Buch zu Haneke-Film: Liebe zum Lesen

Von Sonja Hartwig

Zwei Menschen lieben sich, sie altern gemeinsam - und dann kann einer der beiden nicht mehr. Zum großartigen Film "Liebe" von Michael Haneke gibt es ein wunderbares Buch. Es lohnt sich - vor und nach dem Kinobesuch.

Hanekes "Liebe": Die Seiten zum Film Fotos
X Verleih

Wenn es ein Buch und einen Film gibt, muss man sich entscheiden: Erst das Buch und dann den Film? Oder erst den Film und dann das Buch? Wie man es auch macht, meist ist man enttäuscht. Nun aber gibt es eine Ausnahme, bei der dies nicht gilt: "Liebe".

So heißt der neue Film von Michael Haneke. An diesem ist vieles toll, das Schonungslose, das Schmerzliche; das Implizite und das Indirekte. Mit am tollsten aber sind die Dialoge: Jeder noch so kleine Satzwechsel, der eine eigene Geschichte erzählt. Um das zu spüren, muss man nicht ins Kino gehen; es reicht, das Buch zum Film aufzuschlagen.

Zum Beispiel auf Seite 88. Dort heißt es:

"Anna öffnet mit der beweglichen Hand das Album, betrachtet die Bilder, blättert dann die Seiten um, schaut."

"Anna: Das ist schön.
Georg: (befangen, leise) Was?
Anna: Das Leben... so lang... das lange Leben...

Georg schaut sie an. Sie blättert weiter. Nach einer Weile wendet sie sich zu ihm.

Anna: Hör auf, mich zu beobachten.
Georg: (ertappt) Tu ich nicht.
Anna: Tust du doch. So blöd bin ich noch nicht."

Anna und Georg sind die Protagonisten, seit Jahrzehnten verheiratet, beide waren sie Musikprofessoren, hatten ein ausgefülltes Leben. Dieses prallt plötzlich mit voller Wucht auf ihre Gebrechlichkeit. Der Bruch in ihrem Alltag beginnt, als Anna gepflegt werden muss. Ein Schlaganfall, sie ist halbseitig gelähmt. Anna kann nicht mehr für sich allein sorgen, Georg muss sich um sie kümmern.

Für beide ist es ein Schritt, der eine neue Distanz in ihre Nähe bringt, es ist ein neues Kapitel in ihrer gemeinsamen Biografie, und in jeder Szene ihres Alltags müssen sie nach einer neuen Balance suchen, das Damals gibt keinen Halt mehr. Buch und Film sind ein Protokoll dieses Lebensversuchs.

Zärtlichkeit in der Härte

Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie groß einfacher Stoff ist. Im Simplen steckt volle Wucht: Ein Ehepaar in der gemeinsamen Wohnung, alles kreist um ihre Erinnerungen und um ihre Endlichkeit. Die Zärtlichkeit in der Härte macht diese Handlung gut. Der Film hat 61 Szenen, im Buch sind diese auf 170 Seiten zu lesen. Außer dem Drehbuch befinden sich darin Teile des Storyboards, Filmstills und ein Essay über die Spuren der Liebe in den Filmen von Haneke. Der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen fragt in diesem: "Ist es das letzte bürgerliche Trauerspiel, will sagen: ein Spiel zur Rückgewinnung der Fähigkeit zu trauern? Oder ist es ein moralisches Gleichnis über Hingabe, Verantwortung und freien Willen?"

Was es auch ist: Um dieses Werk zu begreifen, bringt es nichts, die Szenen zu beschreiben. Man muss die Sätze lesen und die Geschichte erleben. Einmal zum Beispiel kommt Georg, leicht durchnässt, zur Tür herein. Er war bei einem Begräbnis und erzählt Anna, die im Rollstuhl sitzt, von einem Priester, der ein Schwachkopf war, erzählt von einer peinlich pathetischen Rede und dass "Yesterday" gespielt wurde. Anna unterbricht ihn.

"Anna: Es gibt einfach keinen Grund, weiterzuleben. Ich weiß, dass es nur schlechter werden kann. Warum soll ich uns das antun? Dir und mir.
Georg: Du tust mir nichts an.
Anna: Du muss nicht lügen, Georg.

Pause.

Georg: Stell dir vor, du wärst an meiner Stelle. Hast du dir nie vorgestellt, dass einem von uns beiden so was passieren kann?
Anna: Natürlich. Aber Vorstellung und Wirklichkeit haben wenig gemeinsam.
Georg: Es wird doch täglich besser. Wir werden ...
Anna (unterbricht): Georg, ich will nicht mehr. Du bemühst dich rührend, mir das Ganze zu erleichtern. I c h will nicht mehr. Meinetwegen. Nicht deinetwegen.
Georg: Das glaub ich dir nicht. Ich kenne dich. Du glaubst, dass du eine Last für mich bist. Stell dir den umgekehrten Fall vor: Was würdest du tun?
Anna: Ich weiß es nicht. Ich will mir nicht deinen Kopf zerbrechen. Ich bin müde. Du strengst mich an. Alles strengt mich an. Ich kann nicht reden. Ich möchte ins Bett.

Er schaut sie an. Schließlich steht er auf und rollt sie aus dem Bild."

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1. Meisterwerk.
timepiece123 01.10.2012
Zitat von sysopZwei Menschen lieben sich, sie altern gemeinsam - und dann kann einer der beiden nicht mehr. Zum großartigen Film "Liebe" von Michael Haneke gibt es ein wunderbares Buch. Es lohnt sich - vor und nach dem Kinobesuch. Michael Haneke Liebe - das Buch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/michael-haneke-liebe-das-buch-a-858359.html)
Ein phantastischer Film mit großartigen Schauspielern. Mehr muss man da nicht sagen.
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