Matthias Brandts Geschichten Die Einsamkeit des ersten Kindes

Matthias Brandt, Sohn von Willy Brandt und gerade noch im "Polizeiruf 110" zu sehen, hat sein erstes Buch geschrieben. "Raumpatrouille" ist ein wunderbarer Erzählband über eine Kindheit in der Bonner Republik.

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Die Sache ist doch die: Gerade für die Generation, die die Bonner Republik nur noch als Kind miterlebte, ist sie in der Rückschau eine wahnsinnig entschleunigte Angelegenheit. Man bekam im Fernsehen von ihr erzählt, jeden Abend um 8 Uhr in der "Tagesschau", und manchmal las man in der Zeitung von ihr und ihren Protagonisten und von einem Gebäude, das den Namen "Langer Eugen" trug.

Dass Bonn eine Stadt war, wusste man zwar irgendwoher, aber eigentlich war Bonn etwas anderes, nämlich eine Schaltzentrale - weniger der Macht, als der Sicherheit. Die Bonner Republik, so heißt ein lange nach ihrem Ende erschienener, sehr schöner Roman von Jochen Schimmang, war "Das Beste, was wir je hatten". Eigentlich ist das natürlich Unsinn. Man neigt dazu, Vergangenes zu verklären. Die gute Nachricht: Man darf das. Und selbstverständlich darf man ein Buch dazu verwenden, zwei, drei Stunden lang in diese Verklärung einzutauchen.

Matthias Brandt hat also ein Buch geschrieben. Matthias Brandt, der Schauspieler. Aber eben auch: Matthias Brandt, der Sohn Willy Brandts, des vierten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Sieben, acht, neun, zehn Jahre alt scheint er in diesem Buch zu sein, und der Horizont des Erlebten bewegt sich im entsprechenden Rahmen.

Um diesen Rahmen wurde aber ein zweiter Rahmen gelegt, der vieles von dem, was andere Kinder erleben mögen, noch einmal filtert: Matthias Brandt, das Kind, ist als Politikersohn besonderen Sicherheitsvorkehrungen ausgesetzt. Er spielt wenig mit den anderen Kindern, ist viel alleine. Auf dem Cover des Buches sehen wir die Illustration eines Jungen, der im Astronautenanzug mit seinem Hund an einem See steht. Die Umgebung, der Himmel, sogar der Hund: All das wirkt eigenartig träge. Ein bisschen so, als hätte jemand alles in Aspik eingelegt.

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In seinen 14 Geschichten bevorzugt Matthias Brandt eine Sprache, die ohne Eruptionen auskommt und stattdessen leise swingt. Ob das nun alles biografisch ist oder die eigene Biografie zum Gedankenspiel genutzt, das Erinnerte ins Fiktionale erweitert wird, bleibt angenehm unklar.

Er berichtet von seinem Verhältnis zu den Wachleuten, die in einem kleinen Häuschen vor der Hauseinfahrt weniger mit Verbrechern als mit den herausspringenden Sicherungen zu kämpfen haben. Er erzählt vom Heimweh, das ihn übermannt, als er einmal ausnahmsweise bei einem Freund übernachten darf, und von seinem Hund, wahrscheinlich dem Hund, dem wir auf dem Umschlag sehen. Herbert Wehner radelt fein beobachtet durch eine Geschichte, bei Heinrich Lübke und seiner Frau Wilhelmine ist der kleine Matthias zum Kakao eingeladen.

Willy Brandt und der Propellermann

Wir lesen natürlich viel von Willy Brandt, wobei: Ganz stimmt das nicht. Eher schwebt der Politiker über diesem Buch, um manchmal ins Geschehen einzutauchen, wie etwa in der letzten Geschichte, in der einer der wenigen wirklich zärtlichen Momente zwischen Vater und Sohn geschildert wird: "Aber dann legte er auf einmal seinen linken Arm um mich und begann vorzulesen. Ich konnte kaum glauben, was geschah. Er las eine Weile, schaute mich an und stellte einige, die Geschichte des Propellermanns betreffende Fragen."

Werwolf-"Polizeiruf" aus München

Das zentrale Motiv ist indes eines, das nichts mit der Bonner Republik zu tun hat. Es geht in den meisten Geschichten um die Kindheit als emotionalem Schutzraum, in dem die eigenen Gedanken, die eigenen Fantasien noch alles sind. So findet sich der schmerzvollste Moment des Buches in einer Geschichte, in der dieser Schutzraum aufgebrochen wird.

Zündeln, das ist etwas, das jedes Kind tut. Nur: Das Zündeln führt in dieser Geschichte zum Zimmerbrand, und die Erkenntnis, wie schlimm die Konsequenzen der eigenen Gedanken, der eigenen Neugierde sein können, wird ungemein präzise geschildert: "Bis vor einigen Augenblicken war ich davon überzeugt gewesen, dass alles, was ich mir ausdachte, schon deshalb wirklich war. Und nicht nur vielleicht Wirklichkeit werden konnte. Ich spürte jetzt, ohne dass ich es hätte beschreiben können, wie sich in meiner Seele etwas verschob. So wie im Sturm eine scheinbar sicher vertaute Schiffsladung ins Rutschen gerät und das Schiff am Ende in die Tiefe zieht."

"Raumpatrouille" ist kein singuläres Werk: Parallel zum Buch erscheint "Memory Boy", eine CD des Musikers Jens Thomas, mit dem Brandt schon vielfach zusammenarbeitete. Thomas spielt einen sehr zurückgelehnten, interessant staubigen Kammerpop. Oft akustisch, manchmal ambient, von Jazz und Folk gekitzelt. Die Songs sind Flächen, auf die behutsam Töne getupft werden, die alle Zeit der Welt haben, um wieder zu verhallen.

Gewissermaßen der Soundtrack zum Buch, aber einer, der auch für sich genommen sehr gut funktioniert.

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Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
playintime 12.09.2016
1.
Wenn das Buch so spannend, wie seine Sonntagskrimis sind, braucht man es erst gar nicht kaufen. Die Filme sind nämlich die langweiligsten unter allen Tatort und Polizeiruf 110 Streifen.
kenterziege 12.09.2016
2. Ich habe das Buch am Samstag gekauft und es gestern in ....
....unserem schönen Garten bei einigen kühlen Drinks gelesen. Einige Anekdoten sind wirklich köstlich. Mein schallendes Lachen drang über die hohen Büsche in den Nachbargarten.. Aber davon abgesehen: Manche Stellen lesen sich auch zäh. Da muss man immer wieder durch, bevor die nächste schöne Stelle kommt, wie zu dem abgebissenen Ohr eines (beamteteten?) Wachundes. Meine Amazon-Note: 4 von 5 Sternen.
jujo 12.09.2016
3. ....
Ich schätze Mathias Brandt sehr als Schauspieler. Er und seine Brüder haben u.a. mit H.Kohls Söhnen eines als Kinder von Spitzenpolitikern gemeinsam eine fast vaterlose besch... Kindheit. Vermutlich war sie in der Bonner Provinz noch viel erträglicher als es heute in Berlin ist
hman2 12.09.2016
4.
Zitat von playintimeWenn das Buch so spannend, wie seine Sonntagskrimis sind, braucht man es erst gar nicht kaufen. Die Filme sind nämlich die langweiligsten unter allen Tatort und Polizeiruf 110 Streifen.
Kann es sein, dass Sie Schauspieler und Drehbuchautor verwechseln?
sinasina 12.09.2016
5. Mathias Brandt : Neben Jürgen Vogel, Felix Klare, Armin Rhode und Wotan Wilke Möhring der Beste deutsche Schauspieler
Aufmerksam sind wir auf Mathias Brandt geworden, weil seine Darstellung von (oft) gebrochenen Persönlichkeiten sehr einfühlsam und eindrucksvoll ist, lange Zeit haben wir gar nicht gewusst, dass er der Sohn von Willy Brandt ist. Neben Jürgen Vogel, Felix Klare, Armin Rhode und Wotan Wilke Möhring der Beste deutsche Schauspieler. Wir jedenfalls freuen uns auf jeden Film, in dem Herr Brandt mitspielt.
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