Buchkunst Von Insektenaugen und riesigen Lippen

Wer Bücher mag, liebt Geschichten und muss darum auch die Geschichte der Buchkunst lieben. Ein großartiger Bildband zeigt, dass diese Geschichte nicht nur prächtig und bunt ist, sondern voller Abenteuer: Sie nimmt alle literarischen Genres vorweg.

Mathieu Lommen/ Dumont Buchverlag

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Haken wir es am besten gleich im ersten Satz ab: Ja, Gutenberg hat die erste Druckerei mit beweglichen Lettern in Europa gegründet, 1450, in Mainz. Mehr weiß man ja meist nicht über die Buchkunst (es sei denn, man ist Buchkünstler oder Germanist mit Spezialgebiet oder deutlich überdurchschnittlich gebildet).

Wie schade das ist, zeigt jetzt ein Bildband aus dem DuMont-Verlag: "Das Buch der schönsten Bücher" heißt der Band. Zu sehen sind darin Sammlungsstücke der Universitätsbibliothek Amsterdam. Seiten voller Papageien und Mädchenbeinen, ein Mathematikbuch von Albrecht Dürer, maßlos verschnörkelte Zierschriften, fotografisch genaue Offiziers-Porträts, Enzyklopädie-Seiten mit Elefanten und behaarten Schweinen. Es ist ein Buchbilderbuch, und wie nebenbei auch ein Geschichtsbuch über die Buchkunst von Zeiten der Handpresse bis in die Moderne.

Der Mann, der Gutenberg ausspionieren sollte

Und die Geschichte der Buchkunst ist nicht nur prächtig und bunt. Sie ist vor allem aufregend. Denn was man ja nicht ahnt, wenn man nur von Gutenberg weiß: Die Geschichte der Buchkunst nimmt alle literarischen Genres vorweg. Es tauchen in ihr Spionage-Geschichten auf, Geschichten über Familien und Abenteuer. Wer Bücher mag, liebt Geschichten und wird darum auch die Geschichte der Buchkunst lieben.

Da gibt es den Leiter der Königlichen Münzanstalt von Tours. Einen Mann mit dem Namen Nicolas Jenson, der eines Tages im 15. Jahrhundert vom König den Auftrag erhält, nach Mainz zu reisen, um Gutenbergs revolutionäre Methode auszukundschaften. Ein Spionage-Plan, der erstens daran scheitern musste, dass Gutenberg zu dieser Zeit seine Druckerei wegen Schulden längst hatte verkaufen müssen, und zweitens daran, dass der König starb. So kam Jenson erst nach Mainz, dann nach Venedig und wurde statt Spion einer der einflussreichsten frühen Drucker. Er verkaufte Bibeln, Gesetzbücher und päpstliche Publikationen in ganz Europa und verwendete als einer der ersten die Schrift Antiqua.

Und dann gibt es die Geschichte der Maria Sibylla Merian, geboren im 17. Jahrhundert, Tochter eines berühmten Kupferstechers, die Blumen malte, seit sie 13 Jahre alt war, und die später in ihrem Haus Hunderte von Insekten hielt. Lauter Raupen, Maden und Würmer in Schächtelchen und Boxen, die auf ihrem Schreibtisch standen und die dort eine neue Wissenschaft begründete: die Insektenkunde. Später reiste sie nach Surinam, allein mit ihrer kleinen Tochter und kehrte nur nach Amsterdam zurück, weil die Malaria sie dazu zwang. Merians Platz in der Geschichte der Biologie lässt sich leicht daran erkennen, dass ihre Einteilung der Schmetterlinge in Tag- und Nachtfalter bis heute gilt. In diesem Bildband bekommt sie ihren Platz in der Geschichte der Buchkunst dazu. Denn Merian gilt bis heute als die beste Insekten- und Blumenmalerin ihrer Zeit.

Und dann ist da Paula Scher, die drei Jahrhunderte nach Merian lebt und statt Blumen riesige Frauenaugen und -Lippen zeigt. Scher ist eine der wichtigsten Grafikdesignerinnen des 20. Jahrhunderts, die erste weibliche Partnerin des Designbüros Pentagram, die mit einem einzigen Plakat für die Uhrenfirma Swatch in den achtziger Jahren die Debatte über Plagiat und Pastiche aufwirbelte und sich mit einem einzigen Buch, mit nur einem einzigen Text darin, ihren Platz in der Geschichte der Buchkunst sicherte: "Those Lips, Those Eyes" ist ein Bildband über Hollywood-Stars. Studiofotos von Ava Gardner und Bette Davis sind darin zu sehen. Und Scher überreizt die Konzentration auf weibliche Augen und Münder, bis die Augen der Hollywood-Stars fast so groß und fremdartig erscheinen wie die Insektenaugen der Maria Sibylla Merian.

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