Melancholie in der Literatur So süß kann Traurigkeit sein

In der Krise rettet sich die Gegenwartsliteratur in die Melancholie. Und der Blick durch die Brille der Schwermut spendet Trost, das beweisen diese drei Bücher.

Die Schwermut kann den Schwermütigen mit Geborgenheit umfangen
Corbis

Die Schwermut kann den Schwermütigen mit Geborgenheit umfangen

Ein Essay von Björn Hayer


In seinem Essayband "Unglücklich sein" (2012) sagt Wilhelm Schmid eine "kommende Epoche der Melancholie" voraus. Die Überforderungsgesellschaft scheint offenbar am Abgrund angelangt zu sein. "Burnout" und fehlende Visionen sind zur Signatur der Gegenwart geworden. Der Philosoph, dessen Streitschrift sich vor allem gegen die "drohende Diktatur des Glücks" der freudenbeschwipsten Ratgeberliteratur der letzten Jahre wendet, sieht in dieser Atmosphäre des Traurigkeit allerdings keineswegs nur Aporie.

Im Gegenteil: Wie schon die Romantiker wussten, liegen in dem dunklen Temperament Verzweiflung und Genialität nah beieinander. Und auch die zeitgenössische Literatur entdeckt mitunter die produktive Qualität des in sich gekehrten Dauergrüblers wieder. Sein zirkuläres Herumsinnieren weist in teils unbekannte, nicht minder hellsichtige Denkräume. Am Anfang steht jedoch zumeist ein tiefer Abgrund.

"Kein Glück im Schattenriss der / Katastrophe, kein Glück", heißt es in Silke Scheuermanns Gedicht "Floras Lied" ("Skizzen vom Gras", 2014). Von Kriegen und von Seuchen ist die Rede, vom Ungenügen des Menschen am Paradies, vom unstillbaren Drang nach Wachstum und Fortschritt. Um sich ihm zu entziehen, übt sich das lyrische Ich in Weltabstinenz: "Mir ist diese Schwäche / für Schutzräume eigen, / Rückzüge, Gärten," da "die Möglichkeiten innerhalb / Mauern unendlich erscheinen" - dieses Paradox mag nicht nur Ausweis der prinzipiellen Zerrissenheit des Schwermütigen sein, vielmehr liegt darin das kreative Potenzial der Traurigkeit. Gerade weil der Melancholiker das Leid der Welt vor Augen hat, gerade weil sich sein Zweifeln wie ein Bohrer durch die dichte Dunkelheit fräßt, weiß er um die Alternative. Er erdenkt eine bessere Welt, die in Scheuermanns epochalem Lyrikband "Skizzen vom Gras" im prophetischen Bild einer "zweiten Schöpfung" offenbar wird.

Melancholie als Gabe höchster Sensibilität

Ähnlich verhält es sich mit Marion Poschmanns just für den Leipziger Buchpreis nominiertem Band "Geliehene Landschaften". Schlichtweg alles ist in dessen magischen Gedichten in Auflösung: Wäsche verblüht, Wälder verlieren ihre materielle Grundlage und gehen in Schaum über. Das "Heimweh nach Eden", der inwendige Blues über die unauslotbare Frage nach der Raison d'Être, die besondere Wahrnehmung für Finsternis und Tragik zeugen von der Gabe höchster Sensibilität, welcher dem Melancholiker zueigen ist. Wie auch Jan Wagners oder in Teilen Nadja Küchenmeisters poetische Miniaturen sind Poschmanns Gedichte ebenso als Reflexionsstücke über die ökologische Krise und Denaturierung zu lesen. Verlieren Landschaften ihre Konturen, gilt dies auch für Gedankenräume, die beweglich werden: "Sei der Traum und die Realität, / sei utopisches Potenzial!" - was als Traurigkeit beginnt, vermag bei Poschmann gar ins Utopische umzuschlagen.

Marion Poschmann ist für den Leipziger Buchmessenpreis nominiert
Heike Steinweg

Marion Poschmann ist für den Leipziger Buchmessenpreis nominiert

"Komm, Königin erhabner weiser Gedanken, / Du Schwester ernster Phantasie" besang einst der Dichter Johann Jakob Guoth die Wächterin der Traurigkeit, die er trotz ihrer bisweilen zersetzenden Kraft als Muse huldigte: "Und Freude soll nicht meine Saiten beleben. - / Mein Lied bist du, Melancholie". Und selbst Friedrich Nietzsche, der sich in seinem gleichnamigen Text "An die Melancholie" über hundert Jahre danach noch gegen die Herrin dunkler Gedanken wendet, muss am Ende zugeben: "Die Tinte fleußt, die spitze Feder sprüht - / Nun Göttin, Göttin lass mich - lass mich schalten!" Derartig beschworene Fluchtbewegungen gen Innerlichkeit haben eine ganz eigene Motiv- und Kulturgeschichte begründet, die nicht nur die Melancholielyrik, sondern ebenso Musik und Kunst - man denke etwa an Rodins "Der Denker" oder Dürers "Melencolia I" - einschließt.

Renaissance des Refugiums in der Literatur

Obgleich die Prosa der letzten Jahre weniger die kreative Anlage der Melancholie zum Blühen brachte, also sich weniger in poetologischen Formspielen erging, greift sie das von Aristoteles mit schwarzem Gallensaft assoziierte Temperament vielschichtig auf und zeigt noch stärker dessen gesellschaftliche Relevanz in einer Zeit, die ihren inneren Zusammenhalt längst aufgegeben hat. Wohingegen in der realen Welt ein Ausnahmezustand auf den nächsten folgt und das soziale Leben gefühlt jeden zweiten Tag kurz vor dem Untergang steht, beobachten wir in der Literatur eine Renaissance des Refugiums.

  • Eugen Ruge lässt den vom städtischen Treiben überforderten Protagonisten seines Romans "Cabo de Gata" (2013) in einen geradezu gespenstischen Meeresort in Südostspanien reisen, wo ihm zwischen Wellengang, Salzgruben und einer magische Katze eine späte Selbsteinkehr zuteilwird.
  • Marion Poschmann, der weibliche Orpheus unter den zeitgenössischen Autoren, wählt in ihrer "Sonnenposition" (2013) ein zu einer Anstalt umfunktioniertes Barockschloss zum zentralen Punkt ihrer Handlung. Wie ein Kokon schließt es seine vom Alltag gebeutelten, depressiven Patienten ein.
  • Noch kabinettartiger mutet Saskia Hennig von Langes lakonisches Werk "Alles, was draußen ist" (2013) an: Gegen das "Verlorensein im Dasein" sammelt der Held dieses Textes allerhand morbide Gegenstände, mit denen er die Zeit innerhalb der eigenen vier Wände verbringt.

Dasein ist Poesie voll und ganz

Die traurige Versenkung in das Ich, die Beschränkung auf den kleinsten Raum in diesen Büchern wirkt wie ein Therapeutikum. Auf das Jammertal der Tränen folgt die Stille. Auch der Psychologe Arnold Retzer konstatiert in seinem Buch "Miese Stimmung" (2012), das sich ähnlich wie Wilhelm Schmids Essay gegen die Lachsack-Glückseuphorie à la Hirschhausen wendet: "Der Weg durch die Angst hindurch, nicht der Weg von der Angst weg, ist der Weg der Kreativität."

Ganz im romantischen Sinne liegt in der Kontemplation ein viel zitiertes Heilsversprechen gegen Beschleunigung und Krisenüberforderung. Hinzu kommt die Aufwertung der Erinnerung. Indem der sich im steten Selbstgespräch befindliche und todkranke Solitär aus "Alles, was draußen ist" alle möglichen Dinge - angefangen von plastinierten Leichen über eigelegte Organen - konserviert, sucht er dem dynamischen Leben mit der Haltung des Bewahrens zu begegnen.

Nichts soll zerrinnen, nichts in der Bedeutungslosigkeit versanden. Wer etwa die späten Werke der Wiener Avantgardistin Friederike Mayröcker liest, worin Vergänglichkeit und Tod einen immer größeren Raum einnehmen, wird ähnliches bemerken. Das Melancholischsein und das daraus resultierende Schreiben, das die Autorin unentwegt in ihren luziden Bewusstseinsströmen und Suaden thematisiert, gehen mit dem Impuls festhalten zu wollen einher. Dies läuft zumindest im Fall von Mayröcker auf eine so liebevolle wie radikale Gleichung hinaus: Dasein ist Poesie voll und ganz. Es gibt keine Existenz außerhalb der Sprache. Sie legt sich samt der Schwermut um Zeit und Raum.

Einer der berühmtesten Schwermütigen der Historie: Rodins "Denker"
imago

Einer der berühmtesten Schwermütigen der Historie: Rodins "Denker"

Die schönste und wahrste Medizin

Die Welt durch die Brille der Schwermut zu sehen, kann also Trost spenden und die oftmals unbezwingbar scheinende Realität in neuem Licht zeigen. Gerade weil sich die Schwermut oder die aus ihr entstehenden Gedankenprozesse jedweder ökonomischen Verwertbarkeit entziehen, schafft die Melancholie in der Literatur einen zweckfreien Möglichkeitsraum.

Eine Gesellschaft, die Traurigkeit in Zeiten von Optimierungswahn und Glücksrittertum als Wert zu schätzen lernt, wird darin neue Umgangsformen mit Krisen und Missständen erlernen. Sowohl eine ausgeprägtere Gelassenheit und Fähigkeit zur Akzeptanz als auch das Denken in Alternativen begünstigen einen besonnen Blick auf die Welt.

Die vehemente Besinnung auf die Innerlichkeit bietet uns nicht nur Schutz und Halt in allzu bewegten Zeiten, sondern ringt um eine Sprache, die jenen Momenten, die in uns Unbehagen oder Angst hervorrufen, eine Form verleiht - oder um es lyrisch mit Stefan George zu sagen: "Suche und trage / Und über das leid / Siege das lied!" Beflügelnd klingt dieser Appell, geradezu heilsam. Und was kann Melancholie schon mehr leisten als die schönste und wahrste Medizin überhaupt zu sein?

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insgesamt 3 Beiträge
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Björn Borg 13.03.2016
1. Legasthenie?
Rechtschreibung, Grammatik, Aufbau und Stil dieses Artikels über Literatur (!) sind eine Katastrophe!
Newspeak 14.03.2016
2. ...
Sehr vieles in dem Beitrag ist wahr und gut. Aber dennoch wird mir hier ein wenig zu sehr mit den "Vorzügen" der Armut, der Ungleichheit, der sozialen Ausgrenzung kokettiert. Es mag ja sein, daß derlei existentielle Notlagen in einer verstärkten Sinnlichkeit und Kreativität enden können. Es stimmt ganz sicher, das kenne ich aus eigener Erfahrung, daß eine Sensibilisierung der Wahrnehmung und eine Schärfung der Sinne, auch eine Stärkung der Einordnung des Erlebten stattfindet. Aber das flaue Gefühl im Magen, wenn man nicht weiß, ob man nächsten Monat noch die Miete bezahlen kann oder ob man im Alter eine Rente bekommt und nicht auch Flaschen sammeln gehen muß, das ist nicht aufregend, das ist schrecklich. Mag sein, daß mancher Künstler daraus Ideen schöpft, mag sein, daß der Menschheit am Ende ein Kunstwerk entstanden ist, daß sonst nicht entstanden wäre. Aber der Mensch dahinter, der ist beschädigt, dessen Leiden ist echtes Leiden, nicht etwas, woran man sich intellektuell "wärmen" kann, wenn es einem selbst gut geht.
müllers 14.03.2016
3.
"Gerade weil der Melancholiker das Leid der Welt vor Augen hat, gerade weil sich sein Zweifeln wie ein Bohrer durch die dichte Dunkelheit fräßt, weiß er um die Alternative." Das Zweifeln fräst? Wie ein Bohrer? Also, zunächst schreibt sich "fräsen" nicht mit mit ß! Aber gut, geschenkt. Etwas mehr stört das substantivierten Verbs, das ja selbst schon ein Vorgang darstellt, der zeitgleich passiert - das Zweifeln eben –und in der Dopplung eines weiteren Vorgangs, dem Fräsen etwas überbeschäftigt wirkt. Besser wäre es von dem Zweifel zu sprechen, einem selbstständigen Substantiv, also: "Der Zweifel fräst sich wie ein Bohrer". Aber trotzt dieser grammatischen Gleichstellung von "Der Zweifel" und "Der Bohrer" als zwei gleichwertige Substantive stellt sich doch ein Zweifel über die Trefflichkeit dieser Analogie ein, weil, erstens man sich unter dem Bohren einen doch eher doch entschlossene, eher von Zweifeln befreite Tätigkeit vorstellt, und der Bohrer ja auch nur bohren kann, und nicht etwa fräsen, auch nicht mit ß!. Zum Fräsen braucht es, wie man bei Wikipedia mühelos nachschlagen kann, bestimmte Fräswerkzeuge, die nicht mittels bohrenden, sondern rotierenden Bewegungen Schichten an Material abtragen. Denkte man sich den Bohrer weg, wäre der Vergleich von Zweifeln und Fräsen also gar nicht mal schlecht. Ich würde mir allerdings bei solchen bohrenden oder herumfräsenden Artikel eine eher handwerklich und werkzeuglich größere Sorgfalt wünschen, statt mit Klischees über einen Seelenzustand voll salbadert zu werden, der für den Betroffenen nach Freud den Verlust der Liebesfähigkeit, die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls bedeutet, und der mittels mit der geisteswissenschaftlichen Zitatenpflügmaschine (sic!) die Idealisierung nicht verdient.
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