfram Hallhuber. Das klingt trotzdem genau so langweilig, wie man es von Germanistenliteratur erwartet. Ich frage mich immer, ob solche Bücher veröffentlicht werden würden, wenn ihre Autoren nicht schon berühmt wären?
Veröffentlicht würden sie schon - mit Druckkostenzuschuss vonseiten des Verfassers. Aber sicher nicht besprochen, nicht gekauft und erst recht nicht gelesen. Wobei letzteres auch bei Walser kaum vorstellbar ist. Jeder einzelne Satz von ihm ist so merkwürdig verschroben und misslungen: nur unter Qualen lesbar. Schon allein die Namen der Figuren wirken wie erdacht von jemandem, der einen VHS- Schreibkurs mit Erfolg absolviert hat. Nein, für das Thema "alternde Autoren und Tod" bleibt Philip Roth das Maß der Dinge.
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