Mexikanische Enthüllungsjournalistin "Der Kokainhandel in deutschen Gewässern ist bestens organisiert"

Mexiko ist das weltweit gefährlichste Land für Medienschaffende. Enthüllungsjournalistin Ana Lilia Pérez erklärt, wie sich dort Gewalt und Selbstzensur verschränken und welche Rolle die Drogenkartelle spielen.

Klaus Ehringfeld

Ein Interview von , Mexiko-Stadt


Zur Person
  • Ana Lilia Pérez ist mit gerade mal 38 Jahren die profilierteste mexikanische Enthüllungsjournalistin. Sie hat in mehreren Büchern über die Verquickung von Mafia, Staatsunternehmen und Regierung berichtet. Ihre Recherchen zur Unterwanderung des staatlichen Ölmonopolisten Pemex durch die Kartelle haben ihr Klagen, Drohungen, Angriffe und Einschüchterungsversuche aller Art eingebacht. Pérez ging 2012 für zwei Jahre ins Exil nach Deutschland. In ihrem neusten Buch beschäftigt sie sich mit Mexikos Militär, einer Institution, auf die in diesen Tagen im Zusammenhang mit dem Verschwinden der 43 Studenten von Ayotzinapa ein langer Schatten fällt. In Deutschland ist gerade ihr Werk "Kokainmeere. Die Wege des weltweiten Drogenhandels" erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Pérez, am Dienstag ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Für Mexiko ist das ein bitterer Tag. Fünf Journalisten sind in diesem Jahr getötet worden. Damit ist das Land 2016 das gefährlichste Land für Medienschaffende weltweit. Warum ist das so?

Pérez: Es hat vor allem einen Grund: die Straflosigkeit. Hier weißt du, dass du einen Reporter töten kannst, der dich nervt, ohne dass etwas passiert. Die mexikanische Regierung hat zwar einen Mechanismus zum Schutz von Journalisten geschaffen. Aber das ist nur Aktionismus. In Wahrheit passiert nichts. Mexiko hat am Dienstag nichts zu feiern.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Medienschaffenden mit dieser Realität um?

Pérez: Viele Kollegen üben sich in Selbstzensur. Andere lassen sich bezahlen, um bestimmte Dinge nicht zu schreiben. Auch die Medien selbst sind betroffen und berichten zum Beispiel nicht über Korruption in der Regierung oder Staatsbetrieben. Dabei geht es auch um ökonomische Interessen. Viele Zeitungen, Radios und TV-Anstalten leben von staatlicher Werbung.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit Jahren selbst Opfer von Drohungen und Anfeindungen jeglicher Art. Ist es die Mafia, die Sie einschüchtern will?

Pérez: Lange hieß es, der größte Feind der Pressefreiheit in Mexiko sei das organisierte Verbrechen. Aber das ist ein Mythos, hinter dem sich die Regierung versteckt. Es hat sich gezeigt, dass die meisten Aggressionen gegen Reporter von staatlichen Funktionären verübt werden, die zum Teil mit dem organisierten Verbrechen verwoben sind. Ganz oft sind lokale Polizisten die Täter, die Drahtzieher sind aber Hintermänner in Amtsstuben. In meinem Fall waren es Regierungsvertreter und Mitarbeiter von Staatsunternehmen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Kokainmeere" geht es um die Verwicklung von organisiertem Verbrechen, Staat und Unternehmern.

Pérez: Der Drogenhandel ist ein lukratives Geschäft mit exorbitanten Gewinnspannen. Das lockt viele. Zudem sind Ozeane und Häfen in gewisser Weise rechtsfreie Räume. Hafenmeister und Zollbeamte werden bestochen. Aber auch Schiffseigner und Frachtunternehmen stecken mit in dem Geschäft. In jedem Hafen der Welt hat das organisierte Verbrechen mindestens einen Fuß.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Seehandel für das Drogengeschäft?

Pérez: 90 Prozent des globalen Warenaustauschs wickeln heute Schiffe aller Art über die Weltmeere ab. Aber die Kontrollen dafür sind geradezu lax. Und genau diese Lücke machen sich die Drogenkartelle zunutze, um ihre Waren in einem ausgeklügelten Netz um die Welt zu schmuggeln. Schiffe aller Arten und Größen bieten Hunderte von Verstecken für Rauschgift. Schmuggler verkleben Kokainpakete am Außenrumpf von Frachtern, bauen Mini-Transport-U-Boote oder chartern legal Schiffe, die sie nur zum Drogentransport nutzen. Heute werden siebzig bis achtzig Prozent des weltweit konsumierten Kokains auf dem Seeweg verschoben.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Recherche für das Buch Ihr Verständnis von den Kartellen verändert?

Pérez: Mich hat überrascht, wie eng die einzelnen Kartelle interkontinental kooperieren. Mexikanische Kartelle, die auch im Seehandel den Ton angeben, arbeiten zum Beispiel eng mit italienischen zusammen, wenn es darum geht, Kokain sicher nach Hamburg zu bringen, und von dort weiter an Zielorte in Nord- und Osteuropa. Der Kokainhandel in deutschen Gewässern und Häfen ist bestens organisiert.

SPIEGEL ONLINE: Muss man die Rolle des "Narco", des Drogenbosses, überdenken?

Pérez: Nach wie vor denken die meisten Menschen beim Drogenboss an hemdsärmelige Typen wie vielleicht "Chapo" Guzmán, die Stiefel, Revolver und Cowboyhut tragen. Aber heute sind Kartelle hochorganisierte, hochtechnisierte und hochvernetzte Syndikate des organisierten Verbrechens, für die Ingenieure, Logistiker, Techniker und Kapitäne arbeiten. Die einen werden gezwungen, die anderen machen es freiwillig.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Verdugos" (Henker) beschäftigen Sie sich mit der Rolle des Militärs in Mexiko. Das Thema hat durch das Verbrechen an den 43 Studenten von Ayotzinapa gerade eine ungeahnte Aktualität bekommen.

Pérez: Ja, man fragt sich, was das in Iguala stationierte 27. Infanteriebataillon in der fatalen Nacht des Verschwindens der Studenten gemacht hat. Eindeutig wussten die Militärs, was passiert. Und warum durften die internationalen Experten die Soldaten nicht befragen? Insgesamt ist die Rolle der Streitkräfte im Drogenkrieg sehr zwielichtig. Soldaten foltern Verdächtige und ermorden kaltblütig Zivilisten.

SPIEGEL ONLINE: Das unaufgeklärte Verschwinden der 43 jungen Männer lässt die Welt mit vielen Fragen zurück.

Pérez: Der Fall Ayotzinapa ist der große Makel, mit dem die Amtszeit von Präsident Enrique Peña Nieto auf immer behaftet sein wird. Und die Welt hat gesehen, wie die Justiz in unserem Land bei Verbrechensfällen agiert. Beweise werden grob und plump manipuliert, um die Wahrheit zu verschleiern. Aber dieser Fall ist besonders grotesk, und man schämt sich dafür, wie versucht wird, renommierte Experten und internationale Organisationen an der Nase herumzuführen. Dahinter steckt die Frage, warum die Regierung so viel Aufwand betreibt, um die Wahrheit nicht ans Licht kommen zu lassen. Aber das Schlimmste ist, dass die Eltern der 43 alleine bleiben. Wie erklärst du ihnen, dass es für ihre Kinder keine Gerechtigkeit geben wird?

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen Ihr neues Buch wieder Drohungen eingebracht?

Pérez: Ja, aber ich darf mich doch davon nicht einschüchtern lassen. Ich will nichts anderes machen. Aber es stimmt schon, die Angst lähmt dich. Im Moment ziehe ich alle sechs Monate um. Vielleicht sollte ich das noch öfters tun.

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