Generationenroman von Jens Steiner Liebe im Schatten des Presscontainers

Jens Steiners neuer Roman "Mein Leben als Hoffnungsträger" spielt auf dem Recyclinghof - und kreist um den ewigen Kampf mit den eigenen Ambitionen.

Zwischen Pausenbaracke und Altölsammelstelle (Symbolbild)
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Zwischen Pausenbaracke und Altölsammelstelle (Symbolbild)


Jede Trennung ist schwer, auch die von einer Tüte Anstecknadeln. Die Dame, die jene eigentlich dem beständigen Fluss aus Tod und Wiedergeburt des Stofflichen zuführen möchte, bricht zusammen, zittert, eine Träne läuft über ihr Gesicht. "Ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht." Das sind ihre Worte, und derlei Trennungsschmerz kommt auf einem Recyclinghof häufiger vor.

Vorhang auf für Philipp, Arturo, João und Uwe. Helden in Orange. Sie wissen, was zu tun ist. Ein Glas Wasser gegen die drohende Ohnmacht. Und das Versprechen, die Buttons zu sortieren. Sponti-Sprüche, Polit-Slogans, Acid-Smileys, vor der endgültigen Entsorgung gehen sie noch einmal durch liebende Hände. Werden sie überhaupt entsorgt? Oder doch einer neuen Bestimmung, einem neuen Besitz zugeführt, so wie die Tischpizzaöfen, die alten Fahrradsattel, das Modellflugzeug oder die angeblich dänischen Designerlampen? Dieses Detail bleibt angenehm unklar.

Kammerspiel für vier Figuren

Jens Steiner schrieb in den letzten Jahren einige viel beachtete Romane, von denen "Carambole" der beste war, ein Erzählbogen in elf Teilen, der vom dörflichen Leben berichtete und von spannenden Ereignislosigkeiten. Der Zürcher erhielt für das Buch den Schweizer Buchpreis und eine Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises. "Carambole" kreiste ohne Eile, zeichnete seine Charaktere prägnant und mit Raum für Fantasie.

Autor Jens Steiner
Anikka Bauer

Autor Jens Steiner

Genau hier schließt "Mein Leben als Hoffnungsträger" an. Der Verlag selbst spricht von einem "Kammerspiel für vier Figuren", was die Ausgangsposition des Buchs beschreiben mag - mit Philipp, dem Protagonisten und Hoffnungsträger, Uwe, dem Chef und Mentor sowie Arturo und João, den beiden portugiesischen Arbeitern. Aber Steiner öffnet diese geschlossene Gesellschaft rasch. Lässt andere eintreten in die kleine Geschichte zwischen Presscontainer, Pausenbaracke und Altölsammelstelle.

Was draußen zu bleiben hat, ist die Realität im tagespolitischen Sinne. Philipp ist einer, der ohne diese Last operiert. Das Böse der Welt ist nur Bestandteil einiger Rückblenden auf die wenig ereignisreiche Kindheit: "Die jugoslawische Armee belagerte die Stadt Dubrovnik, indonesische Soldaten massakrierten in Osttimor 271 Menschen, Amerika befreite Kuwait von der irakischen Besatzung. Ich selber zählte Kindergeld ab und bekleckerte sämtliche Fenster unserer Dreizimmerwohnung mit Fingerfarbe."

Die Eltern sind keine Feindbilder, an denen man sich reiben könnte, sondern "Gutmeiner", sie nicken die zögerlichen Entwicklungsstufen des Sohnes wohlwollend ab. Der scheitert an einer Mechatronikerausbildung, nicht aufgrund mangelnden Talents - eher sind es äußere Umstände, die ihm zusetzen. Also wird er einer von denen, die auf dem Bürgersteig immer lächelnd Mitgliedschaften in karitativen Organisationen an den Mann bringen, vor allem aber einer, der beständig Käfer und Staniolpapier sammelnd seine Kreise zieht, die ihn irgendwann an den Rand des Recyclinghofes führen. Der saugt ihn schließlich ein.

Das Schicksal: ein großer Hobel

Wer schon einmal auf einem Recyclinghof etwas abgegeben hat, und sei es nur einen alten Weihnachtsbaum, der weiß um das Potenzial eines solchen Ortes. Steiner schnitzt daraus eine reduzierte, aber bildgewaltige Kulisse an der Peripherie der Großstadt, in der sein Ensemble nicht ohne Wahn agiert, aber ein köstliches Gleichgewicht hält. Die beiden portugiesischen Arbeiter mit ihrem italienischen Sportwagen, die nebenbei ein Kleingewerbe betreiben, das mit seinem scheinbar absehbaren Scheitern den Roman für einige Seiten Richtung Kriminalroman schiebt, und die so gerne vom Schicksal sprechen, das für sie ein großer Hobel ist.

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Jens Steiner:
Mein Leben als Hoffnungsträger

Arche Verlag; 192 Seiten; 18 Euro

Uwe, der Chef, der mit den Straßenbahnern an der Wendeschleife schwätzt und seine Puppen unter dem Tisch heimlich Szenen aus dem Musical "Cats" nachspielen lässt. Und eben Philipp, ein im besten Sinne Suchender, der trotz aller Widerborstigkeit schließlich finden wird; einen alten Freund, eine neue Liebe und einen Beruf, der tatsächlich Sinn ergibt. "Am Ende sind wir alle ein einziger Brei. Und weil wir sowieso nichts dagegen tun können, sollten wir uns davon die Laune nicht verderben lassen", sind seine Worte.

Diese bedingungslose, ja demütige Kapitulation vor dem Glück verleiht "Mein Leben als Hoffnungsträger" eine Zugänglichkeit, die man als Leser nicht unbedingt erwartet hätte. Gerade im letzten Kapitel führt das zu einer Jugendbuchhaftigkeit, die kurz irritiert. Dass das Buch dabei nicht in Unwucht gerät, liegt daran, dass Steiner seine Sätze so fein ausformuliert, dass sie schon über die Form funktionieren - und daran, dass man seinen schillernden Fantasien nur allzu gerne folgt.

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