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Comiczeichner Mawil: Der Schisser in uns

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Comics von Mawil: Aufregende Normalität Fotos
Mawil/ Reprodukt

Superhelden? Fehlanzeige. Statt von Megakräften erzählt der Zeichner Mawil lieber vom Leben als Normalo. So wurde er zum Bestseller-Autor der deutschen Graphic-Novel-Szene.

Als kleiner Junge in Ostberlin hat er sich nie vorstellen können, mal vom Zeichnen leben zu können. Doch mittlerweile gehört Mawil zu Deutschlands erfolgreichsten Vertretern seines Fachs. Und er sieht auch so aus, wie man sich einen Comic-Künstler vorstellt: strubbeliges Haar, Hipsterbrille, Bart. Zurückhaltend, fast schüchtern ist er außerdem, dahinter verbirgt sich ein feiner Humor und eine geniale Beobachtungsgabe für das Alltägliche.

Die kann man jetzt in seinem gerade erschienenen Sammelband "The Singles Collection" entdecken. Da beschreibt Mawil, was ihm im Leben so alles passiert, da erzählt er von Radtouren an die Ostsee, gescheiterten Lieben, dem täglichen Kampf mit dem Leben eben. Selbstironisch, knuffig und manchmal auch ein bisschen traurig sind diese Erlebnisse seines Comic-Alter-Egos.

Es ist das Bild eines Underdogs, das Mawil von sich entwirft, im Comic wie im echten Leben. Nur malt der Berliner seine Männchen nicht im Stillen für eine nerdige Zielgruppe, sondern trifft mit seinen Alltagsgeschichten den Nerv einer großen Leserschaft. Und das nicht nur in seinen sonntäglichen Comicstrips im Berliner "Tagesspiegel", sondern vor allem in seiner DDR-Kindheitserinnerung "Kinderland".

DDR auf dem Schulhof

Das halbautobiografische Buch, das im vergangenen Jahr erschien, dreht sich um den Schisser Mirko, den letzten Tag der DDR und ein hochspannendes "Tischtennisturnier des Todes", das sich über mehrere Seiten hinzieht. Das politische System ist nur in Nebensätzen zu entdecken. Dennoch schafft Mawil es, überraschend viel über die DDR in diesem Mikrokosmos Schulhof einzufangen.

"Kinderland" ist für Graphic-Novel-Verhältnisse ein echter Bestseller, der Reprodukt-Verlag leistete sich sogar eine limitierte Sonderedition mit Goldeinband, "der ein bisschen aussieht, wie die Marx- und Lenin-Sonderbände, die früher in jedem Regal standen", erzählt Mawil im persönlichen Gespräch.

Besonders erfreut zeigt er sich da, dass "Kinderland" auch bei einem großen Verlag in Frankreich erscheint, wo es eine weitaus bedeutendere Comic-Tradition gibt. Dort wurde er "wie ein richtiger Autor" edel zum Essen ausgeführt, sagt Mawil: "Auf dem Festival in Angoulême hab ich zum ersten Mal gesehen, dass man mit Comics richtig Geld verdienen kann".

Seit er acht ist, zeichnet Mawil, der eigentlich Markus Witzel heißt. Die "Mosaik"-Comics seiner Kindheit mag er noch heute. "Wenn mal ein Lucky Luke oder ein Asterix im Päckchen dabei war, war das natürlich auch toll", erinnert er sich. Zunächst bestand seine Leserschaft nur aus Freunden und Familie. Nach der Wende gab es dann Copyshops, so dass man die selbstkopierte Auflage auf 50 oder auch mal 500 Stück steigern konnte.

Beschreibung der DDR ohne Ostalgie

Inzwischen sind es ein paar mehr, aber die Graphic-Novel-Szene in Deutschland ist immer noch so klein und gemütlich, dass man es sich leisten kann, nett zueinander zu sein. "Wir freuen uns eher über den Erfolg der anderen, weil er wieder mehr Aufmerksamkeit auf das Genre lenkt", erzählt der Zeichner, der 2014 für "Kinderland" selbst den Max und Moritz-Preis erhielt. In Berlin gibt es einen Comic-Stammtisch, man trifft und kennt sich, besucht gegenseitig die Ausstellungen.

"Es ist schön, sich auszutauschen, weil der Alltag am Zeichentisch ja doch eher einsam ist", sagt Mawil. Mit dem Kollegen Flix, einem anderen Star der Szene, beriet er sich in der Entstehungszeit von "Kinderland", vor allem über die Konstruktion einer längeren Geschichte: "Es war erst einmal schwierig für mich, einen Spannungsbogen über 300 Seiten aufzubauen."

Dank seiner ersten Langerzählung wurde Mawil dann häufig in Schulen eingeladen. Sie kann dabei helfen, der Post-89er-Generation den Alltag in der DDR ganz ohne Ostalgie näher zu bringen. Ob bei Lesungen in West- oder Ostdeutschland, das Interesse ist vor allem bei denen groß, die selbst einen direkten Bezug zur DDR haben, berichtet Mawil.

Er war überrascht von dem positiven Feedback: "Ich hatte mit sehr viel mehr Kritik gerechnet - etwa, dass die Geschichte zu harmlos wäre." Ein Eindruck, der durch die konsequente Kinderperspektive entstehen könnte, die "Kinderland" beibehält und die bei vielen Lesern vertraute Gefühle hervorruft.

Authentizität ist ohnehin die große Qualität aller Mawil-Werke. "Ich will nur von etwas erzählen, das ich auch selbst erlebt habe", sagt er. Letztlich ist das Buch eine Mischform aus Autobiografischem und Fiktion geworden. Aber einfach ein beliebiges Thema zu suchen und dann eine Geschichte dazu zu erfinden, ist nicht seine Sache. Da ist Mawil ganz ehrlich: "Das hört sich zu sehr nach Arbeit an."

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
suelzer 16.11.2015
Der Schisser in mir sagt: die Comics sind Kacke. Da lob ich mir die alten Lucky Luke und Asterix. Oder besser nkch: Clever und Smart und Isnogud. Umpapah vielleicht auch noch.
2. ...
team_frusciante 16.11.2015
Das hab ich eigentlich schon befürchtet, dass der Spiegel nicht gerade das richtige Publikum für eine Comicrezension hat. Außer Asterix kennt und mag der Deutsche eh keine Comics (den aber dafür umso inniger).
3.
suelzer 16.11.2015
Doch. Ich mag auch Werner, U-Comix, die alten Fix und Foxi mit Lupo, Mickey Mouse, Mad. Werter Beitrag-2-Schreiber: "der Deutsche" mag alles mögliche. Der beschriebene Plattenbaucomic sieht für mich aus, als hätte ihn mein dreijähriges Patenkind gemalt.
4.
holueb 17.11.2015
Hallo Herr oder Frau kurwisyn, erst einmal ist der Comic im Beispiel nicht gemalt, sondern gezeichnet. Desweiteren verstehe ich auch nicht so richtig, was der Schisser in Ihnen hier überhaupt möchte. Ich gehe doch auch nicht als Madonna-Fan in einen Plattenladen, höre mir eine Björk-Platte an und frage mich dann, warum das nicht Madonna ist und warum mein Patenkind nicht hier im Plattenladen ausstellt.
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