Comicpreisträgerin Birgit Weyhe "Eine Art schwebende Heimat"

Die Comiczeichnerin Birgit Weyhe erzählt in ihrer Graphic Novel "Madgermanes" von Vertragsarbeitern, die aus Mosambik in die DDR kamen. Sie bekam dafür gerade den wichtigsten deutschen Comicpreis.

avant-verlag

Ein Interview von


Zur Person
  • Sabine Reinecke
    Birgit Weyhe, Jahrgang 1969, verbrachte ihre Kindheit in Ostafrika und kam erst mit 19 nach Deutschland zurück. In Hamburg, wo sie noch heute lebt, lernte sie bei Anke Feuchtenberger das Comiczeichnen. Ihre Graphic Novels wurden von der Kritik gefeiert, die neueste, "Madgermanes", beim Comic-Salon in Erlangen sogar mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Weyhe, viele wissen gar nicht, dass in der DDR Vertragsarbeiter aus Mosambik beschäftigt waren. Wie ist das für sie zu einem Thema für ein Comic-Buch geworden?

Birgit Weyhe: Als ich 2007 meinen Bruder in Mosambik besuchte, bin ich zufällig mit Atanasi, einem ehemaligen Vertragsarbeiter, ins Gespräch gekommen. Ich wusste bis dahin nur von Arbeitern aus Vietnam in der DDR. Bei meinem zweiten Besuch in Mosambik war Atanasi leider inzwischen verstorben. Er war alkoholabhängig und hatte nach seiner Rückkehr nie wieder so recht Wurzeln schlagen können. Dieser Umstand ließ mich auf die Suche nach anderen ehemaligen Vertragsarbeitern gehen. Um zu sehen, ob es ihnen ähnlich ergangen war, und um die Idee für ein Buch entstehen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Interviewpartner, aus deren Geschichten sie die Protagonisten ihres Buches entwickelt haben, überhaupt gefunden? Sind die "Madgermanes", wie die Vertragsarbeiter in Mosambik genannt wurden, untereinander noch immer eng vernetzt?

Weyhe: Ja, die "Madgermanes" in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo treffen sich wöchentlich. Sie demonstrieren auch nach wie vor regelmäßig, um auf ihre ausgebliebenen Geldzahlungen aus der DDR-Zeit hinzuweisen. Vor vier Wochen haben ich ihnen das Buch vorgestellt. Bei der Einladung waren sie zunächst sehr ungehalten. Sie regten sich darüber auf, dass immer wieder Journalisten auftauchen, sich ihre Geschichte anhören, es für sie aber keinerlei Konsequenzen hat. Aber nach der Buchvorstellung wurde mir mehrheitlich versichert, ich hätte die Ereignisse treffend geschildert. Einige waren sehr gerührt, mit diesem Teil ihrer Biografie so konfrontiert zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Im Buch geht es zentral um einen Heimatbegriff. Was bedeutet für Sie selbst "Heimat"?

Weyhe: Ich bin erst mit 19 nach Deutschland gekommen, nachdem ich in Uganda und Kenia aufgewachsen bin. Es hat lange gedauert, bis ich mich hier zurecht gefunden habe, und ich fand die deutsche Gesellschaft nicht sonderlich offen, trotz derselben Sprache und Hautfarbe. Heimat und kulturelle Identität sind bis heute für mich ein zentrales Thema. Daher haben mich viele der Erzählungen meiner Interviewpartner an eigene Erfahrungen erinnert. Ich weiß nicht genau, was Heimat für mich bedeutet. Es ist eine Mischung aus Sinneswahrnehmungen aus der Kindheit, aus Gerüchen und Farben und Geschichten. Wenn ich an die Orte meiner Kindheit komme, fühle ich mich angekommen in einer Art Heimat. Es gibt aber auch eine sprachliche und kulturelle Heimat. Diese ist hier in Deutschland. Die beiden passen in meinem Fall nicht zusammen, das erzeugt eine Art frei schwebende Heimat, ohne konkrete Zugehörigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eine Art universelles Erlebnis, das mehrere Ihrer Interviewpartner teilen?

Weyhe: Die Zerrissenheit. Man taucht in eine andere Kultur ein und wird dadurch zwangsläufig verändert. Vor allem aber betrachtet man sein eigenes Land und die eigene Kultur plötzlich von außen mit einem anderen Blick. Das lässt sich nicht einfach rückgängig machen bei der Heimkehr. Ansonsten waren die Abläufe sehr ähnlich - Wohnheim, Deutschkurs, Facharbeiter. Und natürlich der Schock, wenn die Ankunft im Winter lag, dieses Erlebnis haben einige sehr eindrücklich beschrieben. Mir ist die Abtreibungsgeschichte sehr nahe gegangen, die ihren Weg auch ins Buch gefunden hat. Einige andere erzählte Erfahrungen, die mich sehr berührt haben, habe ich gar nicht verwendet, weil sie zu privat waren.

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SPIEGEL ONLINE: "Madgermanes" beschreibt auch die Geschichte einer missglückten Integration. Was könnte man aus den Erfahrungen der Vergangenheit für die heutige Integrationspolitik mitnehmen?

Weyhe: Ich habe einen bestimmten Aspekt einer bestimmten Zeit bearbeitet und dazu recherchiert. Ich bin also nicht die Expertin in Sachen Integration. Grundsätzlich halte ich nichts davon, MigrantInnen vom Rest der Gesellschaft zu isolieren, etwa durch abgelegene Wohnheime oder Siedlungen auf der grünen Wiese. Damit werden nur Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten geschürt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man die heutige politische Lage betrachtet, insbesondere den Alltagsrassismus in Ostdeutschland, sehen Sie dort einen Bezug zur DDR-Historie, wie sie in Ihrem Buch geschildert wird?

Weyhe: Das hängt sicher alles zusammen. Je weniger man an andere Kulturen, Religionen und Identitäten gewöhnt ist, desto größer sind die Ängste und Vorurteile. Aber ich finde es viel zu einfach, die Entwicklung nur darauf zu reduzieren. Pegida und AfD sind kein rein ostdeutsches Phänomen. Außerdem finde ich es sehr schade, wenn das Buch nur auf diesen Aspekt herunter gekürzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Arbeit an diesem Buch Ihren Blick auf das heutige Deutschland verändert?

Weyhe: Die Entwicklungen im letzten Jahr habe ich sicher intensiver wahrgenommen, da ich mich ja in der Arbeit an "Madgermanes" recht ausführlich mit Fremdheit, Heimat und kultureller Identität auseinandergesetzt habe. Mich hat vor allem die Offenheit und Bereitschaft zur Hilfe in großen Teilen der Bevölkerung sehr angenehm überrascht, als letzten Sommer plötzlich die Grenzen geöffnet wurden. Das andere, dumpfe Deutschland hat es ja auch davor schon gegeben, es wird nur wieder stärker sichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist eine Auszeichnung wie der Max-und-Moritz-Preis für Sie?

Weyhe: Sehr wichtig, denn es ist die höchste Auszeichnung in unserem Genre. Es bedeutet, über einen eher kleinen Kreis von Comic-affinen Menschen hinaus wahrgenommen zu werden. Für mich ist es wie ein Ritterschlag und ich freue mich sehr darüber!

SPIEGEL ONLINE: Es gab beim größten europäischen Comicfestival in Angoulême viel Diskussion um die Männer-dominierte Comicszene. Jetzt haben mit Barbara Yelin und Ihnen zwei Frauen die wichtigsten Preise in Deutschland gewonnen. Wie sehen Sie die Szene hier in dieser Hinsicht?

Weyhe: Und Katharina Greve hat auch noch gewonnen! Zudem sind in den letzten Jahren als "beste deutscher Zeichner"(!) Anke Feuchtenberger, Isabel Kreitz und Ulli Lust ausgezeichnet worden. Insofern kann es um die deutsche Szene in dieser Hinsicht nicht so schlecht bestellt sein! Angoulême hat mich sehr verärgert, denn es hat die Situation einfach nicht gerecht wiedergegeben. Es gibt so viele gute Frauen in dieser Szene, und zwar international.

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