Martin Walser zu #MeToo Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen-Prosa

Altherrenfantasien in Zeiten von #MeToo: Der große Martin Walser schreibt in seinem neuen Roman von "Schenkel-Emanzipation" und "wippenden Titten". Hoffentlich ist das ironisch gemeint.

Martin Walser
DPA

Martin Walser


Dieser Roman birgt Sprengstoff - in die aktuelle #MeToo-Debatte könnte Martin Walser neues Werk "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte" wie eine Bombe einschlagen. Altherrenfantasien paaren sich mit Verständnisbekundungen für Trump. Kurzum: Wir haben es mit Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen-Prosa zu tun.

Obgleich man die Gleichsetzung von Schriftsteller und erzählendem Ich stets vermeiden sollte, ähnelt doch der Autor dieses an Handlungs- wie Erzählkraft mageren Textes in mancherlei Hinsicht seiner Figur. Neben dem Umstand, dass sich Justus Mall längst im gesetzten Alter befindet, eint ihn mit seinem Schöpfer, der mit seiner Paulskirchenrede 1998 für ziemliche Furore in der deutschen Erinnerungspolitik sorgte, die Vorliebe für das Schreiben sowie eine elementare Skepsis gegenüber Konventionen.

Die böse Welt versteht ihn nicht mehr

Und das klingt noch verharmlosend, wenn man an die Geilheit seines Protagonisten denkt. Nachdem dieser während einer Veranstaltung eine junge Frau begrapscht hat, verliert er sein Amt als Oberregierungsrat und verkauft sich seither als Philosoph von durchweg dürftiger Intellektualität. Als Polyamorist mit gleich zwei Beziehungen klagt er das Leid seiner Existenz fortan auf einem Blog, führt auf der Projektionsfläche einer unbekannten Geliebten ein digitales Selbstgespräch. Er ist ein Getriebener, ach so voller Schmerz: "Mich zwingt eine Sehnsucht, an Sie zu schreiben."

Der Macho, den die böse Welt draußen einfach nicht verstehen will, weiß alles Ungemach und reichlich Palaver bei der Geliebten abzuladen. Sie fungiert als säkularer Beichtstuhl und unkritischer, weil stiller Zuhörer gleichermaßen, für seine feuchten Rêverien, seinen Blick für "steile Brüste" bzw. "Titten", die unterhalb eines "Rümpfchens" "wippen", oder seine Ansicht, dass ein hochgeschobener Rock letztlich eine "Schenkel-Emanzipation" sei.

Allerhand Schnapsideen

Zu schade nur, dass diese tropischen Wunschvorstellungen ja, obgleich er sie völlig widersinnig ins Netz schreibt, eigentlich geheim bleiben müssen: "Auf jeden Fall erwache ich dann in einer Wirklichkeit, in der ich die süße Wucht der Traumwelt verschweigen muss." Dasselbe gilt für peinliche Sätze des US-Präsidenten, für den man Mall zufolge keine Sympathien mehr hegen darf. "Mir geht diese immer drastischere Verurteilung meiner Empfindungen auf die Nerven", so der Icherzähler.

Da sich alle gegen ihn verschworen haben, hilft ihm nur die Flucht in die Schreiberei über allerhand Schnapsideen. Zum Beispiel der Entschluss des Protagonisten, künftig nur noch Überflüssiges zu verfassen, um dadurch einen utopischen Kontrast zum zeitgenössischen Zweckrationalismus zu entwerfen.

ANZEIGE
Martin Walser:
Gar alles

oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Rowohlt; 112 Seiten; 18,00 Euro.

Man kann für Walser nur hoffen, dass diese Geschichte eine ironische Spielerei darstellt. Einiges deutet zumindest darauf hin. Sein Icherzähler prahlt schließlich mit seinem Buch "Die Lüge als Mutter der Wahrheit" und erklärt: "Wirklichkeit ist ein Gespinst aus erfundenen Fäden." Auch die atheistische Haltung Malls widerspricht dem von religiösen Fragen bestimmten Spätwerk des 1927 in Wasserburg am Bodensee geborenen Büchner-Preisträgers.

Sehen wir allerdings in diesem Buch eher eine Karikatur auf einen Chauvinisten mit haltlosem Speichelfluss als ein Statement zum virulenten Debattenfeld um Gender und die neue Rechte, so stellt sich doch die Frage, was der Autor damit dann aussagen möchte.

Als Groteske mangelt es diesem müden Roman an Humor und demaskierender Verve, als Kommentar zur Gegenwart hingegen an argumentativer Schlagkraft. Wohl eher ungewollt gereichen zahlreiche Platittüden dem Leser zum Amüsement. Mit "Sobald du dich nicht mehr bewegst, klebst du", oder "Geräuschlosigkeit, die das Gegenteil von Stille ist" bietet der Autor ein Best-of mieser Phrasendrescherei. Nichts für ungut, aber der große Walser hat sich sichtlich leergeschrieben.



insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DerNachfrager 27.03.2018
1. Wenn Martin Walser etwas wirklich gut kann dann ist es:
Vorführen wo bei den linken die grundgesetzliche Meinungsfreiheit aufhört.
fritze_bollmann 27.03.2018
2.
Danke für den Buchtipp.
KatastrophenUlli 27.03.2018
3. MeToo hat nur gezeigt wieso wir Linken verlieren
Ich werde mir das Buch dann mal gönnen. Normalerweise rezensieren die Medien ja solche Bücher eher nicht, da muss schon ein Name wie Walser daherkommen, damit solche Bücher überhaupt erwähnt werden. Wir erleben eine beängstigende Feigheit unseres Mainstreams bzw. unserer "Eliten". Mir scheint als ob sie Angst vor ehrlichen Diskussionen hätten. Aber verstecken könnt ihr euch nicht, denn falls nicht schleunigst mit ehrlicher Diskussion angefangen wird, gewinnen diese neuen Rechten um Trump und AfD immer mehr Stimmen. Ich bin überzeugt, dass eine linke Gesellschaft besser ist als eine rechte, jedoch kann ich diesen aktuellen Linken, also denjenigen die unsere Mainstreammedien und die PArteien SPD, Grüne, dieLinke dominieren, nichts abgewinnen. Da müssen echte Sozialdemokraten ran, jedoch weiss ich nciht ob es solche noch gibt.
samsix 27.03.2018
4. Korrekt
Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir leben im Zeitalter der Genderdiktatur und sind umgeben von philosophischer Speichelleckerei! Da schreibt wohl Einer mit der Freiheit des Alters.
commandertom 27.03.2018
5. Danke
...für den Buchtip und die vorangehenden Kommentare.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.