Internatsgeschichte "Kai" Halt in einer eigenartigen Welt

Maruan Paschen überzeugt mit einem poetischen Debüt über zwei Freunde: Sie halten sich in einem Internat aneinander fest - bis einer verschwindet.

Maruan Paschen: Beobachtungen aufs Blatt getupft
Julia von Vietinghoff/ Matthes & Seitz

Maruan Paschen: Beobachtungen aufs Blatt getupft

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Die Mutter bringt den namenlosen Ich-Erzähler in ein Internat, gelegen in einem Schloss hoch oben in den Bergen, und in diesem Internat geschehen unerklärliche Dinge - unerklärlich zumindest für den Ich-Erzähler: einen hilflosen Knaben, merkwürdig passiv, der sich nichts erklären kann, nicht mal, warum ihn seine Mutter eigentlich in dieses Internat gebracht hat.

Der Ich-Erzähler blickt lakonisch auf sein Dasein, mit einer merkwürdigen Distanz, als gehe es gar nicht um ihn. Er lebt lethargisch vor sich hin. Und doch findet er, der Außenseiter, entgegen aller Wahrscheinlichkeit sehr schnell einen Freund. Er heißt Kai, er ist ebenfalls Außenseiter - und er hat dieser Geschichte den Titel gegeben: "Kai" ist das Debüt von Maruan Paschen, 30.

Der Trick mit der Kippe

Paschen ist im Westjordanland geboren, nahe Ramallah, die Mutter Deutsche, der Vater Palästinenser. Mit zwei ist er nach Deutschland gezogen, zunächst in Hamburg aufgewachsen, und dann mit zwölf auf ein Internat in Hessen gekommen. Es war nicht die berühmte Odenwaldschule, aber es war ein Internat mit reformpädagogischer Ausrichtung. Die Erinnerungen an diese Zeit seien eingeflossen in sein Buch, erzählt er, unter anderem die Erinnerung an eine drollige Methode, mit der die Schüler glaubten, unentdeckt rauchen zu können: Den Filter ihrer Kippe steckten sie zwischen die Zinken einer Gabel, damit ihre Finger nicht nach Rauch rochen. Trotz des Tricks sei er nach nur einem Jahr vom Internat geflogen, berichtet Paschen. In seinen Zigaretten sei nicht immer nur Tabak gewesen.

Nun, aus ihm ist nach der Schule trotzdem etwas Anständiges geworden: ein Koch, ausgebildet in einem Leipziger Spitzen-Restaurant. Aus der Sterne-Küche bewarb er sich am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wurde genommen, und gewann schon während des Studiums den Wiener Exil-Literaturpreis. Aus Biel wechselte Paschen ans Deutsche Literaturinstitut nach Leipzig, um seine Masterarbeit zu schreiben: "Kai", die Internatsgeschichte.

Irgendetwas scheint nicht zu stimmen in diesem Internat. Aber was? Es gibt einen Brauch, nach dem Neuankömmlinge nachts mit einem Eimer Wasser übergossen werden. Aber Initiationsriten dieser Art gibt es vermutlich auch in anderen Internaten. Es gibt ein geheimes Spiel, das Sklave und Herrscher heißt, und bei dem die Schüler einander halbnackt Tee servieren. Aber pubertäre Spiele dieser Art gibt es vermutlich auch in anderen Internaten. Es gibt einen Lehrer, der einen Schüler, der Pudding ausgespuckt hat, mit 18 Schüsseln Pudding zwangsfüttern lässt. Aber Lehrer dieser Art... Nein, die gibt es hoffentlich nicht in anderen Internaten. Aber auch in diesem Internat gibt es davon nur einen, und dieser eine greift auch nur einmal zu einer solch sadistischen Methode. So sehr man sich als Leser auch müht, man kommt keinem großen, dunklen Geheimnis auf die Spur. Dunkel ist die Atmosphäre, die in diesem Internat herrscht. Dunkel und beklemmend.

Plötzlich verschwindet Kai

Der Ich-Erzähler hält sich an seiner Freundschaft zu Kai fest, einer ungleichen Freundschaft: Kai ist auch ein Außenseiter, aber er steckt voller Energie, er scheint immer überall gleichzeitig hinzuschauen, den Kopf permanent in Bewegung. Als der Ich-Erzähler das erste Mal auf Kai trifft, reicht Kai ihm eine Kippe. "Dass ich nicht rauchen würde, sage ich ihm, dass ich jetzt eben doch rauchen würde, sagt er."

Mit Kai spielt der Ich-Erzähler in einer Band, mit Kai geht er in den Wald, mit Kai gräbt er ein Loch, und je tiefer das Loch wird, desto tiefer wird auch ihre Freundschaft. Irgendwann glaubt der Ich-Erzähler, Kai wirklich zu kennen, "ihn zu wissen", wie er das nennt. Doch dann ist Kai verschwunden, und keiner weiß wieso, auch nicht der Ich-Erzähler.

"Kai" ist ein sehr poetisches Debüt, erzählt in einem Ton, der an Kinderbücher erinnert, in denen ganz wenige Sätze stehen - ganz einfach formuliert, ganz bedächtig, ganz reduziert - und in denen zwischen diesen Sätzen immer Lücken sind. Erst passiert das, dann das, dann das. Bloß wieso, weshalb, warum: Das steht dort nicht.

Dieses Prinzip, das Prinzip der Lücke, bestimmt das Buch "Kai" auch formal. Es gibt nicht nur Sinn-Lücken zwischen den Sätzen, es gibt tatsächliche Lücken zwischen vielen kurzen Abschnitten. Das Buch ist nicht linear durcherzählt, sondern zerfällt in einzelne Beobachtungen, Gedanken und Assoziationen. Paschen tupft sie aufs Blatt, so wie ein Maler die Farbe, aber er geht extrem sparsam mit dieser Farbe um. Am Ende bleibt die Leinwand an vielen Stellen weiß.

Der Leser hangelt sich von Beobachtung zu Gedanke, von Gedanke zu Assoziation, ähnlich wie der Ich-Erzähler. Beide suchen nach Halt in einer eigenartigen Welt.

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