"Mathilde - Eine große Liebe" Mimose in Stahlgewittern

Ein bestialischer Krieg, eine kompromisslose Liebe: Der Kriminalschriftsteller Sébastien Japrisot hat mit "Mathilde" den großen Frauengestalten der Literatur eine eindrucksvolle Heldin hinzugefügt.


Der Autor hat den riesigen Erfolg nicht mehr genießen können: Vor zwei Jahren starb Sébastien Japrisot (1931 - 2003), der Verfasser von "Die Mimosen von Hossegor", kurz bevor die Verfilmung seines Romans in die Kinos kam. Als Film (und jetzt auch als neuaufgelegtes Buch) heißt das Werk "Mathilde - Eine große Liebe". Jene Mathilde hat seitdem unwiderruflich das bezaubernde Gesicht von Audrey Tautou ("Die fabelhafte Welt der Amélie"), und der Roman, mittlerweile in 16 Sprachen übersetzt, verkauft sich besser als je zuvor.

Schon 1991 erschien das Original in Frankreich, die deutsche Erstausgabe 1996. Japrisots einziger historischer Roman spielt mitten im Ersten Weltkrieg. Die gehbehinderte Kunstmalerin Mathilde (sie malt gern Mimosen) liebt Manech, der an die Front geschickt wird. Um als kriegsuntauglich entlassen zu werden und zu seiner großen Liebe zurückzukehren, schießt er sich in die Hand. Seine Absicht wird durchschaut - mit grausamen Folgen: Manech wird verurteilt und zusammen mit fünf anderen, die sich auch verstümmelt haben, schutzlos auf das Schlachtfeld verstoßen. Nach Kriegsende kehrt er nicht nach Hossegor, sein Heimatdorf im Südwesten Frankreichs, zurück. Mathilde glaubt aber nicht an seinen Tod und begibt sich hartnäckig auf die Suche nach ihrem Geliebten. Stück für Stück rekonstruiert sie die Abläufe der vergangenen Jahre und stößt schließlich auf eine Spur.

Japrisot, Sohn italienischer Immigranten, übersetzte mit 20 J.D.Salingers "Der Fänger im Roggen" und schrieb mit 30 seine ersten Krimis - ein Genre, in dem er zahlreiche Auszeichnungen bekam. Er arbeitete auch als Regisseur und Drehbuchautor, immer mit außergewöhnlichem Erfolg. Das Drehbuch von "Ein mörderischer Sommer", das mit Isabelle Adjani verfilmt wurde, brachte ihm 1984 den begehrten César.

Für "Mathilde - eine große Liebe" recherchierte Japrisot akribisch das Leben in den Schützengräben. Er las Remarque und Jünger, "furchtbares, mystifizierendes Zeug", wie er selbst einmal bemerkte. Später erklärte er, er wolle nie wieder über den Krieg schreiben. Japrisot hat dem Pazifismus mit "Mathilde" ein Denkmal gesetzt - und der Liebe.



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