Organspende Mein Herz, die Blackbox

Der menschliche Körper, nur eine Handvoll verwertbarer Organe? Maylis de Kerangal nimmt sich in "Die Lebenden reparieren" des heiklen Themas der Organtransplantation an - mit bisweilen brutalem Blick fürs Detail.

Von Dana Buchzik

"Die Lebenden reparieren": Was Organspende heute leisten kann
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"Die Lebenden reparieren": Was Organspende heute leisten kann


Simons Herz wird jemanden retten, den er nicht kennt. Seine Eltern wollen an einen Irrtum, eine Verwechslung glauben, wollen nicht wahrhaben, dass ihr Sohn, der mit rosigen Wangen im Krankenbett liegt, ein Toter ist. Ein Körper ohne Bewusstsein, der von Maschinen beatmet wird.

Der Stationsarzt aber weiß, dass ein hirntoter Körper schnell verfällt und dass die Entscheidung, ob Simons Organe zu Transplantationszwecken entnommen werden dürfen, sofort gefällt werden muss: "Man muss da durch, durch die Brutalität dieser Sätze, die Parolen auf Spruchbändern gleichen, mit ihrer schweren Ladung, ihrer erdrückenden Wucht."

Vor Sonnenaufgang hatte sich Simon aus dem Haus gestohlen, um mit Freunden ans Meer zu fahren, um auf dem Surfbrett im eiskalten Wasser nach der perfekten Welle zu suchen. Im ersten Tageslicht macht er sich dann wieder auf den Heimweg: erschöpft, glücklich, unangeschnallt. Sein Freund verliert die Kontrolle über den Wagen, Simon kracht mit dem Schädel gegen die Windschutzscheibe. Als man ihn aus dem Wrack zieht, schlägt sein Herz noch, der Hirntod aber ist bereits eingetreten.

Poesie, die sich mit Maschinen befasst

Diesen Zustand definierten die Neurologen Maurice Goulon und Pierre Mollaret 1959 als "coma dépassé": irreversibles Koma. "Mit anderen Worten, wenn ich nicht mehr denke, dann bin ich nicht mehr", rekapituliert der Stationsarzt, "Absetzung des Herzens und Inthronisation des Gehirns - ein symbolischer Staatsstreich, eine Revolution." Das Herz wurde in der Romantik noch metaphorisch gegen die Maschinen ins Feld geführt; heute befasst die Poesie sich mit Maschinen, entsteht am Computer - und auch das Herz ist manchmal auf Maschinen angewiesen.

Der Protagonist in Maylis de Kerangals vorangegangenem Roman, "Die Brücke von Coca", war ein Bauwerk; der Protagonist im neuen Roman der französischen Schriftstellerin ist ein menschliches Herz. Und wie auch sein Vorgänger steht "Die Lebenden reparieren" in Balzac'scher Erzähltradition: Die 47-jährige Autorin nähert sich ihrem Thema, indem sie ein beispielhaftes Szenario entwirft und einen Erzähler installiert, der erst großzügig sein Wissen preisgibt und den Leser in Sicherheit wiegt, um dann unvermittelt aus der allwissenden Perspektive zu kippen und aus Sicht der Figuren zu erzählen, die den Transplantationsprozess mit Leben füllen.

Sei es der kauzige Stationsarzt, dem sein heimisches Bett nur "als Abstellfläche für seine Plattensammlung - alles von Bob Dylan und Neil Young -, Papierberge und lange Blumenkästen dient, die seine botanischen Experimente mit psychotropen Pflanzen enthalten". Sei es die Intensivpflegekraft, die ihre Pause dafür nutzt, stolz ihre Knutschflecken am Hals qua Photobooth zu dokumentieren. Sei es der Herzchirurg - "Arme eines Catchers und Finger einer Spitzenklöpplerin" -, der nach einem erfolgreichen Eingriff kein Lob hören, sondern nur die aktuellen Fußballergebnisse wissen will. Sei es der Pfleger und Amateursänger, der auch in unpassendsten Momenten Arien anstimmt und sein Erbe für einen seltenen Singvogel verprasst hat: Kerangal fächert mit sicherer Hand zahllose Binnenwelten auf, die verhindern, dass dieser Roman je langweilig oder auch nur vorhersehbar wäre.

"Die Blackbox eines zwanzigjährigen Körpers"

Nicht zuletzt ist "Die Lebenden reparieren" hervorragend recherchiert und erklärt, bisweilen brutal detailreich, wie ein Hirntod festgestellt wird, wie gesetzliche Widerspruchsregelungen und Mitsprachemöglichkeiten von Angehörigen aussehen und wie eine Organverpflanzung abläuft. Man möchte diesen Roman allen empfehlen, die aus Angst, von korrumpierten Ärzten vorschnell für tot erklärt und auf eine Handvoll verwertbarer Innereien reduziert zu werden, das Thema Organspende bislang ignoriert haben.

Der Titel übrigens ist Anton Tschechows Stück "Platonow" entnommen: "Die Toten begraben und die Lebenden reparieren", empfiehlt hier der junge Arzt Trilezki trocken - Kerangal fasst mit diesen Worten des späten 19. Jahrhunderts zusammen, was Organspende heute leisten kann.

Simons Herz, die "Blackbox eines zwanzigjährigen Körpers", ist gefüllt mit zwei Jahrzehnten Freude und Traurigkeit: Eine im Elektrokardiogramm aufscheinende Verlaufskurve, die im Leben eines anderen fortgesetzt werden wird. Am Ende dieses eindrucksvollen Romans hat man ein ganzes Leben gelebt - und ein neues begonnen.

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insgesamt 9 Beiträge
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eigene_meinung 06.05.2015
1. Gerichtsurteil
Wer spendet nach dem heutigen Gerichtsurteil denn noch Organe?
al3x4nd3r 06.05.2015
2.
Wo bleibt eigentlich der Skandal, dass sich Kranke in armen Ländern einfach eine Niere oder Lunge kaufen?
silverfish 06.05.2015
3.
Zitat von eigene_meinungWer spendet nach dem heutigen Gerichtsurteil denn noch Organe?
Als ob keine Organe zu spenden irgendjemandem helfen würde...
gympanse 06.05.2015
4.
Natürlich wollen immer alle möglichst jedes Leben retten, das macht uns ja menschlich und unterscheidet uns von den Tieren. Vor allem wenn man selbst betroffen ist oder jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis. Im Endeffekt ist es aber genauso ein Eingriff in die Natur wie die Todesstrafe, die viele unschuldige Opfer zu beklagen hat. Und nein ich bin nicht Religiös. Wenn ich sterben muss, weil meine Organe versagen, dann ist dem halt so.
dborrmann 06.05.2015
5. @silverfish
Ihre Meinung ist ausgesprochen konventionell und materialistisch. Sie geht davon aus, dass eine Organspende die freiwillige und altruistische Abgabe eines Organs ist. Dem ist nicht so. Das Wort selbst ist bereits ein ungeheurer Euphemismus. Hier wird nicht ein Organ gespendet sondern entnommen um den Preis der Tötung des gebenden Individuums. Die wackelige Hilfskonstruktion "Hirntod" macht dies erst möglich. Die Reduktion menschlichen Daseins auf eine funktionierende Großhirnrinde stellt nichts als eine monistische, materialistische Haltung dar. Sie ist nichts anderes als ein Ausdruck von Hybris des Machbaren und negiert einen holistischen Blick auf das Lebewesen.
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