Michael Kleebergs "Vaterjahre" Väter sind die besseren Spießer

In "Vaterjahre" erzählt Michael Kleeberg seine Jedermann-Saga weiter: Charly Renn hat nun Familie, einen guten Job - und erlebt manchmal den Zauber der bürgerlichen Vergegenwärtigung.

Von Thomas Andre

Michael Kleeberg: Großes Wohlwollen und milde Ironie
Vivian Rheinheimer

Michael Kleeberg: Großes Wohlwollen und milde Ironie


Charly Renn, der eigentlich Karlmann Renn heißt, macht sich in die Hose. Im Straßenverkehr, auf der Köhlbrandbrücke in Hamburg, der Stadt in Michael Kleebergs neuer Roman spielt. Charly Renn, ein Mittdreißiger, erleidet aus dem Nichts heraus eine Panikattacke, die sich in einem "eruptiven Durchfall" äußert, wie der Erzähler das nennt.

Dieser Erzähler ist in "Vaterjahre" ein unbedingt der Fairness verpflichteter Chronist; er blickt mit großem Wohlwollen und milder Ironie auf den Romanhelden. Die Leser kennen diesen schon aus dem 2007 erschienenen Erstling "Karlmann", der in die von keinerlei Besonderheit gestörte Existenz eines Mannes im unauffälligen Westdeutschland eintauchte. Es waren die Achtzigerjahre, die Deutschen schauten noch Wimbledon, die typischen Repräsentanten der Wohlstandsgesellschaft leben ein Leben, in dem man sich nicht unbedingt hochkämpfen muss: Der höchste Ausschlag auf der Skala des Außergewöhnlichen ist die erotische Eskapade.

Die gibt es in "Vaterjahre" nicht mehr, denn Charly ist jetzt verheiratet und hat zwei Kinder. Und er hat sich in diesen präzise und hochreflexiv geschilderten Alltags-Etappen über die Ebenen des bürgerlichen Lebensentwurfs immer im Griff - wenn nicht gerade der Schließmuskel versagt. Charly Renn arbeitet bei einem äußerst hanseatisch geprägten Kautschukunternehmen, in dem Sekretärinnen "Frau Ecks-tein" heißen. Charly, der Volkswirt, kümmert sich um die Finanzen des Traditionshauses, und um Haben und Soll geht es ja auch dem Mann, wenn er sich im sogenannten besten Alter befindet. Was ist bisher erreicht, was kann noch, was muss noch kommen?

Ein Setting der Prüfungen und Selbstbestätigungen

Genau darum geht es in "Vaterjahre", das eine stilistisch beinah atemberaubende und inhaltlich auf virtuose Weise in Szene gesetzte Meditation über das bewusste Verspießern und die Entscheidungsfindung ist, die jener vorausgeht. Vielleicht ist der Anfall auf der Brücke ein Warnruf des nach Freiheit und Abenteuer strebenden Vagabunden-Ichs, das dieser idealtypische Protagonist einer säuberlich eingehegten Normalexistenz konsequent mundtot zu machen trachtet.

"Privatleben", "Arbeit", "Umfeld" - Kleeberg arbeitet sich kapitelweise und, äußerlich betrachtet, kühlen Herzens an den Konditionen einer Existenz in den Neunzigerjahren ab, die wir mit all ihren Ingredienzen leicht wiedererkennen. Aber in diesem Charly Renn brodelt es manchmal, denn unempfindlich für den Möglichkeitshorizont ist er ja nicht. Das Jahrzehnt der Veränderungen im wiedervereinigten Deutschland ist eine geschichtliche Phase, die für den renommierwilligen Mann zu spät kommt: Herrlich borniert cruist Renn mit dem gleichgesinnten Kumpel durch das architektonisch gebrochene Berlin und qualifiziert die aufstrebende Stadt gnadenlos ab: "Ich glaub', wenn du von der Stütze lebst oder achtzehn bist, ist das hier 'ne ganz praktische Stadt."

Es ist ein Setting der Prüfungen und Selbstbestätigungen, in das Kleeberg seinen mit Sympathie gezeichneten, aber keineswegs nur sympathischen Helden stellt. Der McKinsey-Freund ist erfolgreicher und erinnert permanent an die eigene Gewöhnlichkeit: Man ist halt einfach nicht der Beste. Und der andere, der Säufer-Freund, dem die Unfähigkeit, ein Leben mit Sinn und Verstand, mit Selbstachtung und Würde zu füllen, zum Verhängnis wird, ist der hässliche Spiegel, in dem vor allem Charlys eigenes moralisches Versagen zu sehen ist. Der tief Gefallene verreckt im Rausch am ersten Herbstfrost.

Psychologisches Fein-Tuning und entlarvende Grobheit

Anlässlich eines See-Erlebnisses von Charly und seiner kleinen Tochter gelingt es Kleeberg, den Zauber der Vergegenwärtigung einzufangen, die einen Augenblick aus dem steten Nacheinander der Eindrücke lösen: Vögel auf der Wasseroberfläche, Bewegungen, Geräusche, Hand in Hand mit der nächsten Generation. Wer Kinder hat, beglückwünscht sich an dieser Stelle für seine auch dem Allgemeinwohl dienende Entscheidung; wer keine hat, könnte das ändern wollen, wenn er Kleebergs sanft ins Pathos gewendete Beschreibungen des Banalen liest.

Psychologisches Fein-Tuning steht in "Vaterjahre" neben der Lust an der entlarvenden Grobheit - wobei es Kleebergs große Kunst ist, nicht selten beides zusammenfallen zu lassen. Wenn sich die Verfestigung eines Charakters in den Ü-30-Jahren gerade in der Verhärtung des eigenen Weltbilds zeigt, dann ist Charly Renn das Paradebeispiel: Der Ost- und Zonen-Hass des mit einer in der DDR aufgewachsenen Ärztin verheirateten Teilzeit-Chauvis ist mehr als nur ausgeprägt. Kleeberg ist ein glänzender Beobachter von Milieus. Die Pointen haben einen gewissen Wiedererkennungswert, etwa wenn er die Gekränktheit der eingemeindeten DDR-Bürger und deren Dummtrotz in Worte kleidet: "Der Kapitalismus war doch auch am Ende 1990. Hat sich mit der DDR gesundgestoßen..."

Erzählen als Mittel der Bewältigung

Anhand der Familiengeschichte der Ehefrau erzählt Kleeberg im Kleinen sogar so etwas wie einen Wenderoman. Aber in der Hauptsache berichtet "Vaterjahre" von dem mit der Gebundenheit in familiäre Zusammenhänge von Zeit und Zeit hadernden Mann. Wer will, kann den mit Humor, Wärme und Schärfe erzählten Roman, in dem das Prinzip des Unsentimentalen meistens über das Anrührende triumphiert, als Werbung für das Konzept Familie lesen.

Die Schlussszene des Romans ist gut gewählt, denn der Tod gehört auch zum Leben der Normalen: Der Pater familias Charly Renn dimmt die Trauer über das Ableben des Familienhundes in einer großen Erinnerungsrunde des ganzen Clans auf das Maß des Erträglichen - Erzählen als Mittel der Bewältigung.

Genau das ist übrigens auch der ganze Roman: eine Trostreichung für alle in einer allzu gemächlich-glücklichen Biografie Gestrandeten, die nur manchmal noch daran denken, dass das Leben auch ganz anders sein könnte.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.