Schriftsteller Martin Walser "Ich fühle mich glücklich, diese Kanzlerin zu haben"

Was hat Auschwitz noch mit uns zu tun? Was hält er von Gauck und von Grass' Israel-Kritik? Warum ist Merkel gut für unser Land? Im Interview nimmt Martin Walser Stellung, sogar zu Gott - und Thomas Gottschalk. Der erklärte Fan rät dem Moderator, sich als TV-Hebamme zu versuchen.

dapd

SPIEGEL ONLINE: Auschwitz und die berüchtigte "Moralkeule" - in Ihrem neuen Buch "Über Rechtfertigung" gehen Sie auf eine der großen deutschen Debatten ein. Sie selbst haben sie ausgelöst, indem Sie von einer "Instrumentalisierung des Holocaust" sprachen - für viele ein Tabubruch. Sie haben offenbar noch immer ein starkes Bedürfnis, sich dafür zu rechtfertigen.

Martin Walser: Zitiert wird oft, der Walser habe 1998 in der Paulskirche gesagt "Auschwitz als Moralkeule" - aber ich habe gesagt "Auschwitz nicht als Moralkeule". Damit meinte ich Argumentationsweisen wie die Joschka Fischers: Dass man Serbien bombardieren müsse, wenn man aus Auschwitz etwas gelernt hat. Eben nicht! Ich habe gesagt, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren und sei es für die bestmöglichen Zwecke. Nachher wurde mir vorgeworfen, ich hätte mit diesen Zwecken die Zahlungen an die Zwangsarbeiter gemeint. Das ist absurd.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Militäreinsätze mit Auschwitz zu rechtfertigen, ist tatsächlich nicht mehr üblich.

Walser: Gott sei Dank. Meine Rolle hat für mich am besten Peter Sloterdijk formuliert. In seiner "Theorie der Nachkriegszeiten" schreibt er einen Satz, den ich mir merken werde bis in meine wüsteste Demenz hinein: Das Publikum, das diesem Redner stehend applaudierte, war sich für wenige Minuten zehn Jahre voraus.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, der Zeitgeist habe Sie "zurechtgewiesen". Sie mussten doch ahnen, dass Ihnen nicht applaudiert wird.

Walser: Ich habe die Rede vorab meinem damaligen Verleger Siegfried Unseld und seiner Frau gegeben. Beide haben gesagt: "Wunderbar." Hätte ich die Befürchtung gehabt, dass die Rede ein derartiges Echo auslöst, hätte ich manche Formulierung vermieden. Ich bin kein bisschen mutig, ich suche ja Zustimmung. Ich habe damals meine Schwierigkeiten beim Verfassen einer Sonntagsrede aufgeblättert, wie sie ja bei vielen Gelegenheiten zur deutschen Geschichte gehalten wurden. Ich hatte die Hoffnung, zu erfahren, dass ich nicht allein damit bin. Vor Ort hatte ich den Eindruck, als sei das auch der Fall. Und nachher kam die öffentliche Meinung.

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie die Rede?

Walser: Nein, das kann ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Einen vergleichbaren Eklat hat nur Günter Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss" ausgelöst. In der "Zeit" haben Sie ihn zwar gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen, wollten sich sonst aber nicht äußern. Warum?

Walser: Ich habe gesagt, dass ich mein Leben im Reizklima des Rechthabenmüssens verbracht habe. Daher die Erfahrung: Rechthaben ist kein befriedigender Bewusstseinszustand. Das grenzt an Muskelprotz. Also komme ich für Meinungen nicht mehr in Frage. Sprache für Meinungen? Nein, danke. Sprache für Erfahrungen? Ja, immer.

SPIEGEL ONLINE: Auch Grass instrumentalisiert die deutsche Geschichte, wenn er schreibt, man dürfe in Deutschland Israel nicht kritisieren.

Walser: Ich bin froh, dass ich für diese Schlusszieherei nicht zuständig bin.

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Seite 1
janne2109 10.05.2012
1. ............
na endlich noch jemand der froh ist, ich nämlich auch.
spon-facebook-10000042488 10.05.2012
2.
"Walser: Dazu nur so viel: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist der: Weibliche Freunde, wenn man sie so nennen darf, entziehen dir das "du". Männer nur die Hand. " Was ist den das für eine dumme Antwort. Überhaupt sind die Antworten auf die Fragen irgendwie seltsam.
vincent1958 10.05.2012
3. Einen..
Zitat von sysopdapdWas hat Auschwitz noch mit uns zu tun? Was hält er von Gauck und von Grass' Israel-Kritik? Warum ist Merkel gut für unser Land? Im Interview nimmt Martin Walser Stellung, sogar zu Gott - und Thomas Gottschalk. Der erklärte Fan rät dem Moderator, sich als TV-Hebamme zu versuchen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,831320,00.html
.".Lastwage auf einer Brücke wenden...das ist produktives Fernsehen"...Mein gott Walser!Müssen wir "unseren Alten"eigentlich alles durchgehen lassen?
achim33 10.05.2012
4. Musste kommen.
Zitat von sysopdapdWas hat Auschwitz noch mit uns zu tun? Was hält er von Gauck und von Grass' Israel-Kritik? Warum ist Merkel gut für unser Land? Im Interview nimmt Martin Walser Stellung, sogar zu Gott - und Thomas Gottschalk. Der erklärte Fan rät dem Moderator, sich als TV-Hebamme zu versuchen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,831320,00.html
Damals, als ich live gesehen habe, wie Schröder als Wahlkampf-Manöver eine Beteiligung beim Irakkrieg ausschloss zu der Deutschland nie aufgefordert wurde, war mir klar, dass dieser peinliche Auftritt irgendwann zu seinen Gunsten ausgelegt wird. Aber man muss es immer wieder sagen: Schröder hat uns nichts ersparrt, er hat Wahlkampf gemacht.
Didis04 10.05.2012
5. Großartig!
Von solchen Menschen brauchen wir mehr, besonders auf der politischen Bühne. Vorwitzig und doch bescheiden, auf eine seltsame Art Weise und immer noch neugierig.Toller Typ!
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